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Full text of "Aus den letzten Jahren der Kaiserin Elisabeth"

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AUS 

DEN LETZTEN JAHREN 

DER 

KAISERIN ELISABETH. 




WIEN 1909. 

FÜR ÖSTERREICH-UNGARN FÜR DAS DEUTSCHE REICH 

UND BOSNIEN-HERZEGOWINA : UND DIE ÜBRIGEN LÄNDER : 

ADOLF HOLZHAUSEN WILHELM ENGELMANN 

IN WIEN. IN LEIPZIG. 




Druck von ADOLF HOLZHAUSEN in Wien 

K. UND K. HOF- UND UNIVERSITÄTS-BUCHDRUCKER 



VORWORT. 



Die Jahre eilen. Und wie sie vorüberziehen, 
ist's mir, als würde der Lufthauch, den ihre rau- 
schenden Fittiche mir zuwehen, immer kühler. 

Mich fröstelt. Der feuchte Herbst, der kalte 
Winter senden mir, ganz nahe schon, ihre trauri- 
gen Grüße zu. Ich muß eilen, denn auch das 
Leben eilt. 

Unter solchen Gedanken suchte ich die Briefe 
hervor, die ich an meine Mutter geschrieben, und 
will versuchen, sie für ein Buch der Pietät zu be- 
nützen, dessen Niederschrift ich mir in den schwer- 
sten Stunden meines Lebens angelobt habe. 

Die Briefe stammen sämtlich aus den Tagen, 
in denen ich im Dienste unserer erhabenen Frau, 
der Kaiserin und Königin Elisabeth gestanden; 
ihnen sind diese Aufzeichnungen entnommen und 
geleiten sie treu bis an das Grab. 



IV Vorwort. 

Ich weiß, daß meine Feder schwach ist, und 
habe dennoch das Gefühl, daß es gut war, diese 
Arbeit zu tun. 

Der Glückliche, dem es dereinst vergönnt 
sein wird, die erhabene Gestalt unserer Herr- 
scherin in der vollen Wahrheit ihrer strahlend 
poetischen Erscheinung für die Nachwelt zu ver- 
ewigen, mag auch diese bescheidenen Aufzeich- 
nungen zur Hand nehmen, er wird ihnen Züge 
entlehnen, ohne die ihr Bild nicht vollständig 
wäre, er wird da Offenbarungen finden, die aus 
der Tiefe ihrer gesegneten Seele emporgeschwebt 
sind. Mir ist es ein beglückendes Bewußtsein, 
auf solche Weise Mitarbeiterin jenes glücklichen 
Künstlers zu werden und bei einer würdigen 
Darstellung der Gestalt unserer Kaiserin durch 
meine schwärmerische Liebe für sie werktätig 
zu sein. 

Szobräncz, 10. September 1909. 

Irma Gräfin Sztäray. 



August 1894. 

Ein Brief aus Ischl. Noch niemals brachte 
mir die Post eine freudigere Botschaft. Was ich 
nach dem Lesen dieses Briefes empfand, kann nur 
der ermessen, dem es zumindest einmal gegeben 
ward, ein stillgehegtes heißes Verlangen urplötz- 
lich, wie auf ein Zauberwort, erfüllt zu sehen. 

Immer wieder durchlas ich den Brief und 
ich fühlte, daß meine Sonne den Zenith erreicht 
hatte. 

Hätte in diesem Augenblicke das Buch des 
Schicksals vor mir gelegen, es wäre mir vielleicht 
gar nicht eingefallen, hineinzublicken, so sehr be- 
mächtigte sich meiner die Fülle der Gegenwart. 
Und doch gestaltete sich der Tag, an dem dieser 
Brief in mein stilles Szobränczer Heim flog, fast 
verhängnisvoll. 

Ich machte in heiterer Gesellschaft einen Aus- 
flug nach dem nahegelegenen lieblichen Meerauge. 
Bergab fahrend, wurde mein Kleid vom Rade er- 



2 1S94. 

faßt, das mich mit sich fortschleifte. Ich schwebte 
in Lebensgefahr. Glücklicherweise gelang es noch 
rechtzeitig, den Wagen zum Stillstande zu bringen. 
Mein Kleid war zerrissen, sonst kam ich mit dem 
bloßen Schreck davon. 

Ich stand noch ganz unter dem Eindrucke 
dieses Erlebnisses, als ich, zu Hause angekommen, 
glücklich bewegt, den Ischler Brief las. Ihre Maje- 
stät die Kaiserin und Königin ließ mich zu sich 
berufen und gleichzeitig befragen, ob ich Kraft 
genug in mir fühlte, um sie auf ihren für- diesen 
Winter geplanten weiten Reisen zu begleiten. Ach, 
ich fühlte in diesem Augenblicke die Kraft, mit 
ihr bis ans Ende der Welt zu gehen! 

Was ich antwortete? 

Am nächsten Tage reiste ich nach Ischl. 

In begreiflicher Befangenheit stieg ich auf 
dem Ischler Perron aus, von wo mich ein Hof- 
wagen in die kaiserliche Villa brachte. Der Hof 
dinierte eben. Ich begab mich daher zu Frau Ida 
v. Ferenczy,*) deren tiefinnerliches Wesen und 
herzlicher Empfang sehr beruhigend auf mich 
wirkten. 



*) Vorleserin Ihrer Majestät der Kaiserin. 



1894- 3 

Ist es denn auch zu verwundern, dachte ich 
bei mir, daß ich jetzt so überaus bewegt bin? 
Wie aus einem Traume erwachend, stehe ich da 
am ersehnten Ziele! Ihr werde ich dienen dürfen, 
die ich bisher nur aus der Ferne mit verehren- 
den Gedanken begleitete! Und da ich mich 
heute an ihre Seite stelle, fühle ich die ganze Be- 
deutung dieses Augenblickes; mein Herz pocht 
und meine Seele bebt. Ich kenne ja die Kaiserin 
gar nicht. 

Den Nachmittag verbrachte ich mit Gräfin 
Mikes, Hofdame Ihrer Majestät. Dankbar gedenke 
ich dessen, daß sie es war, die mir während der 
Spazierfahrt die ersten Weisungen für meinen 
künftigen Dienst erteilte. 

Ich erinnere mich, daß sich mir aus dieser, 
auch die Details erörternden gütigen Belehrung 
zwei charakteristische Momente sofort in die Seele 
prägten. 

Erstens, daß Ihre Majestät nur mit geraden, 
aufrichtigen Menschen sympathisiere und gerne 
auch ein unangenehmes Wort gestatte, wenn es 
nur wahr sei; weiters, daß sie mit Rücksicht auf 
ihre empfindlichen Nerven von ihrer Umgebung 
unbedingte Selbstbeherrschung und eine wohl- 



4 1894- 

tuend wirkende Ruhe erwarte. Der ersten Be- 
dingung glaubte ich leicht entsprechen zu können, 
hinsichtlich der zweiten aber vertraute ich auf 
Gott und gelobte mir die größte Selbstbeherr- 
schung. Am nächsten Morgen empfing mich 
Gratin Mikes mit dem Bedeuten, daß ich aller 
Wahrscheinlichkeit nach noch im Laufe des Vor- 
mittags vorgestellt werden würde, es sich daher 
empfehle, mich rechtzeitig bereit zu halten. Doch 
kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, kam 
schon der Befehl, wir sollten unverzüglich kom- 
men, Ihre Majestät erwarte uns. 

So geschah es, daß ich nicht einmal mehr in 
meine Wohnung gehen konnte; die Gräfin half 
mir mit ihrer Toilette aus und ich trat in fremden 
Kleidern zum ersten Male vor die Kaiserin. 

Der große Augenblick war nun da. 

Pochenden Herzens stand ich mit meiner 
Gefährtin an der Ecke der Villa und gleich darauf 
erblickte ich Ihre Majestät; sie promenierte. Unter 
ihrem großen weißen Schirme ergoß sich das 
Licht auf das aufgelöst herabwallende Haar, das 
wie eine schimmernde Hülle ihre königliche Ge- 
stalt umfloß. Jetzt wandte sie sich, wir näherten 
uns und ich wurde vorgestellt. 



1894. 5 

Sie hatte etwas in ihrem Wesen, das faszi- 
nierte. Während ihr leuchtendes trauriges Auge 
zum ersten Male auf mir ruhte, stand ich wie im 
Banne eines überirdischen Wesens und meine 
Seele empfand gleichsam schmerzlich ihre Minder- 
wertigkeit und Alltäglichkeit. Ob sie es wahr- 
nahm, weiß ich nicht, doch kam sie mir selbst 
zu Hilfe mit ihrem holdseligen Lächeln, das be- 
zauberte und — befreite. Es war eine einzig un- 
vergeßliche Audienz. 

Durch Fragen, die sie an mich richtete, und 
durch Antworten auf meine Fragen suchte mich 
die hohe Frau in entzückend freundlicher Un- 
mittelbarkeit kennen zu lernen. 

Meine Befangenheit schwand wie Nebel- 
dünste im Sonnenschein. Ich fühlte die Nähe 
einer großen und guten Seele, die mich ermutigte, 
ja erhob. 

Ich empfand, daß ich die Höhe ihres Fluges 
niemals erreichen würde, und doch fühlte ich 
mich durch ihre Güte wie mit emporgehoben. 

Ich fühlte ihre sieghafte Macht, und schon 
hier, bei der ersten Begegnung, gab ich ihr meine 
ganze Seele zu eigen, kraft jener unwiderstehlichen 



6 iSg4- 

Anziehungskraft der Seelen, die nach höheren 
Regionen streben. 

Beim Abschied küßte mich die Kaiserin. 
Wie glücklich war ich! 

Wenn sich in diesem Augenblicke der Schleier 
des Schicksals gehoben und ich die letzte Station 
dieses Kalvarienberges erblickt hätte! — Aber 
auch dann wäre ich mit ihr gegangen. 

Noch lange sah ich der 'herrlichen Gestalt 
nach, die sich entfernte, dann ging auch ich. Und 
in dieser glücklichen Stunde wurde mein Schick- 
sal besiegelt — mit schwarzem Siegel besiegelt. 

Am selben Tage war ich zur Hoftafel gela- 
den, an der jedoch die Kaiserin nicht teilnahm. 
Ich saß neben dem kleinen bayrischen Prinzen 
Konrad und ergötzte mich an ihm, denn er war 
ein ebenso unverfälschter kleiner Schelm wie an- 
dere Schelmchen dieses Alters, die nicht im Pur- 
pur geboren sind. Seine Erziehung war sehr streng. 
Er bekam keine Mehlspeise, bis er seinen Braten 
nicht verzehrt hatte, und mich belustigte gerade 
die Spitzfindigkeit, mit der Konrad diesem Zwange 
teils auswich, teils ihm ein Schnippchen schlug. 

Einen tiefen Eindruck machte auf mich die 
außerordentliche Zuvorkommenheit unseres er- 



i8 94 . 7 

habenen Kaisers Damen gegenüber; er läßt diesen 
stets den Vortritt in den Saal und nimmt aus 
der Schüssel immer erst nach der präsidierenden 
Dame, wäre diese auch die jüngste Diensttuende. 
Mit Rücksicht auf dieses Gehaben hörte ich 
oft die Bemerkung, daß Seine Majestät nicht nur 
ein großer Herrscher, sondern auch der erste 
Ritter sei. Aber es ist mehr als das: es ist die ihm 
angeborene kaiserliche Vornehmheit! 



Unsere Abreise fiel auf den ersten Tag des 
Dezembers. Die Burg verlassend, fuhr ich, von 
den guten Wünschen meiner Kolleginnen und Be- 
kannten begleitet, zum Bahnhofe, wo einige Mi- 
nuten später auch Ihre Majestäten eintrafen. 

Der Kaiser verabschiedete sich mit Wärme 
und Herzlichkeit von der hohen Frau und reichte 
mir dann mit einigen gütigen Worten die Hand, 
worauf wir abreisten. 

Mir war's, als ob mit dem Sonderzuge das 
Rad des Schicksals mich dahintrüge und von 
diesem Augenblicke ab mein Geschick mit der 
Kaiserin für immer unzertrennlich verbunden 
wäre. 



b 1894. 

Ich erwachte an einem herrlichen Morgen. 
Himmel und Erde strahlten, selbst der Karst 
glitzerte und glänzte mit beschneitem Haupte her- 
ab auf die sommerlich lächelnde Gegend. 

Ein voller Strahl dieses Leuchtens fiel auf 
das Tuskulum des verewigten Kaisers Maximilian, 
das schöne Miramare, wo wir jetzt anlangten. 
Noch blühten in voller Pracht die Rosen. Wie 
schön wäre es, hier länger zu weilen, wo die 
poesievolle Umgebung dem Wesen der Kaiserin 
so sehr entspricht! Leider blieben wir nur wenige 
Stunden; denn dort in der kleinen Bucht unter 
dem Schlosse wiegt sich schon die weiße Jacht, 
die «Miramare>. Sie harrt unser, uns hinauszu- 
tragen in die azurne Unendlichkeit. 

Der Augenblick der Einschiffung war ge- 
kommen. Zwischen dem Spalier der Offiziere 
bestiegen wir das Verdeck. 

Kommandant Wachtel stellt die Herren der 
hohen Frau vor, die für jeden einzelnen ein freund- 
liches Wort hat, und erbittet dann die Erlaubnis, 
das Zeichen zur Abfahrt geben zu dürfen. 

Die Kaiserin gab die Erlaubnis und begab 
sich sofort auf das für sie reservierte Promenade- 
deck, von wo sie die Abfahrt mitansah. 



i8 94 . 9 

Von dieser ungefähr fünfzig Schritte langen 
Brücke betrachtete die Kaiserin das friedliche 
Spiel und die tosenden Kämpfe der Elemente; 
hier pflegte sie sich auch vorlesen zu lassen, wenn 
sie im Auf- und Niedergehen ermüdete oder ihrer 
immer regen Phantasie eine andere Richtung zu 
geben wünschte. 

Wie ich sie jetzt dort oben auf- und nieder- 
schweben sah, vermochte ich nicht das Auge von 
ihr zu wenden. Ihrer schlanken Gestalt schienen 
Fittiche zu wachsen und ihr leuchtender Blick 
verriet, daß ihre Seele hier an der Schwelle der 
Unendlichkeit fessellos sich erhob, hinaus in das 
Unermeßliche, in das Geheimnisvolle. 

Jetzt wurden die Anker gelichtet. Als ob 
diese Kette in meinem Herzen erklirrt wäre und 
mich hinweggerissen hätte aus einem sicheren 
ruhigen Hafen. Der schwimmende Palast verläßt 
leicht schaukelnd und majestätisch die Bucht, 
während Wasservögel in auffallend großer Zahl 
ruhelos das Schiff umkreisen. 

Dieses geräuschvolle Flattern der Möwen und 
der sich soeben erhebende Wind, der noch keine 
Wellen wirft, aber doch schon das Meer erzittern 
macht, wecken meine schlimmsten Ahnungen. 



IO 1S94. 

Was da wohl kommen mag? Nur zu bald 
kam ein Sturm heran. Der Himmel weiß, woher 
urplötzlich die vielen Wanderwolken kamen und 
woher mit so wilder Kraft die Bora heranbrauste; 
ich sah nur, daß es brauste, stürmte und wogte, 
und nach kaum einer Stunde hatte unsere Jacht 
gegen den wütendsten Seesturm anzukämpfen. 

Ihre Majestät mochte wohl fühlen, welch 
schwere Augenblicke ich jetzt durchlebte. Ich 
riß mich von meiner Vergangenheit los, fort von 
meinem ruhig dahinfließenden Leben, und vor 
mir lag die Ungewißheit, und das Meer, das große 
unbekannte, ist mir nicht freundlich gesinnt. 

Die Kaiserin sah in meine Seele. Sie rief 
mich zu sich. An ihrer Seite, auf dem Verdeck 
auf- und abwandelnd, lauschte ich mit Ergriffen- 
heit ihren Worten. Ich fühlte, daß sie mein Ge- 
müt erhellen wollte. Ihre Stimme war einschmei- 
chelnd milde, ihr Wort ermutigend und liebko- 
send. Sie blickte mich mit gütigen Augen an, wie 
man es mit einem scheuen Kinde tut, wenn man 
mit einigen lieben Worten aus seiner Seele 
Kummer und Angst bannen will. Nur große, 
gütige Seelen verstehen es wie sie, befreiend auf 
das Gemüt einzuwirken. Und dies genügte ihr 



1894. x x 

nicht; sie erhob meine Seele, um sie an den 
Ausbrüchen der Natur bewundernd teilnehmen 
zu lassen. 

Zum Lobe des herrlichen Anblickes fand sie 
die köstlichsten Worte, sie sprach als geweihte 
Priesterin der Natur, die mit durchgeistigtem 
Antlitz in Sturm und Gefahr ihrer Meisterin 
seelenbewegendes Evangelium verkündet. «Wen- 
den Sie sich nur ihr zu, erkennen Sie die erhabene 
große Vermittlerin! Sie allein spricht mir würdig 
von Gott. Sie allein ist meine einzige Fürspreche- 
rin bei ihm!» 

Und der Sturm tobte fort, gleichsam als eine 
erhabene würdige Begleitung dieser herrlichen 
Offenbarung. Die «Miramare» hielt sich tapfer, 
obschon die Situation gefahrdrohend schien, wie 
dies in den besorgten Mienen des wackeren Kom- 
mandanten Wachtel deutlich zu lesen war. Und 
hier hatte ich wieder Gelegenheit, einen Blick in 
die Seele der Kaiserin zu tun. Man sah, wie sie 
im Sturme gleichsam auflebte, daß ihr Auge be- 
wundernd an dem wechselvollen Farbenspiele 
hing, das sich ihr ringsum bot, allein in Kenntnis 
der Verantwortlichkeit, die den Kommandanten 
belastete, beraubte sie sich dieses seltenen Natur- 



1 2 1894- 

Schauspieles und gestattete, daß wir umkehrten 
und uns in den Hafen von Pola flüchteten. Hier 
warteten wir zwei Tage. 

Der Sturm aber tobte immer stärker. Die 
hohe Frau wurde des Wartens müde und so kam 
es, daß unsere so poetisch begonnene Seereise in 
Form einer alltäglichen Eisenbahnfahrt von Pola 
nach Marseille endete, die mit dem Expreßzuge 
fast drei Tage währte. Die Kaiserin liebte Eisen- 
bahnfahrten überhaupt nicht, weil sie der Bewe- 
gung und der reinen frischen Luft entbehren 
mußte. Sie schritt im Gange des Schlafwagens 
auf und nieder und blickte, unbekümmert um die 
Reisenden, durch die Fenster auf die vorüber- 
ziehenden, abwechslungsreichen Bilder. Ober- 
italien mit Venedig und dem alten Campanile, 
Romeos und Julias Geburtsstadt, der herrliche 
Gardasee mit dem Hintergrunde der Alpen, dann 
Mailand mit seinen schlanken Türmen erschienen 
und entschwanden im Nebelschleier des Herbst- 
tages. Ab und zu kam Ihre Majestät in mein 
Coupe und erkundigte sich mit Interesse, ob mich 
die lange Reise nicht ermüde. 

Sie selbst ermüdeten derlei Reisen nicht, 
doch machten sie sie zuweilen ungeduldig; dann 



i3 



ließ sie sich von ihrem griechischen Vorleser eini- 
ges vorlesen. 

In Marseille kamen wir um 6 Uhr früh an. 
Am Abend vorher ließ mir Ihre Majestät sagen, 
ich sollte bereit sein, da wir in der Stadt einen 
größeren Spaziergang machen würden. Bei dieser 
Gelegenheit prüfte sie mich zum ersten Male auf 
meine touristische Befähigung. Wir gingen mit 
einem Führer nach Notre Dame de la Garde, der 
Wallfahrtskirche der Seeleute. Auf einem hohen 
Berge steht sie da, wie ein Pharos die schneebe- 
deckten Berge und die Stadt beherrschend, weit 
hinausblickend ins Meer, ermutigend und jenen 
den Weg weisend, die mit den Wellen kämpfen. 

Unser Führer machte uns auf den bereit- 
stehenden Lift aufmerksam, allein wir erstiegen 
die Höhe zu Fuß. 

Als wir die Kirche betraten, ließ Ihre Majestät 
durch mich zwei große Kerzen kaufen, zündete 
sie an und stellte sie wortlos vor das Bild der 
Mutter Gottes hin: für den Kaiser und für Valerie. 

Wir traten dann hinaus auf den Platz vor 
der Kirche, von wo sich uns ein herrlicher Aus- 
blick darbot. Die Kaiserin blickte nur flüchtig 
auf die Stadt; der Hafen und das Meer nahmen 



1 4 i894- 

ihre Aufmerksamkeit gefangen. Sie wandte sich 
zu mir und wies mit der Hand auf das tief unter 
uns gelegene Schloß If: «Sehen Sie, dieses inspi- 
rierte Dumas zu seinem Monte Christo. > 

Abwärtssteigend erfragte Ihre Majestät von 
unserem Führer ein Restaurant, wo wir früh- 
stücken könnten. Der gute Mann nannte nach 
einigem Zögern ein solches, das hieß «zum bluti- 
gen Beefsteak» und empfahl es wärmstens. Er 
hielt uns natürlich für Engländer. Hieraus ent- 
wickelte sich dann eine spassige Szene. Wir 
treten in das Restaurant. Ich blicke um mich und 
sehe mit Besorgnis, daß man hier an vornehme 
Damenbesuche nicht gewöhnt ist und die An- 
wesenden uns staunend anblicken. Es war eine 
echte Matrosenkneipe. 

Dessenungeachtet frühstückten wir sehr gut, 
die Sache amüsierte Ihre Majestät und so vergaß 
ich meine Besorgnisse. Auch später lachten wir 
noch viel über diesen Fall, und ich muß gestehen, 
daß unsere Mitgäste, vielleicht infolge der Über- 
raschung, oder wegen einer gewissen Empfindung, 
sich recht anständig betragen haben. 

Nach diesem intimen Frühstück blieb uns 
nur mehr Zeit, an Bord zu gelangen, damit sagten 



1894. 1 5 

wir Europa Lebewohl! Auf gute Landung in 
Afrika. 

Der «General Chanzy» war ein großes und 
schönes Schiff, das bis Algier nicht mehr als 
26 Stunden brauchte. 

Wir standen mit der hohen Frau auf dem 
Verdeck. Langsam entschwindet die Stadt un- 
seren Augen, das Ufer zeigt sich nur mehr als 
ein langer schwarzer Streifen; doch von dem 
Turme der Notre Dame de la Garde sehen wir 
noch deutlich die weithin leuchtende Marien- 
statue mit der Krone auf dem Haupte und dem 
Jesuskind im Arme. 

Der Golfe du Lyon verdient mit Recht seinen 
Ruf der Gefährlichkeit und Unverläßlichkeit. Das 
Meer, zuvor noch spiegelglatt, ließ nach kaum 
einer Stunde unser Schiff schon ganz gehörig 
tanzen. 

Ich hielt mich möglichst lange tapfer, das 
Schäumen und das wechselnde Farbenspiel der 
Wogen betrachtend, bis ich selbst die Farbe 
wechselte und an den schleunigen Rückzug den- 
ken mußte. Ihre Majestät bemitleidete mich mit 
gütigem Lächeln, namentlich weil ich mein Auge 

an den wilden Szenen des Sturmes nicht mehr 

2* 



1 6 ^894- 

weiden konnte. Sie widerstand wunderbar der 
Wellenbewegung und Seekrankheit war ihr un- 
bekannt. 

Es kam vor, daß sie sich anbinden ließ, um 
nicht hinweggespült zu werden und so unbehin- 
dert die Großartigkeit des Wellenkampfes be- 
wundern zu können. 

Afrika empfing uns nicht mit sonderlicher 
Gastfreundschaft. Das Ufer verbarg sich im Nebel, 
das nahe Gebirge in den Wolken, bloß der vom 
Bergeshange her weißleuchtende arabische Stadt- 
teil Algiers bietet dem Auge einen Ruhepunkt. 
Unsere Wohnung war in dem auf Mustapha su- 
perieur gelegenen Hotel Splendide bestellt, wohin 
wir uns jetzt zu Wagen, auf einer schön geführten, 
aber stellenweise etwas steilen Serpentine be- 
gaben. Gelegentlich dieser etwa halbstündigen 
Wagenfahrt gewahrte ich mit Überraschung, daß 
unsere Kaiserin, die bekannt kühne Reiterin, im 
Wagen sitzend, nervöse Ängstlichkeit verriet. Es 
gab einen Augenblick, da hing es nu" an einem 
Haare, daß sie nicht aus dem Wagen sprang, aus 
quälender Angst, die Pferde könnten den Dienst 
versagen und der Wagen die abschüssige Bahn 
zurückrollen. 



i8 94 . I 7 

In solchen Momenten mußte ihre Begleiterin 
um so mehr Kaltblütigkeit bewahren. Die Nerven 
haben eben ihre Idiosynkrasien. Es gibt Nerven, 
die dem Sturme der Elemente trotzen, die aber 
ein unangenehmer Ton, ein aufdringlicher Duft 
oder das momentane Gefühl der Unsicherheit so- 
fort aus dem Gleichgewichte bringt. So war auch 
das Nervensystem unserer Kaiserin beschaffen, 
das gleichsam ihrem Wesen zu entsprechen schien. 
Starken Eindrücken widerstand es, einzelnen ge- 
ringfügigen Angriffen gegenüber aber zeigte es 
große Empfindlichkeit und Schwäche. 

Zwischen Tropenpflanzen halb verborgene, 
von Bougainvillia umrankte Villen ließen wir 
hinter uns. Links von der mit Eucalyptus, Mi- 
mosen und Brotbäumen umsäumten Straße taucht 
die herrliche Sommerresidenz des Gouverneurs 
auf und über ihr das in einem Gemisch von ara- 
bischem und modernem Stil, aber schloßähnlich 
erbaute Hotel Splendide. 

So weit das Auge blickt, werfen Palmen, Kak- 
teen und mir noch unbekannte südliche Pflanzen 
ihre Schatten auf den blendend weißen Weg und 
diese große, üppige Vegetation verwandelt die 
ganze Gegend in ein Paradies. 



1 8 iSg4- 

Wie herrlich wird es sein, all dies im Mond- 
schein zu bewundern! 

Die Wohnung der Kaiserin bestand, wie 
immer, wenn sie auf Reisen war, aus drei Räu- 
men. Ihre Fenster blickten auf das Meer, unten 
breiteten sich Gärten aus, westwärts fiel ihr Blick 
auf die Stadt und unfern auf den herrlichen Jardin 
d'Essai. Das Hotel war ringsum von Terrassen um- 
geben, die sich der Kaiserin gleichsam als Prome- 
nade boten. Meine Wohnung trug innen und außen 
arabischen Charakter, was ich sehr reizend fand. 

Der erste Eindruck war sehr günstig und ich 
sah daher mit um so größeren Erwartungen den 
hier zu verlebenden zwei Monaten entgegen. 

Einige Tage war ich dienstfrei. Diese Zeit 
benützte ich, um mich im Gehen zu üben. Ge- 
neral Berzeviczy, der derzeitige Obersthofmeister- 
Stellvertreter, war mein gefälliger und freund- 
licher Trainer. Ich erprobte mich auf Höhen und 
Ebenen und fühlte schließlich unbedingtes Ver- 
trauen zu meiner Marschfähigkeit. 

Am 12. Dezember durchstreifte die Kaiserin 
mit mir die Stadt. Wir gingen geradeaus auf das 
Zentrum los. Nach der rue de la Lyre, rue Bab 
Azoun, rue de la Republique und dem Quai 



1894. 1 9 

d' Alger. Der Gegensatz zwischen dem elegant 
modernen Stadtviertel und dem darin sich ab- 
spielenden eiligen, geschäftig pulsierenden Leben 
von echt orientalischem Charakter ist packend. 
Geräusch, ohrenbetäubendes Geschrei schwirren 
durcheinander und ein buntes Gewirre herrscht 
überall, daß man in ein Riesenkaleidoskop zu 
blicken vermeint und von den ewig wechselnden 
Farbenbildern geblendet wird. 

Und über diese lärmende, ab und zu stocken- 
de bunte Menschenflut breiten wohltuend Dattel- 
palmen, Pinien und Bambus ihre schattenspen- 
denden Schirme aus, die hier in den Straßen 
ebenso üppig gedeihen wie in der taufeuchten 
Atmosphäre des Urwaldes. Von einem solchen 
schattigen Platze betrachteten wir nun das auf- und 
niederwogende Treiben. 

Die Kaiserin war ganz entzückt; aus einem 
Lächeln oder einem heiteren Blick erkannte ich 
gleich, wenn ihr etwas gefiel oder irgendeine 
Kuriosität ihre Aufmerksamkeit erregte. 

Namentlich interessierten sie die Araber. 
Wahrlich ein schöner und edler Menschenschlag ! 
Wie sie an uns vorüberschritten in ihren weißen 
Burnussen, den stolzen Ausdruck im braunen 



20 i8 94 . 

Antlitz, mit ihrer stattlichen Gestalt, würdevollen 
Haltung, glich jeder einem Fürsten — auch wenn 
der Burnus etwas zerfetzt und abgenützt war, 
was häufig genug vorkam. 

Einen minder guten Eindruck machten die 
reichen Araber. Ihre aufgeputzte, glänzende Ge- 
wandung und das selbstbewußte Gehaben sind 
widerwärtig und erinnern an den Pfau. Was soll 
ich von den Frauen sagen? Wir bekamen ihrer 
gar wenige zu sehen. Vom Kopf bis zu den 
Füßen in weißes Linnen gehüllt, schritten einige 
träge an uns vorüber und machten den Eindruck 
wandelnder Säcke. 

Des Straßengewühles müde, verließen wir 
den Platz, um einige bemerkenswertere Bauten 
zu besichtigen. Wir besuchten die katholische 
Kirche und die Moschee, in diese fanden jedoch 
Damen keinen Einlaß. Überraschend war die 
Schönheit der bischöflichen Residenz und noch 
mehr die des Winterpalastes des Gouverneurs, 
mit ihren geschwungenen Formen, ihren säulen- 
getragenen Vorhöfen, wo jeder Bogen und jede 
Säule mit steingehauenen Spitzenmotiven ge- 
schmückt ist, so fein und zart, daß man meint, 
ein Windhauch könne sie bewegen. 



1894- 2 1 

Nach dem wir hier lange genug geweilt hatten, 
gab Ihre Majestät die Parole aus: Machen wir 
Einkäufe. 

Auch das war sehr interessant. Unter den 
Arkaden reihten sich die herrlichsten Kaufläden, 
aber die Kaiserin interessierten zumeist die dorti- 
gen Spezialitäten und die Industrie der Einge- 
borenen. Wir gingen von Laden zu Laden, 
kauften fast überall einiges und weideten unseren 
Blick an den vielen wundervollen Dingen. Be- 
zaubernde Stickereien, Seidenstoffe, in allen Far- 
ben des Regenbogens schimmernde Gewebe, 
Meisterstücke der Goldschmiedekunst und alles, 
was aus Gold und Silber, besonders aber aus 
Bronze geschmiedet und modelliert werden kann, 
in einer originellen feinen Technik, die dieses 
Volk vielleicht von den Ägyptern erlernt hat. 
Wir ließen selbst die mit Gold und Silber be- 
schlagenen, mit Edelsteinen besetzten Waffen 
nicht unbesichtigt. 

Der Einkauf ging aber nicht so ohneweiters 
vonstatten. Bei uns zulande streicht wohl nicht 
einmal der Zigeuner sein Roß so eifrig heraus 
wie der Araber seine Ware, für die er ungeheure 
Preise fordert. Nun, sie lassen mit sich reden, 



2 2 i8 94 . 

und die hohe Frau eiferte mich fortwährend zum 
Handeln an. Sie, die kaum den Wert des Geldes 
kannte, erwies sich bei solchen Einkäufen als über- 
raschend vorsichtig, und wenn wir dann mit dem 
Gekauften zum Laden hinausgingen, bemerkte 
sie lächelnd: «Wir sind ja wieder hereingefallen.» 

Nachdem unsere Einkäufe besorgt waren, 
nahmen wir Eis. Diese Erfrischung liebte die Kai- 
serin ganz besonders, sie war überhaupt in der 
Wahl ihrer Nahrung eher exzentrisch. Milch ge- 
noß sie am ständigsten. Es gab Tage, an denen 
sie ausschließlich von Milch lebte, an anderen 
Tagen wieder aß sie nur Orangen. Gebratenes 
Fleisch nahm sie zumeist kalt, den Süßigkeiten 
sprach sie nur wenig zu, weil sie das Stärker- 
werden fürchtete. 

Diese launenhafte Ernährungsweise hatte aber 
nichts mit ihrer Gesundheit zu tun, denn es kam 
nicht selten vor, daß sie, wenn es ihr paßte, ein 
ganzes Diner mit gutem Appetit verspeiste. 

Ihr Frühstück, zu dem in der Rege' Tee oder 
Milch, Butter, Eier und kaltes Fleisch serviert 
wurden, nahm sie gegen 9 Uhr; ihr Diner, um 
5 oder x / 2 6 Uhr, bestand aus Braten, Gemüse und 
dem unvermeidlichen Eis. 



1894. 2 3 

Sie nahm ihre Mahlzeiten stets allein und 
von dieser Regel wich sie nur im Familienkreise 
der Erzherzogin Marie Valerie ab. 

Es mochte 5 Uhr gewesen sein, als wir in 
das Hotel Splendide zurückkehrten. 

Mir schien es, als ob Ihre Majestät zum 
Schlüsse dieses Spazierganges wortloser und ver- 
schlossener geworden wäre. Dies berührte mich 
gar oft schmerzlichst. Ich wußte, die Kaiserin 
gewöhne sich nur sehr schwer an neue Menschen 
und ich fragte mich mit Besorgnis, ob ich ihr 
nicht zur Last wäre, ob ich ihr wohl genügen 
könnte. 

In der Nähe unseres Hotels liegt das Bois 
de Boulogne, Algiers prächtiger immergrüner 
Garten, dessen Eukalyptusse, wenn die Seeluft 
deren Blätter bewegt, die ganze Gegend mit Duft 
erfüllen. 

Hier promenierte die Kaiserin des öfteren. 
In Gedanken versunken schritt sie die sorgsam 
gepflegten, meist einsamen Pfade dahin und ließ 
sich von ihrem griechischen Vorleser griechische, 
englische und französische Werke vortragen. 
Wissenschaftliches wechselte mit Belletristischem 
ab, in den seltensten Fällen wurde ein Roman, 



24 i894- 

viel häufiger Gedichte vorgenommen. Auch die 
Kaiserin schrieb Gedichte, meines Wissens aber 
zeigte sie sie niemand. 

Das Bois de Boulogne mußte uns für viele 
Genüsse entschädigen, die der Regen, der gleich- 
zeitig mit uns hier einzog, zunichte machte. Wenn 
Ausflüge unmöglich waren, promenierten wir 
hier. Dies war auch heute der Fall. 

Ihre Majestät erkundigte sich mit außeror- 
dentlicher Wärme über den bisherigen Verlauf 
meines Lebens. 

Haarklein mußte ich alles erzählen, was mir 
im Leben Gutes oder Böses bisher begegnet war; 
namentlich mußte ich viel über Familie, Ge- 
schwister und ganz besonders über meine Mutter 
berichten. 

Wenn ich schwieg, ermutigte sie mich mit 
neuen Fragen zum Weiterreden und tat dies mit 
so warmem Interesse, als wäre von den ihr 
Nächststehenden die Rede gewesen. 

Wenn diese verschlossene große Seele sich 
einmal erschloß, überströmte sie von Wärme und 
Sympathie. 

An einem Regentage trafen wir, gleichfalls 
im verlassenen Bois de Boulogne, eine Schwämme 



i8g 4 . 25 

suchende alte Frau an, und ich erzählte der Kai- 
serin, die Algierer Blätter wüßten zu berichten, 
daß die Kaiserin sich täglich ins Bois begebe, um 
Schwämme zu suchen. «Journalisten bleiben sich 
überall gleich,» bemerkte hell lachend die Kai- 
serin, «was die schon für — Schwämme über 
mich in die Welt gesetzt haben! Soviel könnte 
diese gute Frau gar nicht sammeln, selbst wenn 
sie hundert Jahre alt würde. Sehen Sie nur,» 
fuhr sie nach einer Weile fort, «wie schwer der 
guten Alten das Bücken wird. Nein, dies wäre 
für mich, die ich mich weder zu bücken liebe, 
noch gerne still verweile, eine unerträgliche Be- 
schäftigung. Und doch bin ich nicht ungelenk — 
sehen Sie nur!» Sie blickte hierauf umher und 
als sie sah, daß fern und nah keine Seele zu sehen 
war, produzierte sie plötzlich mit großer Grazie 
ein Turnerstückchen, das einem Parterregymna- 
stiker zur Ehre gereicht hätte. «Jetzt versuchen 
Sie es mal» sprach sie und lachte herzlich, als der 
Versuch mir durchaus nicht gelingen wollte. 

Eines Morgens, als sich die Wolken zerteil- 
ten und wir die Sonne Afrikas zu sehen bekamen, 
ging ich mit Ihrer Majestät in den Jardin d'Essai, 
Algiers botanischen Garten. Der Weg dahin 



26 1894- 

fuhrt im Schatten riesiger Platanen, gegen die 
unsere heimischen Bäume Baumschulexemplaren 
gleichen. Der Garten überraschte mich höchlich. 
Hier bekam ich erst einen Begriff, was südliche 
Vegetation ist. Ficus und Palmen standen in 
großen Gruppen eng gedrängt, in Stämmen, die 
zwei Männer nicht umfangen könnten, und ihre 
Blätter schwebten über unseren Häuptern gleich 
großen Segeln ausgebreitet, so daß kein Regen 
und Wind, ja selbst kein Sonnenstrahl uns treffen 
konnte. Es herrschte etwas wie ewige Nacht unter 
den enormen Bambussen, die sich Gewölben 
gleich über uns beugten und die Luft drückend 
machten. Diese wilde Kraft und Üppigkeit der 
Natur imponierte mir außerordentlich, obschon 
sie auf mir lastete. Die zarten Kinder der Natur, 
die Blumen, haben hier nichts zu suchen. Außer 
einigen bläulichen Iris waren hier auch gar keine 
zu sehen. 

In diese blumen- und tonlose Wildnis brach- 
ten nur die Strauße einiges Leben, die hie und 
da unter den Palmen einherschritten, allein auch 
diese sind schwerfällig und träge, als fühlten auch 
sie sich von der gigantischen Vegetation erdrückt. 
So oft etwas meine Aufmerksamkeit fesselte, hielt 



1894. 2 7 

die Kaiserin sofort still, gleichsam um Zeit zu ge- 
währen, die Eindrücke in meine Seele aufzu- 
nehmen. Und sie hörte freundlich zu, wenn ich 
darüber rückhaltslos mit ihr sprach. Ich liebe die 
Botanik. Ich weiß nicht mehr wieso, vielleicht 
unter dem Einflüsse der Umgebung brachte ich 
die Rede darauf, doch bemerkte ich augenblick- 
lich, daß unsere die Natur anbetende Kaiserin 
für diese Wissenschaft wenig Interesse hatte. 

Es scheint, daß kühn sich emporschwingende 
künstlerische Seelen wie die ihre nicht gerne 
bei Details verweilen, sondern die Eindrücke in 
ihrer Ganzheit und Größe auf sich einwirken 
lassen. In dieser Wahrnehmung wurde ich durch 
die hohe Frau auch später immer wieder bestärkt. 

Und doch besaß sie merkwürdigerweise 
einen starken Sinn für Genauigkeit, namentlich 
was die wörtliche Weitergabe ihrer Befehle be- 
traf. Gerade hier sollte ich einen Beweis davon 
erhalten. 

Ehe wir heimkehrten, sandte sie mich in 
das am Garteneingange befindliche türkische Cafe, 
um Kaffee zu bestellen, wobei sie die Zeit, wann 
sie ihn zu nehmen wünschte, auf die Minute 
genau bestimmte. Als ich zurückkehrte, fragte sie 



2 8 i8 9 4- 

mich, wie ich ihren Auftrag übermittelt hätte. Ich 
wiederholte es. Sie war nicht zufrieden; ich 
mußte zurückgehen und den Auftrag wörtlich be- 
stellen. 

Auf dem Heimwege bemerkte und erkannte 
die Kaiserin die beiden Detektivs, die ich schon 
des öfteren auf unseren Spuren auftauchen ge- 
sehen. Diese Entdeckung bedrückte sie sichtlich 
und sie bemerkte unwillig: «Sie begleiten mich 
wie eine Gefangene.» 

Zu unseren afrikanischen Erlebnissen zählte 
ein Besuch, bei dem wir, wer würde es glauben, 
nicht empfangen wurden. Die Kaiserin wünschte 
den Besuch der Gouverneurin, Madame N., zu 
erwidern. Wir gingen also zur Villa hinaus und 
traten in den von Palmen beschatteten Garten, 
aus dem das kleine, im maurischen Stile erbaute 
Schloß freundlich hervorschimmerte. Ein Lakai 
übernahm die schwarzumränderte Visitkarte, auf 
der unter der kaiserlichen Krone nur das eine 
Wort stand: Elisabeth. Er entfern f e sich und 
wir warteten. Wir schritten die Gartenwege 
auf und nieder, die Zeit verstrich und wir frag- 
ten, was nun werden solle. Die Sache begann 
Ihre Majestät zu amüsieren, mich aber, was sollte 



1894. 29 

ich es leugnen, brachte sie in Verlegenheit. Und 
es wollte sich noch immer kein Mensch zeigen. 
Endlich, nach langem Harren, erscheint der 
Lakai und meldet stotternd, Ihre Exzellenz sei 
nicht zu Hause. So entfernten wir uns denn er- 
heitert und fest überzeugt, daß man uns hier 
nicht empfangen habe, und die Kaiserin meinte 
lachend, daß wir diese kleine Blamage gewiß der 
Toilettefrage zu danken hätten. Ihre Exzellenz 
hatte der unverhoffte Besuch verwirrt und da sie 
nicht in entsprechender Pracht erscheinen konnte, 
ließ sie sich lieber verleugnen. 

Und doch, wenn die Gouverneurin gewußt 
hätte, wie einfach die Kaiserin sich kleidete, sie 
hätte sie wohl kaum von dannen ziehen lassen, 
ohne sie gesehen zu haben. 

Ihre Majestät trug immer Schwarz, nur an 
Kaisers Geburtstag machte sie eine Ausnahme 
und legte ein lichtes Gewand an. Auch heute 
war sie in einem eleganten, aber einfachen schwar- 
zen Tuchkleide mit geradkrempigem schwarzem 
Tüllhut. Jedes ihrer Kleider konnte sie durch 
Hinaufknöpfen kürzen lassen, um im Gehen nicht 
gehindert zu sein. Zu dieser Toilette gehörten 

ein mit Leder gefütterter weißer Sonnenschirm 

3 



30 1894. 

und ein gelber Lederfächer; mit diesem schützte 
sie ihr Auge vor der Sonne und ihr Antlitz vor 
den Blicken der Neugierigen. 

Wir planten einen größeren Spaziergang zur 
Wallfahrtskirche von Notre Dame d'Afrique und 
bedurften eines guten Führers. 

Als der etwas behäbige, schwerfällig schei- 
nende Mann sich vorstellte, fragten wir ihn, ob 
er gut zu Fuße sei. «Das wäre nicht übel,» ant- 
wortete er beleidigt, «wenn ich mit Frauen nicht 
Schritt halten könnte.» 

Mehr bedurfte es nicht — gleich war die 
Kaiserin zum Scherze bereit. In raschem Tempo 
schritten wir den von Algier nach Westen und 
ziemlich steil ansteigenden Berg hinan. Wir ge- 
nossen eine abwechslungsvolle und, je höher wir 
klommen, immer ausgedehntere Aussicht auf 
Meer und Landschaft, Unserem Führer sagte je- 
doch das Tempo gar nicht zu, immerhin fügte er 
sich darein. Nach 2 l / 2 Stunden erreichten wir 
die Kirche, damit aber noch lange nicht den Gipfel 
des Berges. 

Die Kirche ist kein sonderlich gelungener 
Bau. Um so schöner aber war die Aussicht, die 
sich uns von da bot. Unmittelbar vor der Kirche 



i8g4- 3 I 

steht ein großes weißes Kreuz mit der Aufschrift: 
«Betet für die im Meere Verdorbenen», und wir 
beteten aus Herzensgrund und andachtsvoll an- 
gesichts des lächelnden Meeres, dieses unbegrenz- 
ten Friedhofes. Dann ging es weiter den Berg 
hinan. Wahrlich, es war ein mörderisches Tempo. 
Unser Führer pfauchte wie ein Dampfroß und 
schnitt ein Gesicht dazu wie einer, der nun gleich 
genug von dem Spaß haben wird. Und so ge- 
schah es auch; er blieb stehen und erklärte, er 
sei des weiteren Weges unkundig. Wir mußten 
also Kehrt machen, um nicht ganz im Stiche ge- 
lassen zu werden. Auf dem Heimwege brachte 
sich der Arme nur mehr stolpernd fort und Bitter- 
keit und Vorwurf sprachen aus seinem bestaubten 
Antlitz. Um ihn einigermaßen zu trösten, traten 
wir, als die Stadt erreicht war, in ein türkisches 
Kaffeehaus. Da mochte sich der Gute ein wenig 
laben. Im Kaffeehause, oder vielmehr in der 
Küche, lagerten die Gäste durcheinander, in eine 
Wolke von Rauch gehüllt. So oft wir ein solches 
Lokal betraten, war ich voll Angst und Sorge. 
Doch dem Wesen der Kaiserin mußte ein wunder- 
barer Zauber innewohnen, denn siehe da: die 
Lärmenden verstummten, die übrigen zogen sich 



32 1894. 

ehrfurchtsvoll zurück, und so lange wir da weil- 
ten, herrschte in der kleinen Kaffeeboutique eine 
Art feierliche Stimmung. 

Und hier erteilte die Kaiserin ihre Aufträge 
selbst. Zu solchen Zeiten war sie die verkörperte 
Anmut und Herzlichkeit und die Art, wie sie für 
die Bedienung dankte, zwang die fremdartige 
Umgebung fast zur Devotion. 

Trotz aller Bemühungen gelang es aber nicht 
vollständig, unseren Führer zu versöhnen, und als 
wir, in unser Hotel gelangt, ihn für den nächsten 
Tag engagieren wollten, verweigerte er den Dienst ; 
«er sei kein Schnelläufer, um täglich dreißig Kilo- 
meter bergan bergab rennen zu können». Das 
Eingestehen seiner Blamage gefiel der Kaiserin 
ausnehmend. 

Die Mönche von Kouba besitzen einen be- 
rühmten Weinkeller. Eines Tages sandte Ihre 
Majestät mich und Berzeviczy zur Weinprobe da- 
hin. Sie selbst liebte den Wein nicht, doch pflegte 
sie in berühmteren Kellereien öfters Einkäufe zu 
machen und den Wein sodann Erzherzogin Marie 
Valerie zu senden. 

Heimgekehrt, war ich voll des Lobes über 
die wunderbare Lage des Klosters, und die Folge 



1894. 33 

davon war eine sechsstündige Fußwanderung. 
Doch es lohnte der Mühe. Ein prachtvoller 
schattiger Weg führte dahin, vom flachen Dache 
des Gebäudes aber bot sich eine unvergleichlich 
schöne Aussicht auf das Meer, die schöne Ebene 
und auf das jetzt bis zur Sohle im Schnee pran- 
gende Atlasgebirge. 

Ihre Majestät genoß lange und stumm das 
hinreißende Bild und als der Prior, der der 
«Gräfin Hohenembs» und ihrer Genossin mit 
großer Zuvorkommenheit den Führer machte, 
sich für einen Moment abwandte, flüsterte sie mir 
zu: «Der sieht diese Herrlichkeit auch nur, wenn 
er Gelegenheit hat, sie anderen zu zeigen . . . 
Wahrlich, die frommen Väter wissen diesen Ort 
gar nicht zu würdigen.» 

Auf unserem Gange um das Kloster kamen 
wir zu einer Schlucht, über die ein Brett quer 
hingelegt war. Die Kaiserin hatte Angst und er- 
bat sich meine Hilfe. Ich ergriff ihre Hand und 
führte sie, selbst rückwärts schreitend, über das 
Brett. Noch heute verstehe ich nicht, daß ich 
weder Schwindel noch Furcht empfand, während 
ich doch sonst an Schwindel leide und vor der 
Tiefe zurückschaudere. Wie froh und glück- 



34 1894- 

lieh war ich, daß ich ihr nützlich sein konnte 
und es einen Augenblick gab, da sie meiner be- 
durfte. — 

Wir hatten kein Glück mit dem Wetter. Es 
gab kaum einen Tag, an dem uns der Regen 
nicht durchnäßte, trotzdem aber sollten wir nun 
auch das arabische Stadtviertel besichtigen. Von 
allen Seiten hieß es, daß dies nur in bewaffneter 
Begleitung ratsam sei, weil Geld und Leben dort 
nicht sicher wären. Wir gingen in Begleitung 
zweier Detektivs und die Sache lief gut ab. 

Dieses unverfälschte arabische Nest mutet 
eigentümlich und fremdartig an, ist aber durchaus 
nicht schön; ein wüstes Bild in drückender Luft. 
Die Gassen sind eher Gäßchen und die weißge- 
tünchten, flachdachigen stockhohen Häuser, an 
denen nur hie und da ein Fenster angebracht ist, 
gleichen eher Gefängnissen als Wohnstätten. Nur 
w T enn ab und zu eines der verschlossenen niedri- 
gen Tore sich für einen Augenblick öffnet, ver- 
raten die vom Hofe herauslachenden Blumen- 
beete, daß es da drinnen doch ein wenig freund- 
licher aussieht. 

Die auf den Schwellen lungernden Männer 
verleihen der Gasse einiges Leben. Sie beschäf- 



i8g 4 . 35 

tigen sich zumeist mit einer Stickerei, oder tun 
wenigstens dergleichen, denn ich sah sie meist 
Zigaretten rauchen oder Kaffee schlürfen. Frauen 
sahen wir nirgends, diese werden hinter den 
Mauern gehütet. «Ein furchtbares Leben,» be- 
merkte die Kaiserin, «wie bedauere ich diese 
armen Geschöpfe, ich kann nie genug Freiheit 
und Luft haben und der Gedanke, daß ich so 
leben müßte, erfüllt mich mit Schaudern.» 

Sie atmete auf, als das arabische Stadtviertel 
hinter uns lag und vor uns die Kasbah, die 
befestigte Kaserne des Regimentes Chasseurs 
d'Afrique. Die Reiter machten eben auf dem 
Platze ihre Übungen. Mit Vergnügen betrachtete 
die Kaiserin die mit weißen Burnussen bekleide- 
ten, auf feurigen Rossen einhersprengenden statt- 
lichen Soldaten. Sie erkannte sofort den guten 
Reiter, doch gab es auch welche, die sie mit- 
leidig betrachtete und dabei wohl auch bedauerte, 
daß das eine oder andere feurige Tier nicht von 
ihr geritten werde. 

Zu Hause angekommen, führte mich Ihre 
Majestät in ihre Appartements, um mich wägen 
zu lassen. Sie fand mein damaliges Gewicht von 
62 Kilogramm sehr bedeutend. 



36 1894. 

Die Kaiserin wog sich fast täglich, um so 
ihre Gewichtzunahme zu kontrollieren. Ich sah 
wiederholt das Journal, das sie darüber führte. 
Die eingetragenen Zahlen konnten keine bedeu- 
tenden Abweichungen aufweisen, dagegen fanden 
sich um so mehr Randbemerkungen. Ich glaube, 
dieses Wagejournal bewahrt viele ihrer Gedanken, 
weil sie zu diesem durch viele Jahre benützten 
Buche unbedingtes Vertrauen hatte. 



Der Regen fiel ununterbrochen in Strömen, 
trotzdem aber, oder vielleicht gerade deshalb, 
plante die Kaiserin einen großen Ausflug: nach 
Biskra, an den Rand der großen Wüste. Das 
wird erst das wahre Afrika sein; dieses hat die 
alles beleckende Kultur noch nicht verdorben 
und ihm, gleich Algier, halbeuropäischen An- 
strich gegeben. Es wird herrlich sein : auf 
Kamelrücken Ausflüge in die Oasen zu machen 
und von den Bäumen die selbstgepflückten Datteln 
zu essen. 

Unsere Vorbereitungen waren getroffen, der 
Sonderzug bestellt, ebenso das achttägige Logis 
in Biskra und das Nachtlager in Constantine. In 



i8g4- 3 7 

der Hoffnung auf schöne Tage wurde unsere 
gute Laune nicht einmal durch den eben nieder- 
prasselnden Hagel gestört. Ich stellte es mir lebhaft 
vor, wie manche verweichlichte Dame lamentiert 
hätte, wenn durch den auf den Hagel folgenden 
Wolkenbruch ihre Wohnung so durchnäßt wor- 
den w T äre als damals die unsrige, und ganz be- 
sonders die der Kaiserin. 

Für all das, dachten wir, entschädigt uns 
die Wüste und die Sonne der Wüste Afrikas. 
Leider war dies im Schicksalsbuche anders be- 
stimmt und wir sahen weder die Wüste noch ihre 
Sonne. Die Kaiserin denkt, und Gott lenkt, und 
darein mußten wir uns fügen. 

Der Sonderzug fuhr nicht ab, weil die Nach- 
richt kam, daß dort, wo wir den Atlas passieren 
sollten, zwei Meter hoher Schnee lag und man 
daher unbestimmte Zeit warten müßte. Die Ge- 
duld der Kaiserin war erschöpft und sie befahl: 
fort von Afrika, an die Riviera. 

Sonntag mittags, nach der Messe, schifften 
wir uns ein. Ich hielt es auf dem Verdecke nur 
so lange aus, bis die Ufer entschwanden, dann 
zwang mich meine unangenehme Reisegefährtin, 
die Seekrankheit, die Kabine aufzusuchen. Das 



38 1894- 

Meer spielte ohne Unterlaß den ganzen Tag und 
die ganze Nacht Fangball mit dem Schiffe und 
noch heute leben all die Bitternisse dieser Reise 
lebhaft in meiner Erinnerung fort. 

Eine Stunde vor Ankunft begab ich mich 
wieder auf das Verdeck. Die Kaiserin befand 
sich schon seit frühmorgens trotz des Sturmes 
oben und sah vollkommen frisch und erquickt 
aus. Als sie merkte, daß ich mich schon wohler 
befand, mußte ich ihr haarklein erzählen, was ich 
während der Krankheit empfunden und gelitten, 
namentlich wie der unbarmherzige Aufruhr der 
Natur auf meine Seele gewirkt hatte. 

«Sagen Sie nur,» sprach sie, «wurden Sie 
nicht kleinmütig? Wünschten Sie nicht zu ster- 
ben, als Ihnen so elend w T ar?» «Nein, Majestät, 
daran dachte ich nicht!» «Woran dachten Sie 
also?» «Wie gut es sein wird, wenn der Sturm 
vorbei und ich die Krankkeit überstanden haben 
werde!» Darüber lachte sie herzlich. «Ist das 
wirklich wahr?» «Ja, Majestät, jetzt fühle ich 
mich ganz w T ohl und bin so guter Dinge, als wenn 
ich Champagner getrunken hätte.» 

Vor dem Marseiller Hafen lavierten wir eine 
volle Stunde, ehe wir Einlaß fanden. Während 



i894- 39 

dieses unangenehmen Harrens genossen wir ein 
äußerst schönes Schauspiel. Vor unseren Augen 
spielte sich ein Schiffbruch ab. Glücklicherweise 
ohne tragisches Ende. Der Sturm schleuderte 
einen Dreimaster an den Felsen, doch bevor er 
festsaß, wurden die Passagiere von einem Fracht- 
schiffe aufgenommen. Der armen Leute erbarmte 
sich die Madonna, die dort oben stehend, mit dem 
Jesuskind im Arme, von der Notre Dame de la 
Garde herniedersah auf das stürmende Meer. 
Nun sind wir wieder in Marseille. Wir stiegen im 
Hotel de la Paix ab, wo es Ihrer Majestät erste 
Sorge war, ein herrliches Diner zu bestellen. 

Wir begannen mit einem Leibgerichte der 
Kaiserin: mit französischen Austern, dann gab es 
treffliche Fische und Braten, zuletzt frische Wald- 
erdbeeren. 

Ach, wie das nun alles schmeckte! Inzwi- 
schen tranken wir Asti spumante, den einzigen 
Wein, dem zuweilen auch die Kaiserin zusprach. 

Ergreifend war die wirklich mütterliche 
Sorgfalt, mit der Ihre Majestät mich jeden Augen- 
blick ermahnte, meine Eßlust ein wenig zu mäßi- 
gen, damit es mir nicht schade. Ich war wie ein 
ausgehungertes Kind nach einer großen Krank- 



40 iS94- 

heit und habe vielleicht noch niemals so viel und 
noch niemals so gut gegessen wie damals. Doch 
aller guten Dinge Ende ist das — Eis. 

Wir gingen daher in eine Konditorei, und 
was uns noch bis zu unserer Abreise an Zeit er- 
übrigte, füllten wir mit der Besichtigung von 
Schaufenstern und mit Einkäufen aus. Während 
ihrer Reisen kaufte die Kaiserin allerlei Dinge, 
namentlich Spezialitäten zusammen, um sie dann 
allerwegen zu verteilen. Ich mußte über diese 
Einkäufe ein Journal führen. 

Eine halbe Stunde vor der Abfahrt waren 
wir auf dem Bahnhofe, wo sich eine reizende, 
humorvolle Szene abspielte. 

Unsere Durchreise mußte irgendwie bekannt 
geworden sein und als wir den Perron betraten, 
sahen wir schon das Publikum in Gruppen stehen, 
das gekommen war, die Kaiserin von Österreich 
zu sehen. 

Unter gewöhnlichen Umständen fühlte sich 
Ihre Majestät durch solches Interesse außerordent- 
lich beengt, diesmal jedoch war sie davon ganz 
entzückt, weil die Neugierde der Leute vollkom- 
mene Befriedigung fand — ehe sie noch erschie- 
nen war. 



1894. . 4 1 

Jetzt waren wir neugierig, zu erfahren, warum 
sich alle Blicke nach einem Punkte des Perrons 
richteten und wem diese ehrfurchtsvolle Stille 
galt. Wir näherten uns unbemerkt und fanden 
schon im nächsten Augenblick des Rätsels Lösung. 
Frau F., die Friseurin der Kaiserin, schritt in 
würdevollster Haltung den Perron auf und nieder, 
so nach besten Kräften die Kaiserin agierend. 

Was hätte dies, von Künstlerhand entworfen, 
für eine prächtige Humoreske abgegeben! 

Ihre Majestät fand dies Intermezzo sehr amü- 
sant. «Stören wir die gute F. nicht,» sagte sie 
und bestieg rasch und unbemerkt den Zug. 




Februar 1895. 

Wir sind am Kap Martin ; ein Lieblingsauf- 
enthalt der Kaiserin. Was dieser herrliche Blumen- 
garten verschuldet haben mochte, weiß ich nicht, 
doch weiß ich, daß sich diese Sympathie später 
in Antipathie verwandelt hat. Wer vermöchte 
jede Regung ihres Herzens zu deuten! 

Ihre Majestät sah einem lieben Besuche ent- 
gegen. Der Kaiser sollte kommen. Der Zeitpunkt 
war zwar noch nicht bestimmt, Ihre Majestät je- 
doch mit den Vorbereitungen zum Empfange voll- 
auf beschäftigt. In unserem Hotel bewohnte ich 
die für den Kaiser reservierten Appartements, da- 
mit er sie bei seiner Ankunft wohnlicher finde. 

Wenn wir auf unseren Spaziergängen Schönes 
sahen, hieß es gleich : « Das zeigen wir dem Kaiser. » 
Aßen wir etwas Gutes : «Notieren Sie das, es wird 
dem Kaiser schmecken.» Der Gedanke an ihn 
drängte in ihrer Seele in diesen Stunden freudiger 
Erwartung alles in den Hintergrund. «Der Kaiser 



1895. 4 3 

< 

gestattet sich so selten einen kleinen Urlaub, bieten 
wir alles auf, ihm diese paar Tage recht angenehm 
zu gestalten.» 

Leider verspätete sich der Besuch. Aus 
Afrika aber hatten wir schlechtes Wetter mitge- 
bracht. Jeden Tag Regen, die Luft erstickend 
schwül, und man fühlte den Scirocco in allen 
Gliedern. In Algier waren wir niemals von 
solcher Mattigkeit heimgesucht. 

Seit einigen Tagen weilte Gräfin Trani, die 
Schwester der Kaiserin, hier. Sie waren viel zu- 
sammen, promenierten miteinander und mein 
Dienst war daher ein leichterer. Ich freute mich 
dessen nicht, im Gegenteile. Es erschien mir ja 
selbst als Egoismus, allein es war so. 

Endlich ein sonniger Tag und wir begaben 
uns nach Nizza. Die Kaiserin fuhr mit Gräfin 
Trani, ich aber mit deren Hofdame nach Men- 
tone, von wo der Eilzug nach Nizza 1 1 / 2 Stunden 
braucht. 

Roquebrune, Monte Carlo, Villefranche, dann 
Beaulieu flogen an meinen Augen vorüber, wäh- 
rend Ihre Majestät neben mir stand und mich auf 
die hervorragend schönen Punkte aufmerksam 
machte. 



44 i8 9 5. 

In Nizza angekommen, gingen die hohen 
Damen zu Fuße in die Stadt, während ich mich 
zu Rumpelmayer, dem berühmten Konditor be- 
gab, bei dem ich für Nachmittag das Lieblingseis 
der Kaiserin zu bestellen hatte. 

Im London House war das Rendezvous. 
Dieses Hotel ist der Stolz von Nizza; es ist furcht- 
bar teuer, man muß jedoch gestehen, daß seine 
Güte die hohen Preise rechtfertigt. 

Es wurde ein tadelloses Dejeuner serviert 
und die frohe Stimmung, mit der wir Zugriffen, 
wurde durch die Heiterkeit der Kaiserin ge- 
steigert. Diese gute Laune war derzeit selten an 
ihr zu bemerken und beglückte umsomehr. 

Nachmittags strichen wir umher und besich- 
tigten alles Sehenswerte: Plätze, Gassen, Prome- 
naden, und bewunderten viele, viele Schaufenster. 
Selbstverständlich wurden Einkäufe gemacht. 

Auch einige vornehme Hotels wurden be- 
sichtigt, darunter das Riviera Palace, damit Ihre 
Majestät ein sympathisches Logis fände, wenn sie 
vielleicht Cap Martins überdrüssig werden sollte. 

Dieser Gedanke verfolgte Ihre Majestät stets 
und deshalb wünschte sie sich im vorhinein der- 
art zu informieren, daß sie im gegebenen Augen- 



i895- 45 

blicke die Zelte abbrechen und den Ort verlassen 
konnte, wo ihr Langweile drohte. Wenn die 
Langweile die träge Windstille unserer inneren 
Welt bedeutet und den Zustand, in welchem auch 
die äußeren Eindrücke ihre anregende Wirkung 
auf unsere Seele verlieren, dann langweilte sich 
die Kaiserin niemals. Was sie Langweile nannte, 
das mochte in Wirklichkeit ein quälendes Gefühl 
von Unruhe gewesen sein, welches, einmal er- 
wacht, nicht mehr zu bannen war, wenn sie nicht 
ihre Seele durch neue Eindrücke, durch neues 
Interesse anregte. 

Diese von so vielen Prüfungen heimgesuchte 
Seele wußte, daß ihre Wunden unheilbar waren 
und immer aufs neue aufbrechen mußten; auch 
war es nicht Heilung, sondern Linderung, Bal- 
sam, was sie auf ihren Wanderungen suchte. 

Das Riviera Palace schien die Kaiserin zu 
befriedigen; wir notierten es und setzten unseren 
Spaziergang fort. 

Ich darf wohl sagen, daß Ihre Majestät in 
Nizza, obschon man ihre Anwesenheit nicht 
ahnte, großes Aufsehen erregte. Es ist auch un- 
denkbar, daß zwei Erscheinungen wie die der 
kaiserlichen Schwestern die allgemeine Aufmerk- 



46 i8 9 5- 

samkeit nicht auf sich ziehen sollten. Ich selbst 
konnte den Blick nicht von ihnen wenden, da 
sie so miteinander vor mir einherschritten. 

Beide hoch, schlank und von vollkommener 
Gestalt, in ihrer Haltung jene Würde und Unge- 
zwungenheit, welche die Souveränin verrät. Sie 
erinnern sehr aneinander, ohne sich ähnlich zu 
sehen. 

Wodurch sich die Kaiserin auf den ersten 
Blick unterschied und was sie über alle erhob, 
war die vollkommene Harmonie, die ihrer Gestalt 
Anmut und ihren Bewegungen unaussprechliche 
Grazie verlieh. 

Ich konnte mich an dieser hoheitsvollen 
Haltung, an der weiblichen Weichheit ihrer Be- 
wegungen und an ihrem rhythmischen, schwe- 
benden Gang nicht sattsehen. Oft dachte ich mir, 
die Natur habe, als sie sie formte, sicherlich an 
ein herrliches Weib gedacht, als sie ihr aber das 
schöne Haupt auf die Schultern setzte, dachte sie 
schon an eine «Kaiserin». 

Ich hörte oft, daß die Erscheinung unserer 
Kaiserin an ein zwanzigjähriges Mädchen er- 
innere. Jawohl, sie hatte die Schlankheit und 
Anmut eines solchen — doch wie vieler zwanzig- 



i8 95 . 47 

jähriger Mädchen hätte es bedurft, um in ihnen 
all die Schönheit und Anmut zu finden, die durch 
sie zur verkörperten Harmonie geworden war und 
sie unübertroffen erscheinen ließ. 

Nach der großen Promenade nahmen wir 
unsere Jause bei Rumpelmayer und dann ging's 
mit erneuten Kräften zu Fuße nach dem Bahn- 
hofe, wo wir eben zur rechten Zeit ankamen. 

Da die erste Klasse bereits vergriffen war, 
mußten wir zweiter Klasse reisen. Die Kaiserin 
genierten derlei Kleinigkeiten ganz und gar nicht. 



«Gehen wir nach Gorbio, es ist ein schöner 
Tag, benützen wir ihn.» Mit diesen Worten 
empfing mich eines Morgens die Kaiserin. 

Wir setzten uns in Bewegung und nahmen 
die Richtung gegen das Gebirge. Ihre Majestät 
kannte diese Gegend gut und wußte genau, wohin 
jeder Pfad führte. Wir wandelten zwischen Gär- 
ten dahin, die gleich blühenden Rosenhecken sich 
bis an die Sohle des Berges zogen. Weiter führte 
uns der Weg durch einen Olivenhain, der sich 
schon steil den terrassenförmigen Berg hinauf- 
wand. Unter unseren Füßen üppiger, dunkel- 

4* 



4§ i8 9 5- 

grüner Rasen, aus dem die lieben duftenden Veil- 
chen hervorblauten. 

Ihre Majestät war mitteilsam und gesprächig. 
In solchen Stunden schlug sie das Thema an und 
machte mit ihrem hochfliegenden, lebendigen 
Geiste die Unterhaltung wertvoll und inhaltsreich. 
Ich muß es nicht erst sagen, daß sie mit mir aus- 
schließlich ungarisch sprach. Die Art, wie sie 
ihren Gegenstand behandelte, hatte etwas Rhapso- 
disches, in ihrem Gedankengange war etwas Blitz- 
artiges. Dies ist wohl der Grund, warum ihre 
Worte sich derart meiner Seele einprägten, wie 
ich es w T eder früher noch später von einem Men- 
schen erfuhr. 

Wir sprachen heute über mancherlei. Von 
Leuten, mit denen wir auf unseren Reisen zu- 
sammengetroffen, von Bekannten, von Gestalten 
des öffentlichen Lebens, dann wieder von der 
Menschheit im allgemeinen. 

Bei diesem Thema eröffnete sich mir der 
tiefe Skeptizismus ihrer Seele und die Güte ihres 
erhabenen Herzens, die auch Dunkles mit dem 
milden Strahle der Liebe beleuchtete. Wahrlich, 
unser heiter begonnenes Gespräch nahm gegen 
das Ende hin eine düstere Färbung an. 



i8 9 5- 49 

Unter anderem richtete die Kaiserin fol- 
gende Frage an mich: «Sagen Sie doch, ist auch 
bei Ihnen der erste Eindruck maßgebend dafür, 
ob Ihnen jemand sympathisch oder antipathisch 
ist?» «Ja, Majestät,» antwortete ich nach kurzem 
Überlegen, «doch habe ich mich auch schon ge- 
täuscht.» «Ich noch nie. Wer vom ersten Augen- 
blicke an meine Sympathie gewann, der besitzt 
sie noch heute, wen ich aber antipathisch fand, 
an den konnte ich mich nicht gewöhnen, obgleich 
ich mich mehr als einmal mit ganzem Herzen 
darum bemühte. Meine Seele empfindet die 
Seelen und es ist nicht ohne Grund, wenn sie ihr 
Veto einlegt.» 

So verhielt es sich in der Tat, doch kam die 
Kaiserin später darauf, daß es von dieser Regel 
auch Ausnahmen gibt; in einem oder zwei ihr 
ursprünglich sympathischen Menschen hatte sie 
sich getäuscht. 

Aus dem Walde tretend, befanden wir uns 
auf einem kahlen, felsigen Bergrücken und vor 
uns tauchten manöverierende Alpenjäger auf, die 
wir auf dem Übungsfelde bei Mentone öfters ge- 
sehen hatten. In ihren schmucken Uniformen 
machen sie einen sehr guten Eindruck. Neugierig 



5° l8 95- 

blickten sie uns an und schienen eine Weile mit 
uns um die Wette marschieren zu wollen; dann 
blieben sie in den Bergen zurück, wir aber befan- 
den uns gar bald in Gorbio. 

Ein ganz anspruchsloses, kleines Gebirgs- 
dorf, wo jedoch herrliche Milch zu bekommen 
war; wie gut uns diese nach dem Bergsteigen 
mundete, brauche ich nicht erst zu sagen. 

Für den Heimweg wählten wir die Fahrstraße. 
Ihre Majestät wurde nun, wie übrigens oft nach 
einem längeren und lebhafteren Gespräche, fast 
ganz wortlos und schlug ein um so rascheres Tempo 
ein. Vielleicht wollte sie mich heute auf die Probe 
stellen, ob ich mit ihr Schritt halten könnte, auch 
wenn sie mit angestrengten Kräften marschierte. 

Ich bot alle meine Energie auf, allein, vor 
der Stadt angelangt, fühlte ich meine Kräfte 
nachgerade schwinden; zum Glück verlangsamte 
Ihre Majestät den Schritt. Weder früher noch 
später sind wir je so rasch gegangen. Meine Auf- 
gabe war es, über unsere Ausflüge Aufzeichnun- 
gen zu machen, und auf Grund dieser schrieb 
dann die Kaiserin in ihr bereits erwähntes so- 
genanntes Gewichtsjournal die Umstände und den 
Verlauf eines jeden ein. 



i8 9 5- 5 l 

Heute gingen wir nach Monte Carlo. Bis 
Roquebrune führt ein schattiger Pfad die See ent- 
lang und von hier gelangten wir auf der staubigen 
Landstraße in i'/ 2 Stunden ans Ziel. Die Natur 
hat an Monte Carlo alle ihre Reize verschwendet. 
Der klarste Himmel, das blaueste Meer lachen auf 
die Spielhölle herab, die sich gleichsam in der 
umgebenden Vegetation zu verbergen sucht. Die 
Menschen, denen nichts heilig ist, haben hier ihrer 
sündigen Leidenschaft einen Palast errichtet, indem 
sie die Anziehungskraft der Naturschönheiten aus- 
nützten und diese zu ihren Mitschuldigen machten. 

Ins Kasino gingen wir nicht, spazierten aber 
im Parke und setzten dann unseren Weg nach 
Monaco fort. Dieses auf die Spielwut gegründete 
kleine Fürstentum, das, auf einer felsigen Halbinsel 
erbaut, weit ins Meer hineinreicht, hat eine herr- 
lich pittoreske Lage. 

Während wir uns an dem Anblicke ergötz- 
ten, beschäftigte mich der Gedanke, was wohl 
aus den Spie-lern und aus Monte Carlo würde, 
wenn ein Erdbeben diese Landzunge samt Mo- 
naco und Monte Carlo der Willkür der Wellen 
hinwürfe, daß sie in unbekannte Meere hinaus- 
geschwemmt würden. 



5 - i8 95 . 

Schließlich einigten wir uns darin, dai3 das 
Spiel auf der schwimmenden Insel noch lustiger 
fortgesetzt würde als hier und täglich hunderte 
von Schilfen sich auf die Entdeckungsreise nach der 
fortgeschwemmten Spielhülle begeben würden. 

Ins Hotel gelangt, fand ich eine böse Nach- 
richt vor. Meine Mutter war erkrankt. Ich verlebte 
einige Tage in größter Seelenerregung, bis ein 
beruhigender Brief kam, und nur die gütige Teil- 
nahme und tröstende Ermutigung der . hohen 
Frau machte mir diese Zeit erträglich. 



An einem trüb-heiteren Tage gingen wir auf 
dem Cornichewege gegen Roquebrune, dessen 
letzte Häuser sich gleich den Nestern der Ufer- 
schwalben an die steile Felswand lehnen. Den 
Ort meidend, wandten wir uns gegen Osten, dem 
Friedhofe des Dörfchens zu. An der ganzen Ri- 
viera genießt man wohl von dieser Uferseite die 
märchenhafteste Aussicht und die Kaiserin kam 
oft an diesen traurig-schönen Ort. Von hier 
gingen wir nach Turbie und dann auf der Zahn- 
radbahn nach Monte Carlo hinab, von wo wir in 
äußerst raschem Tempo nach Hause eilten. 



1895. 5 3 

Da nun auch schon der Tag der Ankunft 
des Kaisers festgesetzt war, beschäftigten wir uns 
auf allen unseren Spaziergängen ausschließlich da- 
mit. So geschah dies auch heute, und die Kaiserin 
bestimmte die Ausflüge, die zur Unterhaltung 
Seiner Majestät unternommen werden würden. 
«Hier,» sagte die Kaiserin, «ist der Kaiser nur 
während der wenigen Stunden, die der Hofkurier 
hier verweilt, gezwungen, Herrscher zusein; sonst 
kann er nach Herzenslust ausruhen und sich zer- 
streuen; ich aber fürchte immer ein unvorherge- 
sehenes störendes Ereignis.» Dann setzte sie hin- 
zu: «Ich glaube nicht, daß es außer ihm einen 
Monarchen gibt, der seine kaiserliche Person 
so sehr seinen Herrscherpflichten unterordnet, 
wie er.» 

Leider zeigte sich das Wetter nichts weniger 
als ermutigend und Ihre Majestät schien den 
Elementen wirklich zu zürnen, weil diese so gar 
kein Einsehen haben wollten. 

Endlich erstrahlte die Sonne wieder, uns um 
so willkommener, als wir soeben den Kaiser er- 
warteten. Lange vor Ankunft des Zuges waren 
wir mit Ihrer Majestät und Gräfin Trani auf dem 
Bahnhofe und harrten, auf dem Perron auf und 



54 l8 95- 

nieder gehend, der Ankunft des Sonderzuges. 
Der Bahnhof war abgesperrt und außer uns fand 
nur noch die korporativ erschienene Stadtreprä- 
sentanz Einlaß. 

Punkt 1 1 Uhr fuhr in feierlicher Stille der 
Zug ein, so leicht und glatt, als rollte er auf 
Gummirädern. 

Der Kaiser stand in der Waggontür, grüßte 
lächelnd, und kaum hielt der Zug, sprang er 
schon elastisch ab, eilte auf die Kaiserin zu und 
umarmte sie. Dann ruhte sein Blick eine Weile 
voll Befriedigung auf der Kaiserin und die stumme 
Sprache seines gütigen Auges drückt deutlich 
seine Gedanken aus: Ich freue mich von Herzen, 
Dich so wohl aussehend zu finden. Dann be- 
grüßte der Kaiser Gräfin Trani und mich mit 
einem herzlichen Händedruck und, nachdem er 
für die Huldigung der Erschienenen gedankt hatte, 
bestiegen w T ir die Wagen. Die ganze Einwohner- 
schaft Mentones und Cap Martins war auf den 
Beinen, um spalierbildend den Kaiser zu be- 
grüßen. 

Ins Hotel zurückgekehrt, das mit Teppichen 
und Blumen reich geschmückt war, bemerkte ich 
eine besonders große Gruppe von Harrenden, 



i8 9 5- 55 

die sich auffällig von den anderen unterschieden. 
Als der Wagen des Kaisers vorfuhr, erschütterte 
ein donnerndes Eljen die Luft. Die in Cap Martin 
und Mentone anwesenden Ungarn huldigten 
ihrem Könige. Um 12 Uhr war Dejeuner, an 
dem die Kaiserin jedoch nicht teilnahm, und so 
mußte ich, zur Rechten des Kaisers sitzend, prä- 
sidieren. Anfangs war ich natürlich sehr befan- 
gen, doch währte dies nur kurze Zeit, weil Seine 
Majestät mit seiner Liebenswürdigkeit der Stim- 
mung gar bald eine gemütliche und intime Wen- 
dung gab. 

Nach der Tafel zog sich der Kaiser zurück, 
um sich mit der Kaiserin auf einen größeren 
Spaziergang zu begeben. Den Abend verbrachten 
Ihre Majestäten allein. 



Wenn das Wetter es gestattet, steht uns ein 
angenehmer Tag in Aussicht. Wir machen mit 
den Majestäten einen Ausflug nach Beaulieu. 
Auch die Herren kommen mit: Graf Paar, Fürst 
Liechtenstein und Berzeviczy. In Roquebrune 
bestiegen wir den Zug. Ihre Majestäten standen 
während der ganzen Fahrt am Fenster und die 



56 i8 9 5- 

Kaiserin erklärte dem Kaiser voll Lebhaftigkeit 
die in abwechslungsreichen Bildern vorüber- 
rliehende Gegend. Die Konversation wurde un- 
garisch geführt. In Beaulieu angekommen, ging 
es in die «Reserve», wo mit dem bestellten Früh- 
stück schon gewartet wurde. 

Die «Reserve» hat eine herrliche Lage. Sie ist 
auf einem ins Meer hinausragenden mächtigen 
Felsen erbaut, und so saßen wir während des 
Frühstücks auf der nach drei Seiten vom Wasser 
umspülten Terrasse wie auf dem Verdeck eines 
Schilfes. Das außerordentlich bizarre Menü be- 
stand fast ausschließlich aus Fischen, worunter 
sich die Bouillabaisse, nach Art des ungarischen 
Fischgerichtes «Haläszle», besonders hervortat. 
Wir fühlten uns an der schön geschmückten Tafel 
ganz besonders gemütlich. 

Der Kaiser sah im Zivilanzuge prächtig aus 
und obschon ihn mehrere sofort erkannten, achte- 
ten die Gäste sein Inkognito. Die Gesellschaft 
war ziemlich groß und vornehm; besonders fiel 
uns ein Herr mit sehr interessantem Kopfe auf. 
Man sagte uns, es sei Casimir Perier, der ge- 
wesene Präsident der Republik. Die Kaiserin war 
ganz glücklich, daß dem Kaiser alles gefiel; er 



i8 9 5. 57 

hörte selbst die Lieder der italienischen Sänger mit 
Genuß an, obschon diese sich mehr durch leiden- 
schaftliche Mimik als durch Stimme hervortaten. 

Unser Kaiser hat sich die Empfänglichkeit 
bewahrt für jede edlere Zerstreuung und wäre 
sie noch so bescheiden; das liegt wohl mit daran, 
daß er sich gar so selten eine Zerstreuung ge- 
stattet. 

Nach dem vortrefflichen Dejeuner prome- 
nierten wir noch ein wenig, dann eilten wir nach 
Hause, weil sich der Himmel plötzlich umwölkte 
und der Regen über unseren Häuptern hing. 

Die Kaiserin fühlte alles voraus. Schon seit 
der Ankunft Seiner Majestät hatte sie das Vorge- 
fühl beunruhigt, die Ruhe des Kaisers würde 
durch ein unvorhergesehenes Ereignis gestört wer- 
den. Ihre Angst war nicht grundlos. Eben jetzt 
traf die Nachricht ein, daß Erzherzog Albrecht 
bedenklich erkrankt sei. Der Erzherzog hatte wohl 
eine sehr zähe Natur, dennoch machte uns die 
Meldung mit Rücksicht auf sein hohes Alter 
große Sorgen. 

Ihre Majestäten gaben noch zu Ehren ihrer 
Verwandten, der gräflichen Familie Caserta, ein 
Diner. 



58 i8g 5 . 

Geladen waren das gräfliche Paar, dessen 
vier erwachsene Kinder, Gräfin Trani und aus 
dem Gefolge eine Dame und ein Herr. Zum 
ersten Male sah ich da die Kaiserin in ihrer Eigen- 
schaft als Hausfrau. 

Nie zuvor sah ich Gäste so empfangen und 
mit vollendeter Liebenswürdigkeit sie vergessen 
machen, daß sie Gäste waren. Die Kaiserin unter- 
hielt sich, wenn auch etwas leise, aber mit sicht- 
licher Lebhaftigkeit mit ihren Tischnachbarn.. Es 
lag Kunst darin, wie sie durch ein zutreffendes 
Wort dem Gedanken ihrer Gäste zu Hilfe kam 
und die Unterhaltung im Gange erhielt. Diesmal 
sah sie ganz besonders herrlich aus. Sie trug ein 
schwarzes Samtkeid und ihr Antlitz war frisch 
und jugendlich. 

Nach dem Diner hielten Ihre Majestäten 
Cercle und als die Gäste sich entfernt hatten, ver- 
blieben sie noch eine Weile gemütlich im Ge- 
spräch über die Ereignisse des Tages. 



Erzherzog Albrecht ist gestorben. Wir sind 
sehr traurig und niedergeschlagen. Der Kaiser 
muß nach fünftägigem Aufenthalte heute wieder 



i8 9 5- 59 

zurück nach Wien. Der Zug des Kaisers fuhr 
nachmittags ab, ich aber war infoige eines kleinen 
Mißverständnisses nicht bei der Abreise. 

Der Kaiser bemerkte es und rief von dem 
schon rollenden Zuge der Kaiserin zu: 

«Ich lasse die Gräfin herzlichst grüßen ; vergiß 
nicht, es ihr zu sagen!» 

Mir tat diese Aufmerksamkeit Seiner Maje- 
stät sehr wohl und entschädigte mich überdies 
dafür, daß ich den Auftrag der Kaiserin, daß sie 
meiner Nachmittags nicht bedürfe, buchstäblich 
genommen hatte. 



Die Bucht von Mentone entlang, dann den 
Fluß Carey verfolgend, gingen wir nach dem 
Berge, auf welchem der Gnadenort Annonciade 
liegt. Zwischen Orangen- und Zitronenbäumen 
führte der Pfad. Aufwärts steigend, erzählte mir 
die Kaiserin, wie sie bei einer Gelegenheit in der 
Nähe der spanischen Küste in Lebensgefahr ge- 
schwebt hatte und wahrhaftig ihre Errettung außer 
Gott nur der Geistesgegenwart Wachtels dankte. 

«Der , Greif,» sagte sie, «war ein schwaches 
Schiff und beinahe wäre auf ihm auch Rudolf zu- 



6o 1895. 

gründe gegangen. Der Herr Admiral hätte uns 
schon ein besseres Schiff geben können, aber 
er scheint sich nicht viel um unser Wohl geküm- 
mert zu haben.» 

Aus ihren Worten klang eine scharf geformte 
Meinung, die zu ändern, wer es auch immer ver- 
sucht hätte, vergebene Mühe gewesen wäre. 

Ihre Majestät trat in die Kapelle des Gnaden- 
ortes und zeigte mir das von ihr gespendete Bild 
der Jacht «Greif». Unter dem Bilde las ich das 
Datum des kritischen Tages und den Namen der 
Kaiserin. 



Die Exkaiserin Eugenie, der einst eine Welt 
zu Füßen lag, erwarb, als sie Frankreich verloren 
hatte, ein Grundstück in Cap Martin, auf dem sie 
ein reizendes kleines Heim und einen herrlichen 
Blumengarten schuf. Das war das einzige, was 
ihr von der Erde Frankreichs geblieben war, von 
der sie sich nicht trennen konnte. 

Die Kaiserin interessierte sich für die Ex- 
kaiserin und so besuchte sie sie eines Tages. Die 
würdige Matrone, die das siebzigste Jahr über- 
schritten hatte, konnte noch immer eine schöne 



„ i895- 6l 

Frau genannt werden. Ihre Gestalt war etwas 
voll, ihr Gehaben lebhaft und außerordentlich 
natürlich und lieb. In ihrer Konversation waren 
Geist und Gemüt gepaart und eine spielende 
Heiterkeit in der gleichmäßig guten Laune, die 
sich diese von so vielen Leiden und Erniedri- 
gungen heimgesuchte Herrscherin zu bewahren 
gewußt. 

Während ich die Kaiserin mit der Exkaiserin 
allein ließ, verplauderte ich mit einem sehr lieben 
alten Menschenpaare, mit dem im Dienste Eu- 
geniens ergrauten Obersthofmeister Pietri und der 
Obersthofmeisterin Madame Lebreton, sehr ge- 
mütlich die Zeit. Diese zwei traulichen Ruinen 
erinnerten noch an vergangene Macht und Pracht, 
aber auch daran, daß hienieden alles vergäng- 
lich ist. 

Der Besuch dauerte fast i l / 2 Stunden. Am 
nächsten Tage empfing mich die Kaiserin. Sie 
sprach außerordentlich ungezwungen und freund- 
lich und auch später, wo immer und so oft ich 
sie, auf ihren Stock gestützt, promenierend er- 
blickte, mußte ich immer ein wenig im Gespräche 
mit ihr verweilen. 



6 2 i895- 

Die «Miramare» ist angelangt. Noch einige 
Tage und wir verlassen die schöne Riviera. Gott 
weiß warum, doch ich bedauere es nicht. Während 
unseres hiesigen Aufenthaltes war ich sehr oft un- 
zufrieden mit mir gewesen und immer häufiger 
wurden meine Seelenkämpfe. Ich fühlte, daß ich 
der Kaiserin sympathisch war, fühlte, daß sie 
meine Hingabe mit Anhänglichkeit, meine schwär- 
merische Liebe häufig mit solchem Vertrauen er- 
widerte, daß die zwischen uns bestehende Kluft 
überbrückt schien, und doch geschah es mehr als 
einmal, daß sie mich kälter anblickte und sich, 
wie von einem Gedanken erfaßt, plötzlich vor 
mir verschloß. 

Das schmerzte mich. Ich werde die volle 
Hingabe ihrer Seele wohl niemals erringen können 
und doch fühle ich, daß meine Dienste für sie 
nur dann wirklich wertvoll, ja segensreich wären, 
wenn ihre Seele dem warmen und heiteren 
Hauche der meinen immer offen stände. 

Denn ich liebe sie sehr und möchte ihr auf 
diese Weise dienen oder gar nicht. Gelingt es 
mir nicht, dann — fort, fort! Übrigens erhielt ich 
ja nur für diese eine Reise die Berufung zu ihr. 



1895. 63 

Am Nachmittage des 1. März verabschie- 
dete ich mich schweren Herzens von Gräfin 
Trani, die außerordentlich gnädig und lieb mit 
mir war, sodann eilten wir mit ßerzeviczy aufs 
Schiff, um die Kaiserin und ihren Bruder Herzog 
Karl Theodor von Bayern zu empfangen, der mit 
seiner Gemahlin und seinen zwei Töchtern mit 
nach Corsica reiste. 

Um '/ 2 6 Uhr erschien Ihre Majestät mit ihren 
Gästen auf Deck und gab unverzüglich den Befehl 
zur Abreise. 

Endlich ein wolkenloser Himmel und ein 
freundliches Meer. Die beiden jungen Prinzessinnen 
Sophie und Elisabeth waren mir anvertraut. In 
ihrer Gesellschaft verstrich die Zeit rasch, die 
lebhaften lieben Geschöpfe strahlten förmlich 
von Glück über die Herrlichkeit dieser See- 
reise. 

Auch war der liebe Wachtel mit seinem ga- 
lanten Offizierskorps da, das sich vorzüglich dar- 
auf verstand, Damen zu unterhalten. Der Tag 
verging in eitel Heiterkeit und abends bewunder- 
ten wir den gestirnten Himmel. 

Als wir am nächsten Morgen nach Ajaccio 
kamen, war unser erster Ausblick ein nieder- 



64 is 9 5- 

schlagender: wir hatten das schöne Wetter irgend- 
wo im nächtlichen Dunkel verloren. 

Über Ajaccio hatte ich viel Schönes gehört 
und nun widersprach der erste Eindruck alledem. 
So geht bei uns zu Hause der Regen nieder, so 
braust in unserem Komitate Ung der Herbst wind 
durch die Walder. 

Demungeachtet begaben wir uns in die un- 
ansehnliche graue Stadt und besichtigten alles 
Sehenswerte, namentlich was sich auf Napoleon 
bezog: sein Haus und dessen Einrichtung sowie 
das Mausoleum der Bonapartes. 

Die Kaiserin und das herzogliche Paar setz- 
ten von hier aus ihre Entdeckungsgänge fort, ich 
aber kehrte mit den zwei Prinzessinnen aufs 
Schiffzurück, wo wir eine herrliche Jause nahmen 
und zwar bei Musikbegleitung. 

Am nächsten Tage fuhren wir auf zwei ge- 
gebrechlichen Wagen nach Pozzo di Borgo, um 
das Nest des kleinen Antagonisten Napoleons zu 
besuchen. Die Kaiserin begab sich mit ihrem 
griechischen Vorleser zu Fuß auf den steilen Berg. 

Unsere kleinen corsischen Pferde zogen uns 
brav und munter den Berg hinan. Das Schloß ist 
aus den Steinen der Tuilerien erbaut und sein 



i8g5- 65 

Hauptschmuck sind jene sechzehn Riesensäulen, 
die man, ich kann es mir lebhaft denken mit 
welchem Ungemach, von Paris hierher geschleppt 
hat. Die Einrichtung dieser aus dem Adlerneste 
zusammengezimmerten Sperberhöhle ist übrigens 
nicht übel, der Ausblick aber geradezu bezaubernd. 

Als wir auf dem Rückwege eben aus dem 
Schloßtor traten, erhob sich ein Orkan, wie er 
wohl noch selten gewütet haben mag. Er brauste 
mit solcher Gewalt heran, daß er die Prinzessin 
Elisabeth zu Boden warf, die Kaiserin aber mußte 
niederknien, um so dem Anstürme besser wider- 
stehen zu können. Erst nach harten Kämpfen 
gelangten wir mit heiler Haut, durchnäßt und er- 
froren auf unser Schiff. Inzwischen schlug der 
Regen in einen Schneesturm um. 

Einen solchen verspäteten Winter kann man 
auch bei uns zu Lande haben. Von Corsica hätten 
wir anderes erwartet. Am vierten Tage verab- 
schiedeten wir uns von unseren lieben Gästen, 
die auf einem Postschiffe und mit der Erinnerung 
an einen Winterausflug nach Mentone zurück- 
kehrten. Als wir sie aus dem Gesichtskreise ver- 
loren hatten, lichtete auch die «Miramare» die 
Anker und nahm ihren Kurs nach Neapel. 



66 i8q5- 

Neapel sehen und sterben, dieses enthusiasti- 
sche geflügelte Wort ist ein höchst übertriebenes 
und dazu noch ein Gemeinplatz, doch Neapel im 
Schnee sehen und frieren, das ist etwas Neues 
und diesmal auch Wahres. 

Stadt, Berge und Umgebung — alles weiß, 
nur das Meer ist blau wie Stahl und die vom 
Meere zurückgeworfenen Sonnenstrahlen glitzern 
und funkeln auf dem Hermelin der Erde. Die 
Kaiserin liebt Neapel außerordentlich und macht 
bei ihren Kreuz- und Querfahrten hier womöglich 
immer Halt. Kaum angekommen, ging es an die 
Besichtigung der Stadt. 

Daß Neapel einen großen Eindruck auf mich 
machte, ist wohl überflüssig zu sagen, und die 
Kaiserin richtete unsere Gänge so ein, daß sich 
der Eindruck immer noch steigerte; mit zufrie- 
denem Lächeln beobachtete sie mein wachsendes 
Entzücken. Wir befanden uns schon stundenlang 
auf der Wanderung, inzwischen nahmen wir hie 
und da ein Eis, und dann ging's mit erneuten 
Kräften weiter, damit ich, wie die Kaiserin sagte, 
Neapel entdecke. 

Es war schon spät am Abend, als wir 
unseren Streifzug mit dem Schönsten, was man 



i8 95 . 67 

nur sehen konnte, beendeten, mit einem bezau- 
bernden Schauspiel, dessen Bild für immer in 
meinem Gedächtnis haftet und dessen Farben 
niemals verblassen werden. 

Es ist weiße Mondscheinnacht und wir über- 
sehen von der Chiaja aus das vor uns ausgebreitete, 
traumartige Bild, dessen schneeweißer Grundton 
rosenfarbige Reflexe erhält vom Scheine der aus 
dem Vesuv emporschießenden Feuersäulen. 

Wie zauberisch schön ist diese entzückende 
Wirklichkeit ! 

Und Tausende gehen an ihr vorüber mit der 
Gleichgültigkeit des Gewohnten. Die Kaiserin 
konnte sich kaum von dem Anblick trennen. 
Sie war auch den ganzen Tag heiter und gesprächig 
gewesen. 

«Das ist meine Neapeler Stimmung,» sagte sie, 
«hier trägt alles bei, mein Gemüt zu erheitern.» 

Während des ganzen sechsstündigen Herum- 
schlenderns und bis zum Schlüsse bewahrte sie 
ihre Frische und Aufnahmsfähigkeit unter den 
immer neu auf uns einwirkenden Eindrücken. 
Sie interessierte sich sehr für das Straßenleben 
in Neapel. «Sehen Sie nur,» sprach sie, «wie viele 
Müßiggänger es da gibt, und lauter heitere Ge- 



68 1895. 

sichter. Nur unter der südlichen Sonne kann es 
so glückliche Tagediebe geben; die kältere, feuch- 
tere Luft des Nordens macht auch die Seelen 
düster, so daß in ihnen nur die Sorge gedeiht.» 

Mich interessierten, als eine Spezialität Nea- 
pels, die Lazzaroni. Allein mein Auge suchte ver- 
gebens an den Straßenecken die kleinen, reizen- 
den, in malerische Lumpen gehüllten Bettler. 
Auf ihrem braunlockigen Haupte spielen die 
Sonnenstrahlen, mit den großen, tief blickenden 
Augen erobern sie die Herzen, erschließen die 
Geldbörsen. So sah ich sie einmal im Bilde, 
doch fand ich die Wirklichkeit anders. Es sind 
vergnügte, lärmende, weniger malerische, aber 
um so geriebenere Spitzbuben, die niemanden 
respektieren, am wenigsten die Fremden. «Es ist 
nicht ratsam, mit ihnen anzubinden,» mahnte die 
Kaiserin, «denn wenn ihre Zügellosigkeit geweckt 
wird, ist ihnen nichts heilig.» 

Hierauf erzählte sie mir, daß sie sich gele- 
gentlich eines früheren Aufenthaltes von ihrem 
damaligen griechischen Vorleser Ch. auf ihrem 
Spaziergange begleiten lassen wollte, doch ihre 
Absicht aufgeben mußte. Ein Organ der Behörde 
machte sie nämlich aufmerksam , sie könnte we- 



i8 95 . 69 

gen des Griechen Unannehmlichkeiten haben, weil 
dieser einen Höcker hatte und die Gassenjungen 
ihn unbedingt lächerlich machen würden. 

Wieder an Bord, sagte mir die Kaiserin, bevor 
sie mich verabschiedete: «Jetzt müssen Sie aber 
Neapel und seine Umgebung näher kennen lernen; 
Sie haben vier Tage Urlaub, Berzeviczy wird Sie 
führen, sehen Sie sich alles an, was in so kurzer 
Zeit nur möglich ist, und dann erzählen Sie mir 
Ihre Eindrücke.» 

Ich dankte innigst für die Gnade und noch 
am selben Abende stellten wir mit Berzeviczy 
und Wachtel unser Programm zusammen. Die 
Erlebnisse der nächsten Tage will ich, da die 
Kaiserin an ihnen nicht teilnahm, nur flüchtig er- 
wähnen. In gemütlicher kleiner Gesellschaft, be- 
stehend aus dem Gefolge und einigen Marine- 
offizieren, besichtigten wir die Stadt und deren 
Kunstschätze und machten Ausflüge in die Um- 
gebung, die jährlich von vielen tausend Touristen 
aufgesucht wird. Wir waren in Pompeji, Capri, 
dem seiner schönen Aussicht wegen berühmten 
Sant' Elmo und in Caserta, dem einstigen Buen- 
retiro der Könige von Neapel. Tempora mutan- 
tur. Alles sprach hier von der Vergänglichkeit. 



70 iS 9 5- 

Aber die Krone all dessen, was ich gesehen, 
war ein Ausflug zum altehrwürdigen Vesuv. 

Schon der Aufstieg war bezaubernd und 
ebenso der Ausblick in die um ihn ausgebreitete 
Welt. Leider gestattete er keine allzu große An- 
näherung. Respekt gebietend grollte er und 
schleuderte dröhnend Asche und Lava aus 
seinem Rachen. Wie bedauerte ich, daß die Kai- 
serin nicht da war. Die Erscheinungen der Natur, 
durch ihre Seele gesehen, gewannen erhöhte" Be- 
deutung und tieferen Sinn. 

Ich kam spät nachts nach Hause. Noch lange 
betrachtete ich vom Verdeck aus den Vesuv, wie 
er seine grellroten Flammen zornig gegen den 
Himmel schleuderte, von dem der lächelnde 
Vollmond neugierig hernieder und in seinen Kra- 
ter blickte. 

Wir würden abreisen, wenn es ginge. Die 
Offiziere prophezeien schon seit zwei Tagen 
Sturm und heute tanzt die <Miramare> in dem 
geschützten Hafen, daß sie in ihren Fugen kracht. 
Wachtel meint, der Sturm könne drei Tage an- 
halten. Was kann man jda tun? Zuwarten. Die 
Kaiserin macht Spaziergänge oder läßt sich vom 
Griechen vorlesen, während ich in der Stadt her- 



i8 9 5- 71 

umschlendere und die Museen besichtige. So 
vergeht die Zeit und wir trotzen der Laune des 
Wetters. Morgen können wir hoffentlich reisen. 
Dies dürfte aber auch sehr wohltuend wirken 
nach dem großen Schrecken, den wir heute mit- 
machten, wo wir bei einem Haar im Hafen 
Schiffbruch litten. Der Sturm zerriß nämlich die 
Seile der «Augusta Victoria > und es hing an 
einem Faden , daß das große deutsche Schiff uns 
anrannte. 

Am vierten Tage ließ der Wind nach und 
nachmittags 5 Uhr erklang Wachtels Kommando- 
ruf: «Mit voller Kraft! Vorwärts!» 

Unser Ziel ist Corfu. Nach der Abfahrt ließ 
mich Ihre Majestät zu sich berufen und ich mußte 
ihr Rechenschaft geben von allem, was ich ge- 
sehen. DieBuchtlagschonhinterunsundich sprach 
noch immer. Ich hörte erst auf, als das stark be- 
wegte Meer mich seine Leib und Seele schaukelnde, 
schwindelerregende Wirkung fühlen ließ. 

Ich mußte mich also hinlegen, und ver- 
suchte in dem Gedanken einzuschlummern, daß 
der Ort, nach dem wir uns jetzt begaben, ange- 
nehmer als alle bisherigen sein würde, weil er 
das Heim der Kaiserin sei. 



7 2 iSg5- 

Morgens 5 Uhr erwachte ich. Die See ist 
still, das Schilf steht. Dies bedeutet, daß die 
Kaiserin jetzt ihr Bad nimmt. Da hält das Schill 
immer. Ich eilte aufs Verdeck, wo meiner ein 
entzückender Anblick harrte. Drüben im tiefen 
Dunkel ragte der Stromboli empor, von dem 
deich einem stürzenden Feuerbache die Lava 
sich herabschlängelte bis zum Meere. 

Wenn der alte Vesuv dies sähe, hätte er 
seine helle Freude an seinem kleinen Bruder 
Stromboli. Die berühmte Scylla nebst Charybdis 
konnten uns nichts anhaben, obschon wir die 
eine kühn durchschnitten. 

Allerdings, wenn die Griechen das Meer mit 
Dampfschiffen befahren und nicht mit nackten 
Armen und offener Brust den Elementen getrotzt 
hätten, würden auch sie geringschätzig auf die 
Scylla und Charybdis herabgeblickt haben, doch 
wie viel schöne Sagen und klassische Heroen 
wären uns dann verloren gegangen. 

Ihre Majestät verbrachte den ganzen Tag 
auf der Schiffsbrücke. Ich hielt mich auch oben 
auf. Zu meinem Verdrusse verbarg sich der 
Ätna, den ich so gerne gesehen hätte, im Nebel. 
Abends, nachdem sich Ihre Majestät zurückge- 



i8g5. 7^ 

zogen, bekam ich eine Einladung zu einem Kon- 
zert, das die Offiziere veranstalteten. 

Die Herren Seeoffiziere verstehen es meister- 
haft, sich und andere zu amüsieren. Dieses nur 
auf das Schiff beschränkte Leben entwickelt in 
ihnen entsprechende Talente, die dann zumeist 
den Reisenden zugute kommen. 

Als ich am nächsten Tage das Verdeck be- 
stieg, schwammen wir schon längst in griechi- 
schen Gewässern und aus der Ferne, einem sma- 
ragdgrünen Streifen gleich, tauchte Corfu empor. 
Die Gebirge Albaniens waren mit Schnee be- 
deckt, also — auch hier kein Frühling. Es war 
! / 2 i Uhr, als wir mit Ihrer Majestät das Schiff ver- 
ließen. 

Doch welche Täuschung, daß ich den Früh- 
ling nicht sah! 

Jetzt erst sehe ich, daß die ganze Insel wie 
ein Blumenteppich vor mir liegt. 

Ein wahrhaft rosenfarbener Lenz, unver- 
fälschte ewige Jugend lacht uns von den Ufern 
entgegen, über denen auf hohem Berge das 
schneeweiße Achilleion steht. 

Von diesem herrlichen Bau blicken die 
heitere Lebenslust der klassischen Vergangenheit 



74 i895- 

und die in edlen Formen ausgedrückte Schwung- 
kraft ihrer jungen Seele auf den Ankömmling 
herab. 

So war ich einst, spricht der Geist der 
Menschheit zu mir, wahrend mein Auge an den 
Säulenreihen des Achilleion dahingleitet; — so 
bin ich jetzt! sagt mir die lächelnde junge Natur. 

* * 

* 

Vom Schiffe bringt uns ein Motorboot in 
den Hafen des Achilleion, der sich bis dicht an 
den Garten hinzieht. Links vom Molo fällt mir 
ein reizender kleiner Bau auf, das Badehaus der 
Kaiserin, rechts ein zweiter für die elektrische 
Beleuchtung. 

Am Ufer, vielmehr am Ende des Gartens, 
empfing Baron B., der Direktor des Achilleion, 
Ihre Majestät, worauf wir die Serpentinwege 
des Gartens emporstiegen. 

Unter Palmen und reich mit Früchten und 
Blüten behangenen Zitronen- und Orangenbäu- 
men schritten wir hinan; wohin der Blick fällt, 
überall in Blüten prangende Rosenbäume und 
im Rasen verborgene Veilchen, die uns ihren be- 
rauschenden Duft als lieben Gruß entgegensenden. 



i895- 75 

Jetzt kommen wir an Heines Denkmal vorüber, 
weiter oben begrüßen wir Byrons durchgeistigtes 
Antlitz und, immer höher gelangend, erreichen 
wir die erste Terrasse, die sich im zweiten Drittel 
des stetig ansteigenden Gartens befindet. 

Marmorne Treppen führen dahin und von 
weißem Marmor erglänzen ringsum die Geländer. 

Auf der Terrasse, dem Aufgang gegenüber, 
erblickte ich auf einem massigen Marmorblock, in 
halb liegender Stellung, den Helden der Kaiserin, 
den sterbenden Achill. Irdische Macht und Ruhm 
— das Schicksal weiß immer eure Achillesferse 
zu treffen! 

Und wie schmerzlich dieser Zusammenbruch 
ist, dachte ich mir, da ich am niedergebrochenen 
Heros vorüberschritt. 

Unter Palmen und Rosen weiterwandelnd, 
gelangten wir an die zweite Terrasse. Auf der 
obersten Stufe der Treppe, auf halbhohem Posta- 
mente, standen vor heller Luft die beiden Ring- 
kämpfer, in dem Augenblicke dargestellt, da sie 
aufeinander losgehen wollen. Die Originale sind 
Meisterwerke Canovas. Wir gehen zwischen ihnen 
durch und befinden uns auf der Terrasse, von 
wo wir auf die Gegend zurückblicken. 



iS 95 . 

Dieser aus dem stahlblauen Meere hervor- 
lächelnden Lenzesherrlichkeit verleiht nur das 
albanesische Gebirge einen etwas ernsteren Ton. 
Welch ein entzückendes Bild! 

Und hier auf der zweiten Terrasse erhebt 
sich, wie ein in Marmor ausgedrückter klassischer 
Gedanke, das Achilleion. 

Dem Peristyl gegenüber stehen wir still, 
unser Blick ist für eine Weile festgebannt und 
scheint in stummer Huldigung die herrliche Wohn- 
stätte zu begrüßen. 

Hier verabschiedete sich die Kaiserin von 
uns, entfernte sich langsam und verschwand in 
den Säulengängen. Wir betraten den Palast durch 
den Haupteingang, an der anderen Front des 
Baues, und suchten eilig unsere Appartements 
auf. Meine Zimmer befanden sich im zweiten 
Stockwerk, nahe den Gemächern der Kaiserin, 
mit der Aussicht aufs Meer und auf das Innere 
der Insel. Ich sah mich um, fand alles wunder- 
schön und eilte dann an mein weit geöffnetes 
Fenster. 

Ach, was war das für eine freundliche, hell 
strahlende, glückliche junge Welt! Wie sehr ver- 
stand ich nun, warum die Kaiserin Corfu über 



i8 9 5. 77 

alles liebte und warum sie ihr liebes Heim ge- 
rade hier erbaut hatte. 

«Das ist mein ,Asyl', wo ich ganz mir ange- 
hören darf, hier beschränken mich keine welt- 
lichen Rücksichten.» Mit diesen Worten stellte 
sie mir das Achilleion vor. 

Und weil der Wunsch der Zurückgezogen- 
heit von der Welt dieses kleine Paradies ge- 
bar, entsprach ihm auch unsere dortige Lebens- 
weise. 

Ich sah die Kaiserin fast die ganze Woche 
nicht, mit Ausnahme der Spanne Zeit, die ich, 
während sie sich frisieren ließ, bei ihr verbrachte. 

Da erteilte sie ihre Befehle, war sehr lieb 
und freundlich, entließ mich aber sehr bald, und 
während ihre herrliche Haarkrone der Frau F. 
überlassen blieb, vertiefte sie sich in griechische 
Studien. 

Ich bin überflüssig, dachte ich mir mehr als 
einmal. Ich bin zum Trabanten eines großen und 
geheimnisvollen Planeten geworden, ich fühle 
seine unwiderstehliche Anziehungskraft, aber mein 
Weg ist vorgezeichnet und nur auf Minuten, 
höchstens auf Stunden kann ich in seine strahlende 
Nähe gelangen. 



78 i8 9 5- 

Die Kaiserin stand auch hier früh auf und 
verbrachte den Morgen auf dem Peristyl oder im 
Garten ganz allein. 

Gesen 1 1 Uhr machte sie einen größeren 
Spaziergang, von dem sie, erst in den Nachmittags- 
stunden heimgekehrt, sich zurückzog und dann 
nur ab und zu sichtbar wurde. Ich richtete meine 
Lebensweise dementsprechend ein und prome- 
nierte viel im Innern der Insel durch die schö- 
nen Olivenhaine. Die blumigen Hügel und Täler, 
die zerstreut stehenden oder malerisch gruppier- 
ten dunkelgrünen Baumriesen, dazu das leb- 
hafte Treiben um den Kressidabrunnen, wo ich 
rastend oftmals die schönen, Wasser schöpfen- 
den Mädchen von Gasturi bewundern konnte, 
versetzten mich in die Welt der Doreschen Bibel. 

Eine Gestalt voll edelsten Ebenmaßes und 
herrlicher Haltung nähert sich mir, auf dem 
Kopfe trägt sie den Krug und, während sie ihn 
füllt, läßt sie ihre mandelförmigen, großen, braunen 
Augen auf der Fremden ruhen. 

Rebekka am Brunnen, dachte ich mir und 
erwartete gleichsam — Jakob. Doch er kam 
nicht, was vielleicht besser war, denn leider 
passen die Männer von Gasturi nicht in den 



1895. 79 

Rahmen, dessen Eindruck sie nur schädigen 
würden. 

Während unseres Aufenthaltes auf Corfu ver- 
sammelte sich das Gefolge täglich an der Tafel 
im großen Speisesaal. Viele Erinnerungen ge- 
mütlicher, heiterer Stunden knüpfen sich an diese 
gemeinsamen Mahlzeiten. 

Die Beleuchtung des Saales war bizarr; die 
elektrischen Flammen leuchteten in Form ver- 
schiedener Früchte oder Seifenblasen aus den 
Händen der Stuccoamoretten hervor und über- 
gössen nicht nur die kunstvollen Fresken, son- 
dern auch die vereinte, heitere Gesellschaft mit 
ihrem strahlenden Lichte. 

Die Mahlzeiten auf Achilleion waren in der 
Tat prächtig. Die herrlichsten Gerichte verdank- 
ten wir dem Meere, an das auch alle Bestandteile 
der Tafel insoferne erinnerten, als das Silber, Por- 
zellan, Glas und Linnenzeug unter der kaiser- 
lichen Krone einen Delphin zeigte. Dies gehörte 
zum Stile des Achilleion, wo fast auf jedem 
Gegenstand und Ornament der Delphin zu 
sehen war. 

Der Abend wurde dann gewöhnlich im 
Rauchzimmer verplaudert, das eine treue Nach- 



6* 



8o 1895. 

ahmung eines in Pompeji ausgegrabenen herr- 
lichen Saales ist. 



Eines Tages ließ mich Ihre Majestät zu sich 
bescheiden, um mir ihre Gemächer zu zeigen. 

Im Treppenhause des Haupteinganges, der 
auf die erste Etage führt, erzählt ein riesiges 
Wandgemälde vom Siege Achills. Der Heros 
steht auf einem dahinbrausenden Wagen, in seiner 
Linken Schild und Speer, in der Rechten hoch 
empor gehalten der Helm des im Staube nach- 
geschleiften Hektor, den er den nachstürmenden, 
siegestrunkenen Griechen zeigt. 

Ich blieb vor dem Bilde stehen ; doch während 
ich es betrachtete, verschwand es meinen Blicken 
und meine Phantasie zauberte das Bild des ster- 
benden Achilles an seine Stelle, vielleicht um 
mich mit seinem grausamen Siege zu versöhnen. 

Von hier trat ich in die Appartements der 
Kaiserin, in den Salon. Was ist unser in Pracht und 
Luxus sich äußernder Schönheitssinn, verglichen 
mit dem Schönheitssinne der klassischen Zeit! 

Strahlende Ausgeburten einer ungezügelten 
Phantasie! Dieser Saal samt seiner Einrichtung ist 



i895- bI 

eine getreue Nachbildung pompejanischer Kunst. 
Von den reichen Fresken der Wände und Decken 
lachen Frohsinn, Heiterkeit der Seele und un- 
erschöpflicher Reichtum der spielenden Phan- 
tasie uns entgegen. 

Ich bin nicht kunstverständig und weiß den 
wirklichen Kunstwert dieser herrlichen Kopien 
nicht zu beurteilen, allein während ich sie be- 
trachtete, stahl sich mir das Gefühl heiterer Freude 
ins Herz. Wir pflegen mit Bewußtsein das 
Schöne und widmen ihm einen fetischartigen 
Kultus, während er dazumal warm und unbe- 
wußt den Seelen entströmte wie der Frühlings- 
hauch, von dem die Wiesen sich mit Blumen 
schmücken und alle Büsche von Vogelgesang er- 
klingen. 

Die Möbel und anderen Einrichtungsgegen- 
stände stehen ausnahmslos auf bronzenen Füßen; 
ihre Seiten und Flächen zeigen die herrlichste 
Mosaikarbeit; Polsterung und Bezug der Stühle 
und Lehnen sind wohl prunkvoll, aber, der vor 
zwei Jahrtausenden herrschenden Gewohnheit 
entsprechend, ohne Rücksicht auf Bequemlichkeit. 

Aus dem Empfangssaal gelangten wir in das 
Schreibzimmer und von da in das Toilettenzim- 



82 1895. 

mer der Kaiserin. Hier ist alles blau, lächelnd 
wie der Himmel und durch die rosafarbenen 
Fenstervorhänge wie von einem leichten Morgen- 
rot überhaucht. 

Von hier gelangt man in das Schlafzimmer, 
in dessen Mitte ein niedriges, römisches Bett steht, 
mit einem Eisbärenfell bedeckt. Von hier öffnet 
sich das Bade- und Turnzimmer, wo die Kaise- 
rin täglich Übungen machte. 

In all diese Räume blicken durch die Fenster 
die wechselvollen Bilder der Gegend und das 
Meer herein. Von dem Empfangssaale kann Ihre 
Majestät ohne Treppen auf das Peristyl treten. 

Das Peristyl! Es ist der Stolz des Achilleion. 
Eine offene Säulenhalle, die sich in Gestalt eines 
großen L an zwei Fronten dahinzieht. Korinthi- 
sche Säulen tragen die herrliche Stuccodecke, die 
Seitenwand schmücken Fresken aus dem Leben 
des Odysseus. Im Anstieg und hinter jeder Säule er- 
blicken wir auf marmornen Halbsäulen ruhende 
Hermen der Großen aus der klassischen Zeit, 
außerhalb der Säulenreihe die neun Musen in 
Lebensgröße. 

Das Peristyl ist der stumme Zeuge der ein- 
samen Spaziergänge der Kaiserin. Hier stört sie 



1895. 83 

niemand; hier wagt sich niemand her, ohne ge- 
rufen zu sein. 

Als ich alles gesehen hatte, führte mich die 
Kaiserin in die erste Etage und zeigte mir die 
Wohnräume des Kaisers. Ihre Einteilung ist im 
großen und ganzen die nämliche wie in den Ge- 
mächern Ihrer Majestät, doch ist hier die Ein- 
richtung modern. 

«Der Kaiser liebt die griechischen Möbel 
nicht,» erklärte die Kaiserin; «er hält sie für un- 
bequem, was sie auch wirklich sind. Ich aber 
sehe sehr gerne diese edel geformten Gegenstände 
um mich und da ich höchst selten sitze, ist es 
einerlei, ob sie bequem oder unbequem sind.» 

Endlich gingen wir aus des Kaisers Empfangs- 
saal hinaus auf den geräumigen Balkon, an dessen 
zwei Ecken die beiden berühmten Kentauren sich 
gegenüberstehen. 

«Das sind Originale aus der Sammlung Bor- 
ghese,» bemerkte die Kaiserin, nachdem sie schon 
früher meine Aufmerksamkeit auf diese Figuren 
gelenkt hatte. 



84 i895- 

Der «Josefstag» war ein herrlicher Frühlings- 
tag, an dem wir Wachtel mit Champagner feier- 
ten. Nachmittags schlenderte ich im Beniceer 
( )rangenhain herum , wo die Bäume in voller 
Pracht standen und die Orangenernte gehalten 
wurde. 

Es dunkelte schon, als ich nach Hause kam, 
und da ich mich für das Souper vorbereitete, kam 
der Befehl von Ihrer Majestät, in das Peristyl 
zu kommen. Ich eilte zu ihr. 

Nicht nur das Peristyl schwamm in einem 
Lichtmeere, die Bogenlampen leuchteten auch 
ahnungsvoll hinab auf die Terrassen, die sich unter 
dem Garten stufenweise dahinziehen. Mir war, als 
geriete ich in eine geheimnisvolle Märchenwelt; 
zögernd fast betrat ich die strahlende Halle, wo 
jetzt alles, was Pinsel und Meißel in Bild und 
Marmor hierhergezaubert, sich im Lichtmeere zu 
beleben schien. 

Die Kaiserin bemerkte meine Befangenheit 
und sprach lächelnd: 

«Sie haben dies noch nicht bei Mondschein 
gesehen, deshalb ließ ich Sie rufen. Zwar geben 
Bogenlampen einen schwachen Begriff von xMond- 
licht, aber dieser klassische Beleuchtungskörper 



i895- 85 

steht uns heute nicht zur Verfügung, und doch 
ist nur in seiner diskreten Beleuchtung das Achil- 
leion wahrhaft schön.» 

Ich folgte ihr wie eine Nachtwandlerin, hier 
und dort stille haltend und mich ganz dem Zauber 
dieser Märchenwelt überlassend. Wir gelangten 
zur Peri. Da standen wir eine Weile, denn da 
war die Grenze des Lichtbereiches und über 
diese herein gähnte die Finsternis zu uns em- 
por, die unermeßliche. Sie war es wohl, die 
in diesem Augenblick uns so mächtig ange- 
zogen. Denn das Gesicht ihr zugewendet, lausch- 
ten wir stumm ihrer Sprache. Es klang, als 
rücke sie drohend gegen diese strahlende Mär- 
chenwelt vor. 

Der gleiche Gedanke dürfte uns beide durch- 
zuckt haben, denn plötzlich wandten wir uns und 
eilten stumm hinab in den Garten. Hier zeigte 
mir die Kaiserin ihre Statuen bei Beleuchtung. 
Byron fand ich sehr schön. Bei Heine jedoch 
störte mich stets der vogelhausartige Bau, in dem 
er untergebracht war. Während wir ihn betrachte- 
ten, sagte die Kaiserin: «Ich liebe diesen traurigen 
Juden, in dessen Seele etwas von der Seele Ahas- 
vers lebt. » 



86 1895. 

Wortlos gingen wir weiter zum sterbenden 
Achill und die Kaiserin führte mich gerade dem 
Punkte zu, von wo aus das Kunstwerk am besten 
zur Geltung kam. Und wahrlich, von hier aus 
und in dieser Beleuchtung gesehen, übt der nieder- 
gebrochene Held eine erschütternde Wirkung 
aus. Der unsägliche Schmerz, der sich in seinen 
Zügen ausdrückt, ist nicht der Abschiedsschmerz 
allein. Mit Achilles steigt Größe, Ruhm und 
Macht in den Hades; die Bitternis darüber 
prägt sich in seinem leidenden Antlitz aus und 
macht sein Sterben ergreifend. 

Unser Aufenthalt in diesem Zaubergarten 
währte eine Stunde. Als mich Ihre Majestät ent- 
ließ, dankte ich in warmen Ausdrücken für diesen 
seltenen Genuß und war schon im Gehen be- 
griffen, da eilte sie mir mit den Worten nach : 
«Kommen Sie nur, ich zeige Ihnen noch den 
Achilles von Matsch, der bei Beleuchtung um vieles 
schöner ist.» Und sie führte mich in die Vorhalle. 
Vom elektrischen Lichte wie von einem Glorien- 
schein umstrahlt, war nun der sieghafte Held zu 
sehen, wie er, von seinen Myrmidonen gefolgt, 
dahinrast, Hektors Leiche hinter seinem Wagen 
einherschleifend. 



1895. 8 7 

Ich erinnere mich nicht, ob ich über das Bild 
eine Bemerkung fallen ließ; möglich daß mein 
Auge auch diesmal den sterbenden Achill sah. 



Ich habe fast gar keinen Dienst, daher um so 
mehr Zeit zum Herumstreichen. Ich kenne die 
Insel schon in einem Umkreise von 10 Kilometern 
und Corfu selbst durch und durch. 

Gestern war ich auf Pontikonisi, der Mäuse- 
insel; das ist der Sage nach das versteinerte Schiff 
des Odysseus. Heute besichtigte ich den Hafen, 
dann die Festung und schließlich, damit mir in 
Corfu nichts verborgen bliebe, das Ghetto. Ein 
entsetzlicher Ort. 

Die Tage vergehen. 

In seelenvertiefender Stille lebt die Kaiserin 
ihr glänzendes Robinson-Leben dahin. 

Ich sehe, daß das für sie ein Segen ist und 
finde in diesem Bewußtsein Trost dafür, daß ich 
mich hier ganz überflüssig fühle. 



Wir erwarten Erzherzogin Gisela und ihren 
Gemahl, Prinz Leopold von Bayern. Sie kommen 



88 i8g5- 

auf der «Miramare» von Brindisi her und Berze- 
viczy empfängt sie in Benice. 

Im Hofe des Achilleion promenierend, er- 
wartete Ihre Majestät die Gäste. Ich berichtete 
inzwischen über meine Eindrücke von Corfu und 
bei der Erwähnung des Brunnens der Cressida 
und der schönen Mädchen von Gasturi erinnerte 
sich die Kaiserin ihrer voll Begeisterung, als ver- 
späteter Boten eines längst entschwundenen, schö- 
neren Zeitalters. «Und die Frauen von Gasturi,» 
setzte Ihre Majestät hinzu, «imponieren mir nicht 
nur durch ihre antike Schönheit, sondern auch 
durch ihre unermüdliche Arbeitsamkeit. Sie be- 
sorgen nicht bloß die häusliche Arbeit, sondern 
auch zum großen Teile die Garten- und Feld- 
arbeiten. Haben Sie schon den Griechen auf dem 
Esel und das Weib neben ihm dahintrottend ge- 
sehen? Nun, dies charakterisiert das Verhältnis 
von Mann zu Weib hierzulande.» 

«Doch halt, da kommen unsere Gäste,» unter- 
brach sich die Kaiserin und eilte ihnen freudig 
entgegen. Voll Herzlichkeit empfing sie ihre Kin- 
der, mit verbindlicher Freundlichkeit deren Ge- 
folge, und dann begleitete sie sie in die Apparte- 
ments des Kaisers, wo sie wohnen werden. Doch 



iS 9 5- 8 9 

verweilten sie da nur wenige Augenblicke und 
schon entführt sie die Kaiserin, um ihnen die 
Herrlichkeiten des Achilleion zu zeigen. 

Die bayrischen Hoheiten soupierten mit uns 
und waren sehr heiter und gemütlich, kaum aber 
hatten wir die Mahlzeit beendet, da kam von 
der Kaiserin die Botschaft, wir sollten uns alle 
in das Peristyl hinauf begeben. Eine fast voll- 
ständig finstere Seitentreppe führte uns dahin und 
der Eindruck, den die in Licht gebadete Halle 
dann auf die Eintretenden machte, war berückend. 

In hoheitsvoller Haltung trat uns die Kaiserin 
entgegen. Sie hatte ein schwarzes Kleid an und 
ihre schlanke Gestalt schien im Lichte zu wachsen 
und zu schweben. 

Sie lächelte — doch ihr Lächeln erschien 
mir heute schmerzlich. Vielleicht nie zuvor war 
sie mir so poetisch schön vorgekommen wie jetzt. 
Das Entzücken, zu dem das Achilleion ihre Gäste 
hinriß, tat ihr wohl. Sie behielt uns nahezu eine 
halbe Stunde bei sich. Ich war die Letzte, die sie 
verabschiedete, mit einem wehmütigen Blick und 
den Worten: «Mit meiner stillen Schwärmerei 
war' es bald zu Ende, müßte ich sie, wie heute, 
häufig unterbrechen.» 



90 i8 9 5. 

Das Achilleion ist eine Zufluchtsstätte. Das 
herrliche Asyl einer verwundeten großen Seele. 
Hier wurden ihr selbst die Nächststehenden 
fremd. Und es sollte sie auch niemand da stören 
wollen. 

Ostersonntags versammelte sich das Gefolge 
in der Vorhalle zur Messe. An diesem Orte hatte 
mir die Reliefdarstellung der tot auf dem Wasser 
treibenden Ophelia immer einen so schlechten 
Eindruck gemacht, daß ich es gar nicht anblicken 
konnte. 

Von hier öffnete sich eine kleine Kapelle, 
an deren Betstuhle die Kaiserin und ihre Kinder 
beteten. Wir selbst fanden darin keinen Platz, so 
gering ist ihr Fassungsraum. Das Altarbild ist 
eine Stella Maris, über der Munkäcsys «Christus 
vor Pilatus» in Mosaik angebracht ist. Ihre Maje- 
stät liebte dieses Bild sehr. 



Heute ist großes Diner, an dem auch die 
Kaiserin teilnimmt. Welche Seltenheit! Und 
welch ein Freudenfest für uns alle. 

Ich und Baron B. schmückten den Tisch mit 
weißen Iris und vielen, vielen Veilchen, die aus 



i8 9 5- 91 

Farnen und Myrtenzweigen hervorlugten. Wir 
waren sehr stolz auf unser Werk, weil es Ihrer 
Majestät sehr gefiel. 

Das Diner war ausgezeichnet; die Kaiserin, 
hinreißend liebenswürdig und heiter, lachte herz- 
lich über die eine oder andere scherzhafte Wen- 
dung des Gespräches. Während des Cercles sah ich 
voll Bewunderung, mit welcher Anmut und Heiter- 
keit sie die Konversation führte. Wie oft schon 
hatte ich dies bewundert, und hier im Achilleion 
mehr als irgendwo. Wie majestätisch ist diese 
einsame Seele! Ihre Herzensgüte erstrahlt, wenn sie 
unter Menschen tritt. Als wollte sie all das, was 
sie in ihrer Verschlossenheit der Welt entzogen 
hat, bei solcher Gelegenheit überreichlich ersetzen. 

Dann folgte noch eine kleine Feier, die sich 
jedoch nur im Kreise des Gefolges abspielte. Der 
Grieche Mr. Pali endete heute seine einjährige 
Dienstzeit und trat aus. Vor seiner Abreise über- 
reichte ihm Berzeviczy im Allerhöchsten Auftrage 
das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens, von 
welcher Auszeichnung er freudig bewegt war. 

Der «Spazierstock», wie ihn die Kaiserin 
nannte, hatte seinen Dienst zur vollsten Zufrieden- 
heit getan und sich auch unsere Sympathien 



92 iS95- 

erworben. Ein bescheidener, verständiger Mann, 
der griechischen und französischen Sprache und 
Literatur kundig. 



Bei etwas bewölktem Himmel besichtigten 
wir mit den bayrischen Hoheiten Monrepos, 
die Villa des Königs von Griechenland. Ein an- 
spruchsloses kleines Schloß, in herrlicher Lage, 
wo zu Anfang der sechziger Jahre auch die Kai- 
serin ein paar genußreiche Wochen verlebt hatte. 
Von da gingen wir zu Fuß nach II Canone und 
dann im Kahne weiter nach Pontikonisi. Diese 
kleine Felseninsel mit ihren riesigen dunklen Zy- 
pressen gibt ein düster -mystisches Bild. Angeb- 
lich hat Böcklin nach diesem Vorbilde seine «To- 
teninsel» gemalt. Heimwärts wurde unser Boot 
durch das Motorboot der «Miramare» in Schlepp 
genommen und bis zur Bucht des Achilleion 
bugsiert. 

Im Garten trafen wir Ihre Majestät, der die 
Hoheiten die soeben gewonnenen Eindrücke mit- 
teilten. 

Wir machten noch mehrere ähnliche Aus- 
flüge mit unseren Gästen und die Tage ihres Auf- 



1895. 93 

enthaltes verstrichen in der angenehmsten Weise. 
Nun kam die Abreise. 

Nach dem Abschiedsouper kam die Kaiserin 
herab. Mit ihr geleitete das ganze Gefolge die 
lieben Gäste zum Hafen, wo ihrer schon die 
glänzend beleuchtete «Miramare» harrte. 

Die Kaiserin verabschiedete sich von ihren 
Kindern, die einige Minuten später vom Verdeck 
der «Miramare» uns ihre Grüße zuwinkten. Als 
sich das Schiff in Bewegung setzte, warf ein an 
Bord aufflammender, riesiger Projektor seinen 
Schein auf das Ufer und beleuchtete den Garten, 
das Achilleion, ja sogar den Gipfel des zypressen- 
gekrönten Kiriaki. 

Lange sahen wir dem schwimmenden Pa- 
laste nach, dann schritten wir wortlos den Berg 
hinan. 



Die Zeit vergeht. Noch einige Tage und auch 
wir verlassen diesen herrlich schönen Ort. Ich 
denke mit Trauer daran. 

Ihre Majestät gab heute ein großes Abschieds- 
dejeuner, an dem wir alle teilnahmen. Wir hatten 
ausschließlich griechische Gerichte und Weine aus 



94 i3 95 . 

Corfu. Es gibt kein ungarisches Haus, dessen 
Hausfrau ihre Gäste mit größerer Liebenswürdig- 
keit zu animieren wüßte als die Kaiserin. 

Sie schien ganz in ihrem Elemente zu sein 
und obgleich sich diese kleine Gesellschaft in der 
drückenden Stimmung des nahen Abschiedes zu 
Tische gesetzt hatte, erklangen bald darauf die 
Gläser, in den Augen blitzte die Heiterkeit auf und 
mir war beinahe, als sähe ich aus allen Ecken 
des sonnenbeschienenen Gartens Schwärm um 
Schwärm heiterer Genien hereinschweben, die 
im Reigen den Tisch umtanzten und die Rosen 
des Frohsinns über die Gäste des Achilleions 
streuten. 

Und nun geht's ans Packen und morgen 
— fort! 

Wer weiß, ob ich jemals diesen herrlichen 
Ort wiedersehe. Des letzten Tages Freude: die 
Kaiserin verlangte mein Bild. 

Dies, dachte ich mir, ist das wehmütige Vor- 
spiel unseres Abschiedes für immer. 

Gegen Abend beschied mich Ihre Majestät 
unerwartet zu sich in den Garten und zeigte mir 
das Denkmal des Kronprinzen, das an diesem 
Tage aufgestellt worden. 



1895. 95 

Die ergreifende Schöpfung kam von Lugano. 
Der mächtige graue Granitsockel hat auf glatter 
Fläche ein medaillonförmiges Relief mit dem 
Brustbilde des Kronprinzen Rudolf. Über dem 
Relief, auf dem Rande des Blockes, sitzt, auf eine 
gebrochene Säule gelehnt, der Engel des Todes. 
Seine Fittiche sind ausgebreitet, sein Blick ernst 
und unerbittlich, und während er mit der Linken 
auf Rudolf weist, hat sich in seiner Rechten die 
Lebensfackel bereits erdwärts geneigt. 

Hoch aufgerichtet, die Blicke in die Ferne 
verloren, stand die Kaiserin da und ihr Schatten 
fiel auf das Denkmal. Als wollte sie ihren Sohn 
umarmen; und mir war's, als hörte ich durch die 
Stille das qualvolle Schluchzen ihrer Seele. 



Die «Miramare» liegt unten am Gartenende 
bereit. Wir begeben uns um 6 Uhr auf das Schiff; 
die Kaiserin nach Beendigung ihres letzten ein- 
samen Spazierganges erst nach Eintritt der Abend- 
dämmerung. Das Schiff setzt sich in Bewegung. 

Der Projektor wirft seinen Schein auf das 
verlassene Achilleion. Meine Seele ruft ihm ein 
letztes Lebewohl zu. 

7* 



96 i8 9 5- 

Es scheint, als ob nicht wir uns fortbeweg- 
ten, sondern als ob jenes schöne, weiße, antike 
Haus, jene Märchenwelt, immer weiter hinweg- 
schwände, zurück in die Vergangenheit und bis 
in die Zeit des Homeros, um erst da wieder 
stand/Aihalten. 



Wir hatten schönes Wetter und gute See bis 
Spalato. So hat sich Neptun schließlich doch ent- 
schlossen, auch mir ein freundliches Antlitz zu 
zeigen. 

Vormittags gegen l j 2 n Uhr tauchte hinter 
unserem Schiffe eine Schar Delphine empor, die 
uns mit heiteren Sprüngen begleiteten und das 
Schiff umkreisten. 

Vielleicht wollte das Achilleion uns durch sie 
seine letzten Grüße senden. 

In Spalato kamen Erzherzogin Valerie und 
deren Gemahl, Erzherzog Franz Salvator, an Bord, 
um mit uns weiter zu reisen. 

Um 1 1 Uhr war Dejeuner im glänzenden 
Speisesaale der «Miramare», woran auch Erzher- 
zog Karl Stephan mit seiner Gemahlin, Erzherzogin 
Maria Theresia, teilnahm. Nach der Mahlzeit be- 



i8 9 5- 97 

sichtigten wir Spalato und das Sehenswerteste: 
die aus der Römerzeit stammenden Bauten. 

Während des Rundganges verbreitete sich 
die Nachricht von der Ankunft der 'Kaiserin und 
gar bald waren wir von ganzen Schwärmen Neu- 
gieriger gefolgt. Glücklicherweise war Ihre Maje- 
stät heute in bester Stimmung und reagierte auf 
diese Störung nicht. «Meinetwegen mag ich 
einmal eine Sehenswürdigkeit sein,» sagte sie 
lächelnd und nur ihr rascherer Schritt verriet 
einigermaßen ihre Nervosität. 



Erzherzogin Valerie kannte die Lagunenstadt 
nicht und seit diese in italienischem Besitze ist, 
war auch Ihre Majestät nicht wieder dort ge- 
wesen; so mußte denn die «Miramare» die Rich- 
tung auf Venedig nehmen. Während unserer an- 
genehmen und glatten Reise spielte sich eine hei- 
tere Episode ab. Der Erzherzog ließ aus Versehen 
das Fenster seiner Kajüte offen und erwachte 
plötzlich — in einem unfreiwilligen Seebade. 

Morgens 10 Uhr erreichten wir Venedig und 
warfen an dem schönsten Punkte, knapp vor der 
Piazzetta, Anker. 



98 is 9 5- 

• 

Beinahe gegenüber steht der königliche Pa- 
last, in dem die Kaiserin einst mit ihrem jungen 
Gemahl glückliche Zeiten verlebt hat. 

Hier ertrug die Kaiserin die Zudringlichkeit 
der Neugierigen durchaus nicht so geduldig wie 
in Spalato und wir flüchteten uns vor der rück- 
sichtslosen Menge plötzlich in eine Gondel. 

Lange und mit aufrichtigem Entzücken hin- 
gen unsere Blicke am Canal Grande und seinen 
unvergleichlichen Palastreihen; mit Bewunderung 
standen wir vor Tizian und Veronese und schließ- 
lich besichtigten wir die berühmte Glasniederlage 
von Murano. 

Die Kaiserin liebte die italienische Sprache 
nicht, die sie auch nicht gelernt hatte. Bei den 
Einkäufen mußte ich daher mit meinen sehr 
mangelhaften Kenntnissen aushelfen. 

Die Kaiserin wählte eben einiges von Besa- 
rels künstlerischen Bronzen, als sich plötzlich ein 
Unwetter erhob. Wir mußten warten. Der alte 
Besarel mochte wohl eine Ahnung von dem hohen 
Besuch haben, weil er die Gelegenheit ergriff 
und sein Gastbuch mit der Bitte vorlegte, unsere 
Namen einzutragen. Auf Befehl der Kaiserin 
schrieb ich: «Gräfin Sztärav und Gesellschaft.» 



i8 95 . 99 

Der alte Herr erwiderte unsere Gefälligkeit 
mit einem Kompliment : « Ich freue mich, in meinem 
Atelier diesmal Blumen zu sehen und nicht wie 
gewöhnlich — Dornen.» 

Die Kaiserin fand den alten Herrn sehr nett, 
ermahnte mich aber, im Weggehen begriffen, 
bei solchen Gelegenheiten die Kaiserin zu ver- 
gessen und sie wie eine ältere Freundin zu be- 
handeln. 

Die Kunstausstellung im Giardino pubblico 
gefiel Ihrer Majestät nicht sonderlich. 

«Dieses Leben und diese Gestalten sind mir 
unverständlich; diese Farben sucht mein Auge 
vergeblich in der Natur,» bemerkte sie, während 
wir in den Sälen vor dieser oder jener problema- 
tischen Leinwand standen. 

Im schützenden Dunkel des Abends be- 
teiligten wir uns an der Promenade auf dem 
Markusplatze, wo auch selbstverständlich Eis ge- 
nommen wurde. 

Dieser herrliche Platz und das auf ihm wo- 
gende bunte Leben entzückten die Kaiserin so 
sehr, daß 9 Uhr längst vorüber war, als sie an 
den Heimweg dachte. Kaum waren wir jedoch 
auf Deck, als die im Lichte schwimmende «Mira- 



IOO 1895. 

mare» von Gondeln im Schmucke farbiger Lam- 
pions umlagert wurde und eine Serenade der 
andern folgte, wobei die mit den Sängern besetzte 
Barke die übrigen Gondeln weiterführte, wie die 
Henne ihre Küchlein. Auch wir bekamen Lust, 
uns ihnen anzuschließen, und als sich die Kaiserin 
zurückgezogen hatte, fuhren wir unbemerkt einem 
solchen Schwärme nach. 

Für den dritten Tag war die Abreise be- 
stimmt und wir beschäftigten uns mit den Vor- 
bereitungen, als bekannt wurde, daß König Hum- 
bert und Königin Margherita eintreffen sollten. 

Der Aufenthalt in Venedig mußte daher ver- 
längert werden. 

Die Kaiserin begab sich allein ins königliche 
Schloß, wo sie eine halbe Stunde verweilte, und 
kaum hatte sie die «Miramare» betreten, kam 
schon das königliche Paar, seine Gegenvisite ab- 
zustatten. 

Es war dies ein ergreifender Augenblick auf 
der «Miramare.» 

Die Matrosen des im Flaggenschmucke pran- 
genden Schiffes nahmen ihre Plätze auf den Raen 
und Masten ein, während die Offiziere sich auf 
dem Verdecke aufstellten. Jetzt erdröhnten die 



i8g5- IOI 



Kanonen und die Matrosen empfingen das italieni- 
sche Herrscherpaar, als es das Verdeck betrat, 
mit donnerndem Hurrah. 

Die Kaiserin führte ihre Gäste in den 
Empfangssalon, während wir uns mit dem Ge- 
folge beschäftigten. Nach dem kurzen Besuche 
gingen die Vorstellungen vor sich, wobei sowohl 
die Kaiserin als auch das italienische Königspaar 
freundliche Worte mit dem beiderseitigen Ge- 
folge wechselten. 

Hierauf bestieg das Königspaar die Gondel 
und begab sich, unter den Evvivarufen des am 
Ufer versammelten Publikums, in das Schloß 
zurück. 

All dies geschah Vormittags und schon um 
i Uhr lichteten wir die Anker. Die übrige Zeit 
weihten war dem Abschiede. Wir verabschie- 
deten uns vom erzherzoglichen Paare, das sich 
hier von uns trennte, aber auch von der schönen 
«Miramare», die, wenn sie uns morgen ans Land 
gesetzt hat, unseren Augen für lange Zeit ent- 
schwanden wird. 

Meinen Augen wahrscheinlich für immer. — 

Morgens beim Erwachen lagen wir vor 
dem Schlosse des Kaisers Maximilian. Die Kai- 



102 i8g5- 

serin blieb allein, um in diesem blütenprangenden 
Paradiese einen Tag zu verbringen. 

Ich fühlte, daß mich hier der gleiche Frühlings- 
hauch umspielte wie in meinem teuren Vaterlande; 
so heiter, so balsamisch und stählend: denKarpa- 
thenund der Ebene entsprossen. Doch vergebens, 
mit meiner Seele spielt kein Sonnenschein, die 
lächelnden Blumen erheitern mein Gemüt nicht, 
vor meinen Augen ist der Lenz umflort; denn 
ich kann nur weinen, ich kann nur Abschied 
nehmen von meiner innigstgeliebten, unglück- 
lichen Kaiserin. 

Die Stunden eilen und meine Seele erbebt, 
wenn ich an den morgigen Tag denke. 

Abends fuhren wir mit dem Sonderzuge ab 
und kamen morgens in Hetzendorf an, wo der 
Kaiser schon der Kaiserin harrte. Es war der 
i. Mai. 

Wie schwer waren diese wenigen Minuten 
dort im Hetzendorfer Bahnhofe. Nach dem innig 
herzlichen Wiedersehen mit dem Gemahl wandte 
sich die Kaiserin um und trat auf mich zu. Dies 
war der gefürchtete Augenblick, an den ich immer 
nur mit Beklommenheit gedacht hatte und der 
mich nun auch ganz außer Fassung brachte. 



1895. IOo 

Mit warmer Stimme und außerordentlicher 
Herzlichkeit sprach die Kaiserin zu mir. Was sie 
sprach? — Ich weiß es nicht, ich zitterte vor 
innerer Bewegung und — weinte. Zum Schlüsse 
drückte sie meine Hand und entfernte sich dann 
rasch mit dem Kaiser. — Ich blickte ihr nach, wie 
damals bei unserer ersten Begegnung im Garten 
zu Ischl. 

Als sie mir entschwunden war, dachte ich 
bei mir, daß nunmehr sie es sein werde, die meine 
unzertrennliche Begleiterin bleibt in dem wehmü- 
tigen Gedächtnisbild ihrer erhabenen Wesenheit. 

Noch an demselben Tage fuhr ich nach Wien 
und von da direkt nach Hause. In Wien verab- 
schiedete ich mich vom treuen Begleiter Ihrer 
Majestät, General von Berzeviczy. 

Zuweilen mürrisch und griesgram, doch ein 
ganzer Mann und Soldat und bis ins Mark hinein 
ein wahrhafter, ehrlicher Charakter, eine gute 
Seele. Die Kaiserin war ihm geneigt und ver- 
traute ihm unbedingt. Sie nahm es nie übel, 
wenn er gelegentlich seiner widersprechenden 
Meinung ihr gegenüber Ausdruck gab. 

Ich bin daheim. Im Kreise meiner Mutter, 
Geschwister und Angehörigen flieht die Zeit rasch 



104 1895. 

dahin. In unserem Hause kennt man den Müßig- 
gang nicht und deshalb vielleicht haben in unserer 
Familie selbst die, deren Haupt langst der Reif 
bedeckt, bis ans Ende die Frische des Gemütes 
und die Elastizität des Körpers bewahrt. 

Viele Schicksalsschläge haben uns getroffen, 
doch in unser aller Antlitz spiegelt sich sanfte Er- 
gebung in Gottes Willen und dies, glaube ich, er- 
hält am wirksamsten die Willenskraft des Leibes 
und der Seele. 

Seit ich heimgekehrt bin, fühle ich mich 
nicht am wohlsten, doch nehme ich darauf keine 
Rücksicht und gehe meiner gewohnten Beschäf- 
tigung nach, treibe namentlich zu meiner Erho- 
lung Gärtnerei. Doch w t o ich auch weile, was 
immer ich tue, stets ist mir meine Kaiserin gegen- 
wärtig. Ihre schlanke Gestalt steht vor mir, ihr 
Blick ruht auf mir und ich glaube ihre liebe 
Stimme zu hören, wie sie meine Tätigkeit be- 
trachtet und mitleidig lächelnd spricht: «Nein, 
diese Beschäftigung wäre nichts für mich.» 

Dann lasse ich alles im Stiche und gehe 
unter die mächtigen Linden am Gartenende und 
blicke traumverloren nach der tiefblauen Berg- 
kette, die an Frühlingstagen ganz nahe an uns 



i8 9 5- io 5 

heranzurücken scheint. In diesen Momenten der 
Einsamkeit fühlte ich, wie noch vor kurzem wieder, 
ihre poetische Erscheinung deutlich zu meiner 
Rechten. Sie ging mit mir, während ich mit einem 
gewissen Stolz meine liebliche Heimat betrachtete, 
die, so glaube ich, auch ihr sehr gefallen hätte. 
Doch plötzlich entschwand sie von meiner Seite 
und erging sich bereits fern in der blauen Bergkette 
von Vinna, mit leichten Schritten den Gipfel er- 
klimmend, von dem sich die freieste Aussicht er- 
öffnet auf diese schöne, geheimnisvolle Welt 
Gottes. 

Ich bin sehr erbittert gegen meinen Arzt, der 
mir das Gehen jetzt untersagt. Wenn ich nach 
Herzenslust in meiner schönen Heimat herum- 
streifen könnte, wüßte ich die Kaiserin immer an 
meiner Seite. Ach, diese alten Familienärzte sind 
große Tyrannen. Ihnen widersprechen, kommt 
einem Attentat gleich, das den Tadel der Familie 
herausfordert, und gegen ihr Gebot handeln ist 
richtige Rebellion. 

Eines Tages aber kündigte ich ihm dennoch 
den Gehorsam. Im August 1895 erhielt ich 
eine vertrauliche, vorerst «geheime» Auffor- 
derung aus Ischl, ich möchte die Kaiserin nach 



io6 1895. 

Frankreich begleiten, zu mehrwöchentlichem 
Badeaufenthalt. 

Die Freude, die ich damals empfand, war 
wie die des Mädchens, das mit dem Erwählten 
ihres Herzens noch nicht im Reinen ist und eines 
.Morgens seine Werbung erhält. Zu wem die 
Kaiserin in solcher Weise zurückkehrt, zu dem 
fühlt sie sich von Herzen hingezogen. Ich fühle, 
daß ich mich darin nicht täusche und daß ich ihr 
viel mehr bin als ein - - Spazierstock. 

Ich bedauerte nur meine Mutter, die mit 
Rücksicht auf meine zarte Gesundheit mein Unter- 
nehmen mit Besorgnis erfüllte. Mein Entschluß 
war aber allsogleich gefaßt und einige Tage dar- 
auf reiste ich nach Ischl. 

Erst am nächsten Tage nach der Hoftafel 
beschied mich die Kaiserin zu sich. Ich sah es 
ihr an, daß sie sich des Wiedersehens freute, und 
auch sie dürfte meine Herzensfreude mir vom 
Antlitz gelesen haben. 

«Nicht wahr, meine Einladung hat Sie über- 
rascht?» fragte sie. «Ich fürchtete, es könnte Sie 
etwas Unvorhergesehenes am Kommen verhin- 
dern.» Auch der Kaiser war außerordentlich 
gnädig und die Erzherzoginnen Gisela und Va- 



i8 95 . I07 

lerie empfingen mich wie eine liebe alte Bekannte. 
Spät am Nachmittag reisten wir ab, nach Aix-les- 
Bains, und zwar mit dem gewöhnlichen Schnell- 
zuge, dem ein Hofwagen angekuppelt wurde. 

Am Abend des nächsten Tages kamen wir 
in Zürich an, wo wir den dreistündigen Aufent- 
halt benützten, die Stadt zu besichtigen. Den 
ganzen Tag war die Hitze sehr groß gewesen und 
die Kaiserin schmachtete nach einem kalten Bade, 
doch gingen wir vergeblich die Schwimmanstalten 
ab, wir fanden alle geschlossen und mußten mit 
einem Spaziergange am Seeufer fürlieb nehmen. 
Nachdem wir Eis genommen, kehrten w T ir bei 
mondheller, herrlicher Nacht auf den Bahnhof 
zurück. 

In Zürich hatte ich den Verdruß, in einen 
Nagel zu treten. Als die Kaiserin dies bemerkte, 
blieb sie augenblicklich stehen und wollte mich 
eigenhändig von dem Nagel befreien. Doch be- 
sorgte ich diese Operation mit kühnem Risse selbst 
und hinkte, der Besorgnisse Ihrer Majestät nicht 
achtend, guten Mutes weiter. 

Am folgenden Tage gelangten wir nach Aix- 
les-Bains, einem landschaftlich nicht erstklassigen, 
aber ziemlich hübschen Badeort; für seine kahlen 



io8 1895. 

Berge bieten die schönen grünen Wiesen und 
der Bourgetsee mit seinem blauen Wasser Ent- 
schädigung. Unser Hotel lag am Bergabhange, 
war sehr vornehm und besaß einen herrlichen 
Garten. 

Diesmal aber waren wir beiweitem nicht so 
unabhängig wie im Frühjahr. Ihre Majestät wurde 
von Ischias geplagt. Sie mußte eine Kur gebrau- 
chen und diese erforderte Selbstverleugnung und 
Entsagung. 

Ihre Lebensweise war die folgende: Morgens 
ein Bad, hierauf Ruhe, dann ein Spaziergang mit 
dem griechischen Vorleser, endlich Diner, und 
nachmittags nach Abkühlung der Sommerhitze 
folgte unsere Promenade gegen Mouxi, von wo 
wir oft erst bei eingetretener Dunkelheit heim- 
kehrten. Die also beschränkte Lebensweise be- 
nagte der Kaiserin durchaus nicht, nur die abend- 
lichen Spaziergänge waren nach ihrem Sinne und 
da war sie immer heiter und guter Dinge. 



Ich begreife sehr wohl, daß die Kaiserin 
noch zu Lebzeiten eine legendäre Gestalt wurde. 
Hoch über dem Niveau der Menschheit stehend, 



1895. I09 

weit über das Alltagsleben erhaben, ging sie ihre 
einsamen Wege wie ein Phänomen, das alle 
Blicke auf sich zieht. Man sah ihre königliche 
Gestalt, die aus der Trauergewandung niemals 
herauskam, und ihr blasses Antlitz, dessen Augen, 
wohin sie blickten, Licht verbreiteten. Und der 
Seelen aller, die sie schauten, bemächtigte sich 
teilnahmsvolle Liebe, Bewunderung und — die 
Legende ward geboren. 

Wäre sie so vorübergezogen, wie ein seltenes 
Gestirn am Himmel für eine einzige Nacht, dann 
hätten die Profanen, Neugierigen und Einfältigen 
die Legende nicht mit phantastischen Märchen 
gestört. Doch ihre Wanderung war lang und da 
man die Erscheinung immer aufs neue sah, ver- 
suchte man sie zu deuten und — mißdeutete sie» 
Das dahinziehende goldene Schiff der Legende 
schleppte einen plumpen Ballast mit sich: das 
wirre Gerede. Doch, konnte dies anders sein? 

Wie hätten Fernstehende die Kaiserin ver- 
stehen sollen, wenn selbst ich, die ich tagtäglich 
an ihrer Seite war, von dem heißesten Bemühen 
erfüllt, sie nicht nur zu lieben und zu bewundern, 
sondern auch zu kennen und zu verstehen, oft 
verwirrt dastand vor dem Phänomen ihrer Seele. 



IIO 1895. 



Ohne hohes Verständnis, seelische Erhaben- 
heit und ideale Auffassung konnte man ihr nicht 
näher kommen, noch viel weniger also sie ver- 
stehen. 



Erzherzog Ladislaus ist verunglückt; er zer- 
schmetterte sich auf der Jagd das Bein; dies ge- 
schah vor einigen Tagen und uns erreichte die 
traurige Kunde gleichzeitig mit der Todesnach- 
richt. 

Ich wußte, daß die Kaiserin Lili sehr liebte, 
den warmherzigen, lieben, schönen Knaben; ich 
wußte, daß sie viel von ihm erwartete, und so 
sah ich niedergedrückt, förmlich zitternd der Wir- 
kung entgegen, die diese entsetzliche Nachricht 
auf die Kaiserin üben würde. 

Wie sie die Kunde aufnahm, ist in wenigen 
Worten erzählt. Ich sah, daß sie tief getroffen 
war; sie erbleichte. Aber ihr Schmerz machte 
sich nicht in Tränen Luft. Sie ward nur trauriger 
und verschlossener. Als ob diese im Schmerz 
gestählte Seele jedes Schicksalschlages gewärtig 
wäre und seit sie den schwersten erlitten, jeden 
weiteren mit Ergebung und aufrecht trüge. 



i8 95 . I I I 

Es lag kein Trotz darin, es war Würde; die 
Würde des Schmerzes. 

Nun folgten traurigere und für mich leereTage. 

Ich benützte sie zu Ausflügen in die Umge- 
bung, auch auf den Mont Revard, wohin ich mit 
der Zahnradbahn gelangte. Von hier eröffnet sich 
eine herrliche Aussicht auf den Bourgetsee und 
gegen Norden auf den Montblanc. 

Als ich von diesem Ausfluge vor Ihrer Maje- 
stät Erwähnung tat, äußerte sie die Absicht, nach 
Beendigung ihrer Kur einige Tage dort verweilen 
zu wollen, da aber sowohl Berzeviczy als ich das 
dortige Hotelwesen für sehr kümmerlich hielten, 
stand sie von ihrem Plane ab. 

Ihrer Majestät mundete die hiesige Milch 
außerordentlich. Sie ersuchte mich und Berze- 
viczy, es zu ermöglichen, eine gute Kuh für ihre 
Schönbrunner Milchwirtschaft zu erwerben. Auf 
diese ihre Meierei war die Kaiserin sehr stolz. 

Wir übernahmen den Auftrag und gingen 
der Sache persönlich nach, besuchten die Ställe 
der Umgebung, nahmen die Kühe in Augenschein 
und verkosteten deren Milch, was für Berzeviczy 
einen Akt der Selbstverleugnung bedeutete, weil 
er Milch nicht ausstehen konnte. 

8* 



112 1895- 

Endlich, nach langem Suchen, kauften wir 
ein schönes aschgraues Tier, mit dem auch die 
Kaiserin höchst zufrieden war. 

Und dann nahm endlich auch die Kaiserin an 
einem Ausfluge teil. Wir gingen nach Annecy, an 
dem gleichnamigen See. Das kleine Städtchen 
ist von Bergen umgeben und blickt von mächti- 
gen Felswänden herab in den See. Das Ufer ist 
teilweise bewaldet. Was dieses Nest besonders 
interessant macht, ist sein Alter. Wohin das Auge 
blickt, überall findet es Spuren des ehrwürdigen 
Alters. Dächer, Bogen, Gewölbe, Verzierungen 
und alles, was Menschen geschaffen und was den 
Menschen dient, ist eitel Altertum ; jung ist hier 
nur das Leben, der bescheidene, stillfließende 
Bach. 

Nachdem wir alles gehörig besichtigt hatten, 
gingen wir zu Fuß nach der Gorge du Fier. 

Wir drangen durch eine ungeheure Felsen- 
kluft, welche der trotzige kleine Fier tosend und 
brausend durchströmt. Wo er den Fels weder 
durchbrechen noch umgehen konnte, verschwin- 
det er unter der Erde, dann wieder hüpft er mit 
kühnen Sätzen von Fels zu Fels und bildet 
Kaskaden. 



i8 9 f 



n3 



Auf dem Heimwege besichtigten wir noch 
eine alte Burg, an der wir vorbeikamen. Wir 
fanden dieses drohende Adlernest, dessen Be- 
festigungen noch in gutem Zustande sind, höchst 
interessant. 



Die Kaiserin hätte noch gern die Grande Char- 
treuse besucht, da dies aber mit ihrer Kur durchaus 
nicht zu vereinen war, verzichtete sie darauf. 

Eines Tages aber sandte sie mich und Ber- 
zeviczy dahin, unter dem Vorwande, ihr von der 
berühmten Chartreuse Likör zu bringen. In 
Wirklichkeit aber wollte sie nur mir eine Zer- 
streuung und Freude bereiten. 

Um 6 Uhr morgens fuhren wir ab auf einem 
von zwei kleinen Gebirgspferden gezogenen 
Phaeton und kamen, Chambery verlassend, dem 
Flusse Coux entlang, in eine gebirgige, wild- 
romantische Gegend. Unsere kleinen Katzen jag- 
ten wie der Blitz bergauf, talab. Der Weg war 
schön und reich an Abwechslung, aber eine sechs- 
stündige Wagenfahrt ist doch ermüdend. 

Dies hätte der Kaiserin durchaus nicht zuge- 
sagt. Um 1 2 Uhr kamen wir in der Chartreuse 



114 i895- 

an. Berzeviczy träumte von einem guten Mittags- 
brot und war nicht wenig betroffen, zu hören, 
da(3 es hier kein Hotel gäbe und die Frauen bei 
den Nonnen, die Herren aber bei den Kartäusern 
Verpflegung finden könnten. 

Mein Reisegenosse mochte nichts Gutes 
ahnen, denn er nahm sichtlich verstimmt von 
mir Abschied und begab sich nach dem berühm- 
ten Kloster. 

Ich selbst fand im Refektorium bei den 
lieben, gefälligen Nonnen große Gesellschaft; wir 
dürften wohl an hundert Personen gewesen sein, 
aus allen Teilen der Welt. Wir bekamen ein 
Fastenessen aus getrockneten Fischen, Eierge- 
richten und trockenem Fisolengemüse; trotzdem 
w r ar die Stimmung heiter und gemütlich und der 
große Saal widerhallte von unserem Geplauder. 

Eben ließ ich mich mit meiner sympathisch 
aussehenden Nachbarin in ein Gespräch ein, als 
plötzlich alles verstummte und unter großer Be- 
wegung ein Gemurmel der Überraschung durch 
den Saal ging. Ich blickte auf und sah einen 
Herrn im Saale stehen, der Gott weiß wie herein- 
gekommen und kein anderer war als mein Reise- 
gefährte Berzeviczy. 



1895- I I 5 

Die Konsternation war groß und legte sich 
erst, als man erfuhr, daß der Herr ein ehrwürdi- 
ger Malteserritter sei, für den die Klausur keine 
Gültigkeit habe. 

Der arme Berzeviczy hatte kein Mittagbrot 
erhalten und kam mir dieses Leid zu klagen. Hier 
wurden ihm nun auf meine Verwendung, da er 
Eier nicht essen wollte, zwei Pfirsiche serviert mit 
Brot und etwas Wein. Wenigstens wird er sich 
der Chartreuse noch oft erinnern. 

Berzeviczy besitzt alle Tugenden des wetter- 
harten Mannes. Doch hat er zwei Schwächen. 
Er gehört zu den wenig essenden Gourmands 
und diese sind am schwersten zu befriedigen. 
Überdies schwärmt er für einen guten warmen 
Kamin. 

Bei einer Gelegenheit, da die Vergänglichkeit 
den Gesprächsstoff bildete, machte er diesem 
traurigen Gegenstande mit den Worten ein Ende : 
«Gegen den Tod habe ich ja nichts einzuwenden, 
aber daß ich noch beizeiten in der Familiengruft 
einen gewaltigen Kamin aufstellen lasse, das ist 
gewiß.» 

Nachmittags besichtigten wir das schönge- 
legene Kloster der stummen Brüder, allerdings 



n6 1895. 

nur von außen, weil ich es ja nicht betreten durfte, 
wir kauften für Ihre Majestät den Likör und 
machten uns zwischen 2 und 3 Uhr auf den 
Heimweg. Zu Hause erzählte ich dann Ihrer 
Majestät meine Erlebnisse und sie lachte viel 
über Berzeviczys verunglücktes Diner. 



Dann machten wir unseren letzten Ausflug 
mit der Kaiserin nach Chambotte. Wir sollten 
nämlich schon am 25. nach Genf und Territet ab- 
reisen. 

Meine Erinnerungen an Chambotte sind : ein 
blauer See, idyllische Hügellandschaft, hier und 
dort eine Burgruine, ein sehr schwaches Diner, 
das wir jedoch mit gutem Appetit und bei guter 
Laune verzehrten. Nach Hause ging's per Bahn. 



Am Morgen desselben Tages erhielt ich eine 
ganz unerwartete Einladung von Erzherzogin 
Maria Theresia. *) Ich möchte im Herbst ein paar 
Wochen bei ihr in Tapolcsäny verbringen. Als 



') Schwägerin der Kaiserin. 



i8 9 5- I I 7 

ich dies während unseres Spazierganges der Kai- 
serin mitteilte, antwortete sie: «Davon hat mir 
schon der Kaiser geschrieben, mit dem die Erz- 
herzogin die Sache bereits besprochen hat. Ich 
rate Ihnen, nach Tapolcsäny zu gehen.» Dann 
fügte sie hinzu: «Die Erzherzogin hat recht, wenn 
sie mit den ungarischen Damen sympathisiert; es 
liegt etwas in ihrem Wesen, das auch mir un- 
gemein sympathisch ist.» 



Nach einer langen und infolge der Hitze er- 
müdenden Reise kamen wir in Territet an. 

Wahrlich, entzückend ist diese von Alpen 
umgebene, lachende, grüne, üppige Landschaft, 
mit diesem schönen, im Sonnenglanze schimmern- 
den, großen See. Als die Kaiserin meine Be- 
wunderung sah, sprach sie mit Befriedigung: 
«Es freut mich, daß mein begeistertes Lob dieses 
Ortes den Eindruck nicht beeinträchtigt hat. Man 
muß mit dem Lobe vorsichtig sein, weil wir die 
Erwartung aufs höchste spannen und diese dann 
durch die schönste Wirklichkeit nicht befriedigt 
werden kann. Dies habe ich bei Menschen, die 
noch wenig gereist sind, oft erfahren.» 



1 1 8 1895. 

Nächsten Tages zur Mittagstunde begaben 
wir uns mit der Zahnradbahn nach den Rochers 
de Naye. 2000 m über dem Meeresspiegel. Die 
Luft war nicht ganz rein, doch zeigte sich, 
vom Plateau gesehen, das Gebirge in seiner 
wilden Erhabenheit und so imposanter Groß- 
artigkeit, daß es dem Auge förmlich wohltat, für 
kurze Zeit auf den zartblauen Genfer See hinab- 
zublicken. 

Am folgenden Tage besuchten wir das Bad 
Thonon, das die französischen Blätter bis in den 
Himmel erheben. Dieser Ort verdient unseres 
Erachtens diese große Bewunderung nicht; sie 
konnte auch nicht aus dem Herzen, sondern nur 
aus dem Reklamebureau stammen. Ich mußte 
noch einige Einkäufe und Bestellungen für die 
Kaiserin besorgen und fuhr deshalb mit Berzeviczy 
nach Genf. 

Das Schiff verlassend, ging ich den größten 
Teil des Tages meinen Aufträgen nach und besah 
mir inzwischen auch die Stadt, um der Kaiserin 
genügen zu können, wenn sie mich vie gewöhn- 
lich über dieses oder jenes befragen würde. Ich 
merkte, daß sie sich wunderte, als ich diese Stadt 
nicht sympathisch fand. 



1895. ll 9 

Am folgenden Tage reisten die Kaiserin 
und ich zu Schiffe bis Lausanne und von da, 
uns dem Gefolge anschließend, mit der Bahn 
weiter. 

Frühmorgens in Zürich angelangt, verzehrten 
wir mit Ihrer Majestät ein glänzendes Frühstück 
bei Bauer au Lac. 

So wie diesmal hatte ich die Kaiserin noch nie 
gesehen. Ein heiteres Kind könnte nicht mehr in 
seinem Elemente sein wie sie an diesem Tage. 
Sie strahlte von Geist und Witz und ich kam aus 
dem Lachen gar nicht heraus. 

Das Gesprächsthema bildete das Vergnügen 
des Reisens und indem sie sich dafür be- 
geisterte, richtete sie plötzlich die Frage an mich: 
«Sagen Sie doch, wenn Sie wählen müßten 
zwischen dem Reisen und dem ruhigen, an einen 
Ort gebundenen Leben, wofür würden Sie sich 
entscheiden?» 

«Für das ruhige Leben,» antwortete ich nach 
einigem Besinnen. «Nein, nein!» wehrte die Kai- 
serin, «ich wäre unglücklich, wenn ich immer an 
einem Orte bleiben müßte.» 

Unsere Reise ging zunächst bis Wels, wo 
wir ausstiegen, um im nahen Schlosse Lichtenegg 



120 i895- 

Erzherzogin Valerie zu besuchen. Wir gingen zu 
Fuß hinüber und die Schloßbewohner erkannten 
im ersten Augenblick die frühen Gaste nicht. 

Zwei Tage verlebten wir in dieser glück- 
lichen Oase des schönen Familienlebens. Die 
Kaiserin war hier nur Mutter und Großmutter: 
die «Omama», wie ihre Enkel sie nannten. 

Und ich entdeckte in der «Omama» wieder 
neue, glänzende Eigenschaften ihrer bewun- 
derungswürdigen Persönlichkeit. Hier fiel von 
ihrer Seele auch die letzte Hülle jenes Geheimnis- 
vollen, von dem der Welt gegenüber ihre er- 
habene Gestalt so treu begleitet war wie der 
Mond von seinem Lichtkreise. 

In dieser kleinen Welt trat sie gleichsam aus 
diesem schimmernden Nebelschleier heraus und 
vor mir stand in herzergreifender neuer Schönheit 
und edler Einfachheit die «Omama». 

In diesem Augenblicke verschwand vor 
meinen Blicken die Kaiserin und ich sah nur die 
mildlächeinde, liebestrahlende Seele; ich sah 
nicht die Erzherzogin, bloß die Tochter, die ihre 
Mutter anbetete; und sah nicht Erzherzoge und 
Erzherzoginnen, sondern eine blühende, reizende 
Kinderschar, die die «Omama» umschwärmte, 



i8 9 5- 



121 



während diese wieder die Kleinen herzte, küßte 
und belehrte. 

Dies Haus war vom Geiste der Kaiserin erfüllt. 
Hier spiegelte sich das innerste Wesen ihrer Seele. 



Am i. Oktober kamen wir nach Gödöllö, 
wo Ihre Majestät in Gesellschaft des Kaisers sich 
von den Mühen der Reise ausruhte. Am nächsten 
Tage beschied sie mich zu sich. Wir sprachen 
lange — sie erwähnte Tapolcsäny — und nahm 
sichtlich ungerne von mir Abschied. 

Ich war wieder sehr gerührt, doch diesmal 
hatte ich das Bewußtsein, daß ich nun nicht mehr 
von ihr getrennt werden würde, und dieses trium- 
phierende Gefühl schimmerte durch meine Tränen. 
Dann umarmte und küßte sie mich und ging. 

Am nächsten Tage fuhr ich heim. 



Meine Tapolcsänyer Reise erlitt eine Ver- 
zögerung. Erzherzog Karl Ludwig erkrankte, die 
Familie übersiedelte nach Wien, wo, da ein Un- 
glück selten allein kommt, seine Töchter die 
Masern bekamen. 



122 i8g5- 

Zwischen mir und der Erzherzogin ent- 
wickelte sich ein lebhafter Briefwechsel, der sich 
hauptsachlich um mein Wohlbefinden drehte und 
schließlich in der Frage auslief, ob ich wohl schon 
die Masern gehabt und ob ich mich vor An- 
steckung fürchtete? 

Beides verneinend, schrieb ich der Erzher- 
zogin, ich stünde jeden Augenblick zu ihrer Dis- 
position. Ich bin nämlich der Meinung, daß wir 
den uns bestimmten Leiden und Krankheiten 
nicht aus dem Wege gehen können, weil wir 
deren Keime in uns tragen und daher unser Leben 
nicht so einrichten können, um ihr Aufsprießen 
zu verhindern, wenn die Zeit dafür gekommen 
ist. Liefert doch eben die erzherzogliche Familie 
einen überzeugenden Beweis dafür. 

«Diese Fin de siecle-Menschheit kämpft gegen 
das aus jedem Busche auf sie lauernde Mißge- 
schick und hat sich damit eine neue Last aufer- 
legt; sie krankt an übermäßiger Vorsicht, die 
als Fessel auf ihr lastet.» Dieser Worte der Kai- 
serin gedachte ich, als ich der Erzherzogin auf 
ihre Fragen antwortete. Einige Tage darauf kam 
die Antwort, ich möchte am 17. November in 
Wien eintreffen. 



i8gs. I2 3 

Eine große und überaus angenehme Über- 
raschung harrte meiner an dem erwähnten Tage 
auf dem Bahnhofe zu Wien. 

Die Hofdame der Erzherzogin erwartete 
mich auf dem Perron und überbrachte mir die 
Gratulation ihrer Herrin, indem sie mich ver- 
ständigte, die Kaiserin hätte mich inzwischen zu 
ihrer Hofdame ernannt und ich sollte nur gerade- 
wegs in die Hofburg fahren. Diese Nachricht 
traf mich so unvorbereitet, daß ich sie im ersten 
Augenblicke kaum glauben wollte. 

Glücklich zog ich in die Burg ein, wo mir der 
Obersthofmeister sofort mein Ernennungsdekret 
überreichte. Er erzählte mir, dieser Entschluß 
der Kaiserin sei so rasch gekommen, daß er 
keine Zeit mehr gehabt, mich zu verständigen. 
Auch teilte er mir mit, daß mich die Kaiserin 
am nächsten Morgen um 9 Uhr früh empfangen 
werde. 

Ich verständigte meine Mutter telegraphisch 
von alledem und begab mich in dem glücklichen 
Bewußtsein zur Ruhe, daß ich nunmehr mit un- 
löslichen Banden an die Kaiserin gefesselt sei. 

Am nächsten Morgen empfing mich Ihre 
Majestät in ihrem Toilettezimmer. Lebhafte, 



124 i8 9 5- 

innige Freude strahlte aus ihrem Antlitz, als sie 
mir entgegenkam. 

«Ich freue mich so außerordentlich, daß Sie 
nunmehr ganz mir angehören,» sprach sie, nach- 
dem sie mich umarmt und geküßt hatte. Dann 
verblieb sie lange im intimen Geplauder mit mir. 
Haarklein teilte sie mir ihre Winterreisepläne mit 
und kam immer wieder auf meine große Über- 
raschung zurück, von der sie ganz entzückt war. 

Für ihr gütiges Herz ist es kennzeichnend,- 
daß sie derlei Freuden so überaus gerne arran- 
gierte, und wer weiß, wie lange sie schon die 
Überraschung vorbereitet hatte, mit der sie mich 
nun beglückte. 

Die Abreise wurde für den 26. November 
bestimmt. «Bis dahin haben Sie Zeit zu Ihren 
Vorbereitungen,» sagte sie und verabschiedete 
mich mit den Worten: «Gewöhnlich bemühe ich 
meine Damen nicht mit zwei Winterreisen hinter- 
einander, Sie aber sind auch darin eine Ausnahme ; 
nicht wahr, Sie sind nicht böse darüber?» 

Ihre Güte ging mir so zu Herzen daß ich in 
tiefer Bewegung von ihr schied. Dann ging ich 
sofort an meine Vorbereitungen. 



125 



Dezember 1895. 

Wir sind aufs neue in Cap Martin. Die 
Witterung ist der Kur der Kaiserin günstig, die 
jetzt Karlsbader Wasser trinkt. Die vorjährige 
Tagesordnung tritt wieder in ihre Rechte. Die 
Kaiserin steht frühmorgens auf, trinkt den Brunnen, 
frühstückt und geht dann mit mir oder dem grie- 
chischen Vorleser spazieren. Um 5 Uhr nach- 
mittags diniert sie, hierauf kommt wieder eine 
kleine Promenade in der Umgebung des Hotels 
und Schlag 8 Uhr zieht sie sich zurück. 

Mein Dienst ist jetzt sehr leicht, aber Ihre 
Majestät beruft mich oft zu sich und nachdem sie 
mir ihre Befehle erteilt hat, behält sie mich noch 
zu gemütlichem Geplauder zurück. Sehr häufig 
spricht sie vom Kaiser und von ihren Kindern. 

Ich bin sehr glücklich, daß ihr Vertrauen zu 
mir wächst; früher sprach sie mich fast immer 
mit «Gräfin» an, jetzt nennt sie mich nur mehr 
«Irma». 

Wenn ich nicht in ihrer Nähe bin, läßt sie 
mich fühlen, daß sie meiner gedenkt. Sie über- 
häuft mich mit kleinen Aufmerksamkeiten, schickt 



I2Ö i8g5- 

mir Bücher, die ihr gefallen haben, dann über- 
rascht sie mich mit gutem Kuchen oder Bonbons 
in Begleitung einer lieben Botschaft. Immer 
strahlender sehe ich ihre Seele, wie ein Gewebe 
aus goldenen Fäden. Ich meinerseits trachte sie 
zu zerstreuen. Heitere Episoden, Neuigkeiten, 
amüsante oder komische Begebenheiten merke 
ich mir, um sie bei gegebener Gelegenheit auszu- 
kramen. 

Sie unterhält sich dabei und ist dankbar für- 
die Zerstreuung. 

Auch Gräfin Trani ist schon hier und seit 
gestern Exkaiserin Eugenie. Gegen diese ist Ihre 
Majestät voll Aufmerksamkeit und wir besuchten 
sie auch unverweilt. 



Heute verlebten wir einen sehr angenehmen 
Tag in Nizza, wo wir ein prächtiges Diner ein- 
nahmen. Nachher übergab mir die Kaiserin ihre 
Menukarte mit dem Auftrage, sie in Begleitung 
eines Briefes, w^orin die Erlebnisse des Tages treu 
zu schildern waren, an den Kaiser zu senden. 

Es ist keine Kleinigkeit, mit Seiner Majestät 
zu korrespondieren, und so machte ich mich mit 



i8 9 5. 127 

einiger Beklommenheit an diese Epistel. Sie war 
mir gelungen und die Kaiserin damit zufrieden. 

Am 24. Dezember, dem Geburtstage der 
Kaiserin, hörten wir in der improvisierten Haus- 
kapelle eine heilige Messe. Seit dem Tode des 
Kronprinzen war die mündliche Gratulation nicht 
gestattet. 

Ich nahm eine Schüssel voll Veilchen und 
mit dieser begrüßte ich die Kaiserin — stumm. 

«Das ist lieb und warm, wie alles, was von 
Ihnen kommt,» sagte sie. «Wenn ich die Glück- 
wünsche nicht liebe, so ist es deshalb, weil nach 
so vielem Unglück, das mich getroffen, jeder 
Glückwunsch mir als Hohn erscheint!» Einen 
Weihnachtsbaum gab es nicht. Die Kaiserin ver- 
lebte den Heiligen Abend in gänzlicher Zurück- 
gezogenheit. 




if§?^9 



n* 



128 



Eines Tages dinierten wir mit Gräfin Trani 
in San Remo. 

Die Kaiserin war ganz in ihrem Elemente 
und scherzte viel mit ihrer Schwester. 

Es war interessant, die beiden Schwestern 
zusammen zu sehen und miteinander zu ver- 
gleichen. Im Grunde genommen waren beide leb- 
haften Temperaments und durch solche geistige 
und seelische Eigenschaften ausgezeichnet, daß sie, 
namentlich aber die Kaiserin, unter die hervor- 
ragenden Wesen zu zählen waren. Beide bestan- 
den im weitesten Sinne des Wortes die Goldprobe 
des Lebens, beide erwiesen sich als aus edelstem 
Metalle geprägt. Bei Gräfin Trani aber schien es, 
als hätte das Leben sie verschüchtert; es machte 
sie vorsichtig und schwankend, ihre Lippen um- 
spielte öfter das schmerzliche Lächeln als das herz- 
liche Lachen und ihr ganzes Wesen spiegelte eine 
mit Ergebung gepaarte, stille Melancholie. Die 
Kaiserin trägt stolz und ungebeugt, wie eine trau- 
rige schöne Zypresse, die ihr aufgebürdete große 
Last. In schweren Tagen, wenn der Gram und 



1896. 129 

die Melancholie sich ihrer bemächtigen, wird auf 
ihrem Gesichte der Aufruhr des gequälten Her- 
zens sichtbar, aus ihren Worten erklingt ab und 
zu die bittere Erregung, doch ihre Empörung ist 
nur eine momentane und die große Seele wird 
gar bald Herrin über die stürmenden Wogen. Sie 
geht ihre Wege nicht gesenkten Blickes, sie ist 
nicht schwankend, nicht vorsichtig, und in ihren 
guten Stunden kann sie von Herzen heiter sein. 
Und hier muß ich von einer ihrer Schwächen 
Erwähnung tun. Ein starker Zug ihres Charak- 
ters war die Eitelkeit. Sie konnte Qualen er- 
dulden aus Eitelkeit; aber geradezu bewunde- 
rungswürdig war die Objektivität, mit der sie 
diesen Defekt, anstatt ihn zu verheimlichen, kon- 
trollierte und kritisierte. 



Mein Bruder Stephan weilt seit einigen Tagen 
mit seiner jungen Gemahlin hier und mit Erlaub- 
nis der Kaiserin durfte ich der Cicerone des jun- 
gen Paares sein. Heute aber geschah es, daß der 
griechische Vorleser erkrankte und niemand da 
war, die Kaiserin auf ihren Spaziergängen zu be- 
gleiten. Als ich mich zur Dienstleistung meldete, 



i3o 1896. 

lehnte mich die Kaiserin mit den Worten ab: 
Konnte denn dieser Grieche nicht ein paar Tage 
früher oder später erkranken?» und sandte mich 
sofort zu den Meinen. 



Gegenwärtig beschäftigen uns zwei in Aus- 
sicht stehende freudige Ereignisse. Es kommt 
Seine Majestät der Kaiser und er bleibt hoffentlich 
längere Zeit hier als voriges Jahr. Das zweite freu- 
dige Ereignis ist das Millenniumsfest,*) das Ihre 
Majestät fortwährend beschäftigt und wovon wir 
sehr viel sprechen. 

In bezug auf dieses Fest erörterten wir bereits 
mehrere Fragen und eben heute benachrichtigte 
ich das Obersthofmeisteramt in Wien von dem 
spontanen Entschlüsse der Kaiserin, daß sie und 
alle Damen in ungarischen Prunkgewändern er- 
scheinen würden. In dem nämlichen Maße aber 
wie die Kaiserin mit liebevollem Interesse das 
Fest der ungarischen Nation begrüßte und bestrebt 
war, ihren begeisterten Eifer dafür so weithin als 
möglich zu betätigen, ebensosehr schrak sie vor 



s ) Tausendjahrfeier des Bestandes Ungarns. 



i3i 



der persönlichen Mitwirkung daran zurück. Das 
Bewußtsein, an diesen geräuschvollen, weit über 
die Grenzen des Landes hinaus wirkenden Feier- 
lichkeiten teilnehmen zu müssen, drückte sie zu 
Boden. 

«Für derlei taug' ich nicht mehr,» sagte sie 
häufig. Aber was hätte sie nicht alles getan für 
ihre geliebten Ungarn. 



Heute hatten wir einen großen Tag. Der 
Kaiser kam an, in Begleitung der Grafen Paar und 
Wolkenstein. 

Dies belebte auch unser Leben. Obschon 
die Kaiserin an unseren Zerstreuungen selten An- 
teil nahm, war sie doch immer bestrebt, dem 
Kaiser den Aufenthalt so angenehm als möglich 
zu gestalten. Gewöhnlich pflegte Seine Majestät 
jeden zweiten Tag einen größeren Ausflug zu 
machen, die Zwischentage aber mit Arbeit aus- 
zufüllen, die ihm der Kurier brachte. 

In der Stadt herrscht lebhaftes Treiben; man 
erwartet den Präsidenten. Felix Faure kommt, 
um einer Denkmalsenthüllung anzuwohnen. 



132 1896. 

Heute verdient Mentone wahrhaftig den 
Namen der Blumenstadt. Die Gärten wurden ge- 
plündert und soweit das Auge reicht, erblickt man 
einen Wald von Fahnen und blumenumwundene 
Triumphpforten. 

Seine Majestät fuhr mit dem Gefolge in drei 
Wagen nach Mentone, um den Präsidenten in 
seiner Wohnung zu begrüßen. Zu beiden Seiten des 
Wagens ritten je sechs in Gala gekleidete Gendar- 
men. Alpenjäger bildeten vor dem Kaiser Spalier, 
der hier überhaupt solcher Ovationen teilhaftig 
wurde, daß es außer Frage stand, daß er und nicht 
Faure die hervorragende Gestalt des Festes war. 

Dies warf auf die dem französischen Volke 
angeborene Höflichkeit ein helles Licht. 

Eine Viertelstunde nach der Rückkehr des 
Kaisers kam der Präsident, um dem kaiserlichen 
Paare seine Aufwartung zu machen. Ihre Maje- 
stäten erwarteten den Gast im Empfangssaale und 
zogen sich dann mit ihm in die inneren Gemächer 
zurück. Als sie wieder erschienen, stellte mich 
die Kaiserin dem Präsidenten vor. Ich fand ihn 
sehr sympathisch und einnehmend, um so mehr, 
als ich den tiefen Eindruck wahrnahm, den die 
Majestäten auf ihn machten. 



1896. 133 

Fürwahr! Die Krone verliert ihren Zauber 
selbst vor jenen Völkern nicht, welche sie für eine 
Weile durch einen bürgerlichen Zylinder ersetzt 
haben. 

Hierauf entfernte sich der Präsident mit seinem 
glänzenden Gefolge und, von seinen prachtvollen 
Kürassieren begleitet, rollte sein Wagen unter den 
Fenstern der Exkaiserin Eugenie vorüber. 

Was mag die Arme an diesem Tage gelitten 
haben! 



Eines Nachmittags machte der Kaiser einen 
Ausflug nach Monte Carlo. Er wollte sich durch 
Beobachtung der Spieler zerstreuen und begab 
sich daher in den Spielsaal. Mit Interesse be- 
trachtete er das bewegte Bild, als plötzlich jemand 
ihn erkannte und ungeschickt genug die allge- 
meine Aufmerksamkeit auf ihn lenkte, so daß der 
Kaiser sich allsogleich entfernte. 

Unser Aufenthalt in Cap Martin neigte seinem 
Ende zu. Die «Miramare» war angelangt und wir 
sollten in einigen Tagen diese blumenreiche Ge- 
gend verlassen. Unserer Abreise ging ein glän- 
zendes Dejeuner auf der «Miramare« voran. An- 



1 34 i8g6. 

wesend waren: Ihre Majestäten, Exkaiserin Eu- 
genie und der Prince of Wales, sämtliche hohe 
Herrschaften mit ihrem Gefolge. 

Die Kaiserin und ich waren schon vor 
1 2 Uhr auf dem Schiffe, etwas später kam der 
Kaiser mit Exkaiserin Eugenie und zuletzt der 
zukünftige Herrscher Englands. 

Das Meer war anfänglich sehr bewegt 
und der Kaiser bemerkte, zu mir gewendet, 
mit scherzender Besorgnis: «Ich fürchte, daß 
ich bei diesem Feste ein trauriges Schauspiel 
bieten werde.» 

Das Diner war ausgezeichnet, die Stimmung 
heiter und ungebunden. Während der schwarze 
Kaffee serviert wurde, was schon auf dem Ver- 
decke geschah, verewigte einer der Herren See- 
offiziere mit seinem Kodak in mehreren Auf- 
nahmen die illustre Gesellschaft. 

Diese Bilder sind ja gewiß auch so selten 
und interessant, doch fehlt auf ihnen die Kaiserin. 
Sie war nicht zu bewegen, sich mitphotographie- 
ren zu lassen. 

Nach kurzer Spazierfahrt dem Ufer entlang 
landeten wir und gegen 6 Uhr zerstreute sich diese 
ungewöhnlich illustre Gesellschaft. 



1896. 1 35 

Noch einen Besuch hatten wir zu machen, 



der interessant zu werden versprach. 

Ihre Majestäten besuchten die Königin von 
England. Ich und Graf Wolkenstein bildeten die 
Begleitung und wir reisten fein bürgerlich alle in 
einem Coupe nach Nizza. Der Besuch fand in 
den Nachmittagsstunden statt, doch kamen wir 
leider immer noch zu früh an, die Königin befand 
sich noch bei Tische und empfing da Ihre Maje- 
stäten, so daß ich des Glückes verlustig ging, die 
in ihrer Erscheinung imposante greise Königin zu 
sehen, die auf einem von vier indischen Dienern 
gehobenen Tragsessel erscheint, um ihre Gäste zu 
empfangen. Ich machte aber die Bekanntschaft 
der Prinzessin von Wales und der beiden Töchter 
der Königin: der Herzogin von Schleswig-Hol- 
stein und von Battenberg und schrieb meinen 
Namen in das Autogrammbuch der Königin ein. 

Am 15. März nachmittags verließ uns, mit 
der Erinnerung eines sehr angenehm verlebten 
Urlaubes, unser geliebter Kaiser. Wahrlich, wir 
sahen ihm mit sehr schweren Herzen nach, als er 
auf seinem Sonderzuge aus der Bahnhofhalle 
rollte. Wann werden wir wieder mit ihm eine 
Reihe so schöner Tage verleben dürfen! 



i36 1896. 

Sein Erscheinen bildete im bewegten Leben 
der Kaiserin einen Ruhepunkt; das Gefühl voll- 
kommener Sicherheit und heiteren Friedens war 
damit verbunden. 



Am Abende desselben Tages reisten auch 
wir ab und warfen nach kurzem Aufenthalte in 
Cannes und Neapel vor Corfu Anker. Während 
der Einfahrt blickte ich mit triumphierender 
Freude zum Achilleion hinauf: So sehe ich dich, 
du Herrlichkeit, doch wieder! 

Die Kaiserin stieg in dem unter dem Garten 
liegenden Hafen aus, wir Übrigen aber in Benize, 
wo wir mit dem Auspacken zu tun hatten. Mit 
meinen Blicken folgte ich der Kaiserin, sah, wie 
sie allein den Garten emporstieg und stellte mir 
vor, wie jetzt die lieben Eindrücke dieser lachen- 
den Märchenwelt ihre Seele gefangen nahmen. 
Und doch schien der Zauber, den dieser Feen- 
bau im Entstehen auf sie geübt, in letzterer Zeit 
im Schwinden zu sein. 

Am nächsten Tage besichtigten wir eingehend 
den Garten, bemaßen den Fortschritt, den Wuchs 
der Bäume und Sträucher, musterten die Entwick- 



1896. 137 

lung der Vegetation. Die Kaiserin war durchaus 
nicht zufrieden. Sie fand die Vegetation schwach, 
das Emporstreben der Bäume zu gering und 
meinte, sie gäben keinen Schatten und versprächen 
auch für die Zukunft keinen. 

Mir war's bei diesen Worten wie einem, dem 
man über sein Ideal eine frostige Wahrheit sagt. 
Sie sprach von allem im kühlen Tone der erkal- 
tenden Sympathie. 

Und welch ein bestrickendes Bild bot doch 
jetzt unter anderem diese nahezu hundert Meter 
lange Rosenlaube, in deren undurchdringlichem 
Schatten die Kaiserin sich so oft erging. In ihrer 
vollen Blüte stand sie jetzt da, sie brach fast unter 
der duftigen Last der sich öffnenden Marechal 
Niel- und der vielfarbigen anderen Schlingrosen! 
Vergebens! Auch an diesen ging sie kälter vor- 
über als sonst. Dies ist die Verstimmung, die 
sich wie ein Schatten in ihre Seele schleicht und 
da wächst wie der Schatten. Die Sonne des 
Achilleion ist im Niedergehen. 

Unser Leben und unsere Zeiteinteilung ist 
genau wie im Vorjahre. 

Ihre Majestät lebt ganz nur sich allein, dem- 
gemäß richte auch ich mir mein Leben ein. Tags- 



i38 



über bin ich wenig mit ihr, zuweilen aber läßt sie 
mich zu sich rufen und dann plaudern wir lange 
miteinander. Es ist eigentümlich, daß die Kai- 
serin, nachdem sie mich tagelang nicht gesehen, 
bei unserer Begegnung sozusagen den Faden des 
Gespräches bei dem Worte wieder aufnimmt, 
mit dem es abgebrochen wurde. Ich schließe 
daraus, daß sie in ihrer Einsamkeit so ganz ihrem 
Innenleben angehört, daß sie alles, was sich auf 
die Außenwelt bezieht, ausschaltet; die Gedanken; 
die sich auf dieses beziehen, spinnt sie nicht wei- 
ter fort, doch rindet sie den Faden und nimmt 
ihn sofort wieder auf, sobald sie von außen den 
Impuls dazu empfängt. 

Ihr Erinnerungsvermögen ist so ausgezeich- 
net, daß sie sich auf jede längst besprochene Sache 
bis in die kleinsten Details erinnert. 

Unser liebes, stilles, einförmiges Leben ward 
eines schönen Tages durch eine hervorragende, 
pietätvolle Feier unterbrochen. Die Kaiserin 
hatte der griechischen Kirche von Gasturi eine 
prachtvoll ausgeführte, gestickte Fabme gestiftet; 
und die Gläubigen, mit der Geistlichkeit an der 
Spitze, kamen in einer Prozession hierher, um das 
Geschenk zu übernehmen. Die im Hofe des Achil- 



1896. i3g 

leion in feierlicher Ordnung defilierende bunte 
Menge mit den flatternden Fahnen und dem 
hocherhobenen, aus Silber getriebenen Bilde der 
Jungfrau Maria, umgeben von der Jugend Gastu- 
ris, mit brennenden Kerzen in den Händen, das 
alles war ein entzückendes Bild. 

Die Kaiserin hörte, auf dem Balkon stehend, 
die Rede des im vollen Ornat erschienenen Popen 
an. Dann nahte die Deputation des Dorfes, hul- 
digte der Kaiserin und bat Ihre Majestät um die 

Erlaubnis, daß der Cressidabrunnen von nun an 

1 
ihren Namen: «Vasilissa Elisabetha» tragen dürfe. 

Im Auftrage der Kaiserin antwortete der 
griechische Vorleser auf diese Reden, worauf die 
Menge unter begeisterten Zivio- und Evvivarufen 
und Absingung des Kyrie eleison den Hof des 
Achilleion verließ. 



Wir bekamen Gäste: Erzherzog Karl Lud- 
wig mit seiner Gemahlin, Erzherzogin Maria The- 
ersia, und seinen zwei lieben Töchtern sind in 
Corfu eingetroffen. 

Leider kam der Erzherzog schon krank an 
und so war die erzherzogliche Familie gezwun- 



I40 i8g6. 

gen, schon nach kurzem Besuche auf ihr Schill' 
zurückzukehren. Die drei Erzherzoginnen waren 
am nächsten Tage zum Diner, an dem auch die 
Kaiserin teilnahm, geladen, aber schon am darauf- 
folgenden Tage verabschiedeten sie sich und die 
erzherzogliche Familie verließ Corfu. 

Und nun rüsten auch wir schon zum Auf- 
bruche. Die hier verbrachten fünf Wochen 
waren, obschon die Witterung nicht so günstig 
wie im Vorjahre, der geistigen und seelischen 
Ausspannung gewidmet und ich habe nur zu be- 
klagen, daß die Zeit gar so rasch verflog. 

Den letzten Abend verbrachte ich mit der 
Kaiserin auf dem beleuchteten Peristyl. Sie so- 
wohl als ich blickten in trüber Stimmung hinter 
den glänzenden Säulenreihen auf die unten all- 
mählich entschwindende und bald in völlige 
Nacht sinkende Gegend. Stumm nahmen wir 
von ihr Abschied. 

Am nächsten Tage um 1 2 Uhr mittags reisten 
wir ab. Die Kaiserin war traurig; trübe Ahnun- 
gen mochten sie bedrücken. 

Dies ging daraus hervor, daß sie an ihren 
möglichen Tod dachte und sich vom Achilleion 
trennen wollte. 



i8 9 5- H 1 

Sie sagte mir: «Ein Heidengeld steckt im 
Achilleion ; es wäre besser, es zu verkaufen, dann 
würden doch nach meinem Tode meine Kinder 
aus dem Erlös mehr Nutzen ziehen als aus dem 
fernliegenden Schlosse.» 

Ich grüble vergebens, was die Ursache ihrer 
Verstimmung sein mag, was ihr so nahe geht, 
warum dieses Scheiden von ihrer geliebten 
Schöpfung, von ihrem Heim. Endlich fand ich 
in dem Gedanken Beruhigung, daß, wenn nur 
erst die Budapester schweren Tage vorüber und 
wir wieder allein waren, auch diese Wolke sich 
zerteilen würde, die jetzt ihre Seele so um- 
düsterte. 



Mai 1896. 

In Budapest angekommen, wurde die Kai- 
serin von Seiner Majestät dem Kaiser auf dem 
Bahnhofe erwartet. In offener Equipage, von den 
begeisterten Eljenrufen Hunderttausender beglei- 
tet, fuhren sie ins königliche Schloß. Am 2. Mai 
eröffnete Seine Majestät die Millenniumsausstel- 



14- 1S96. 

lung. Ganz Ungarn war zugegen bei dieser erhe- 
benden, herrlichen Feier. 

Welch großartiger Augenblick, als mitten in 
dieser blendenden Pracht, von der losbrechenden 
Begeisterung der Bevölkerung empfangen, Ihre 
Majestäten erschienen. 

Unmittelbar vor dem Prunkzelte hielt, von 
sechs schneeweißen Pferden gezogen, die niedere 
Galakarosse. An sämtlichen Erzherzogen und 
Erzherzoginnen vorüberschreitend, betraten Ihre' 
Majestäten das Zelt, worauf Ministerpräsident 
Baron Desider BänfTy seine Begrüßungsrede hielt. 

Von der Antwort unseres Monarchen ver- 
nahm ich nur die Worte: «Ich gebe meinen könig- 
lichen Segen.» 

Im übrigen nahm mich ganz die Kaiserin in 
Anspruch, die ich mit sorgenvoller, gespannter 
Aufmerksamkeit beobachtete. 

Sie war sehr blaß ; sie schien erschüttert und 
keines Wortes fähig; und ich sah, sie würde 
dieses Martyrium nicht lange mehr aushalten 
können. Und wirklich entfernte sie sich gleich 
nach den Eröffnungsreden in Begleitung der 
Obersthofmeisterin Gräfin Andrässy. Diese Na- 
tion, die sie mit Anbetung umgab, ahnte nicht, 



i8g6. 143 

welchen Passionsweg damals ihre Königin ging. 
Und niemals und nirgends in solchem Maße wie 
damals und dort. 

Wenn auch nicht von dieser Erde geboren, 
wurzelte sie doch mit ihrer ganzen Liebe in dieser 
Erde; ihre glänzenden Träume, ihre großen Hoff- 
nungen waren auch die der Nation; und seitdem 
eines Tages alles zusammenbrach, brannte diese 
Erde unter ihren Sohlen, denn hier bemächtigte 
sich ihrer hundertfach der Schmerz und hundert- 
fach fühlte sie die vernichtende Größe des Ver- 
lustes. 

An der Hoftafel nahm die Kaiserin nicht 
teil, ihren Platz nahm diesmal die Kronprinzessin- 
Witwe ein. 

Im schwarzen, ungarischen Prunkgewande, 
den wallenden, schwarzen Schleier um die Stirne, 
erschien Ihre Majestät an der Seite des Monarchen 
in der Matthiaskirche, um an der Festmesse teil- 
zunehmen. Die Trauer der Mutter und Kaiserin 
verlieh in ihrer düsteren Erhabenheit dem glän- 
zenden Feste einen tief ergreifenden Charakter. 

Sie litt unsagbar! 

Vor 29 Jahren hatte an dieser Stätte die hei- 
lige Krone ihre Schulter berührt. Das war ange- 

10* 



144 l8 9 6 - 

sichts Gottes die Besiegelung eines segenbringen- 
den Friedens, dessen Genius sie selbst, dessen 
glückliche Hoffnung und teures Pfand ihr einziger 
Sohn war. Zwanzig Jahre hindurch entwarf und 
webte sie die strahlenden Bilder einer glanzvollen 
Zukunft; da, in einer Unheilsnacht, brach das 
Schicksal über sie herein und der Morgen fand 
sie beraubt und vernichtet, über die Leiche ihres 
einzigen Sohnes gebeugt. 

Dann vergingen wieder zehn Jahre und sie 
erreichte an dieser Stätte eine der schmerzlich- 
sten Stationen ihres zehnjährigen Kreuzweges. 



Während der Rede des Fürst Primas Klaus 
von Saszary blickte die Kaiserin mit schmerzlichem 
Ausdruck ins Leere ; sie zuckte mit keiner Wimper ; 
ihr Auge blieb unberührt von dem blendenden 
Gefunkel um sie her; sie saß da wie jemand, der 
seine Seelenkraft verloren hat und nun hinausstarrt 
in die undurchdringliche schwarze Nacht. 



Der Tod des Erzherzogs Karl Ludwig machte 
den Hoffesten ein unerwartetes Ende. Dieser 



i8g6. 145 

Trauerfall bewahrte die Kaiserin vor mehr als 
einer qualvollen Prüfung. Sie reiste nach Lainz. 
Ich verbrachte einige Tage bei meiner Mutter, 
von der ich nicht mehr nach Budapest, sondern 
nach Wien einrücken mußte. 



Das Millenniumsjahr erreichte seinen Gipfel- 
punkt. Bei dem Huldigungszuge der Nation 
wollte die Kaiserin gegenwärtig sein. 

Das Millenniumsbanderium, dieser glänzende 
Ausdruck des im Kampfe unbesiegten Geistes und 
der Königstreue der Nation, zog ein in die Burg, 
dem ungarischen Könige zu huldigen. Unvergeß- 
lichwird der Anblick jedem sein, der ihn genießen 
durfte. Meine Seele jauchzte vor Freude und Stolz. 

Ihre Majestäten nahmen die Huldigung auf 
dem Balkon des königlichen Schlosses entgegen. 
Da stand die königliche Familie in voller Zahl, an 
der Spitze der Damen die Königin im ungarischen 
Prunkgewande. Augenscheinlich drückte sie diese 
Feierlichkeit weniger nieder, ja sie entzückte sie 
sogar; sie gab ihrer Bewunderung für die vorbei- 
defilierenden Gruppen der stolzen Reiter lächelnd 
Ausdruck. Nachmittags empfingen Ihre Maje- 



146 i8g6. 

stäten im Thronsaale die Huldigung des Reichs- 
tages. Es war ein ergreifender Augenblick. 

Vor dem hohen Throne des königlichen 
Paares sprach Desider Szilagyi seine Huldigungs- 
rede; eine schönere wird in diesem glänzenden 
Saale wohl niemals erklingen. Ich wandte keinen 
Blick von der Kaiserin. Als der Redner von dem 
gottgesegneten Einflüsse des Schutzengels der 
Nation sprach, entfesselte dies in ihrer Seele einen 
Sturm, der mich erbeben machte. Ich sah, wie 
sie leichenblaß wurde und gleich darauf alles 
Blut in ihr Antlitz stieg; und ich fühlte, daß in 
diesem Augenblicke der Seelenschmerz die Selbst- 
beherrschung niederringen werde. Und er rang 
ihn nieder, doch schön, mit königlicher Würde. 
Die Kraft, die sonst die Gefühle des Herzens zu- 
rückzudämmen wußte, versagte einen Augen- 
blick; die umflorten Augen feuchteten sich und 
zwei große, glänzende Tränentropfen rollten über 
ihre bleichen Wangen herab. 

Tausendjährige ungarische Nation, bewahre 
in deinem Herzen die schmerzliche Erinnerung 
an diese zwei schimmernden Tränentropfen. 



1896. 147 

Am Abend des folgenden Tages promenierte 
ich mit Ihrer Majestät in der vor dem Schlosse ent- 
lang ziehenden Kastanienallee. Wir betrachteten 
lange das herrliche Panorama von Budapest, das 
in jugendkräftiger Entwicklung prangend unter 
uns lag. 

Die Kaiserin war noch verschlossener als 
gewöhnlich. Sie vermied es augenscheinlich, von 
ihren Eindrücken Rechenschaft zu geben, um 
nicht von Rührung übermannt zu werden, und 
so sprachen wir von allem anderen und von den 
Plänen der nahen Zukunft. 

Ich wäre lieber bei ihr geblieben. Auch sie 
entbehrte mich vielleicht jetzt nicht gerne, da ich 
aber mit Rücksicht auf meine Mutter schon früher 
Urlaub erhalten hatte, verabschiedete sie sich 
von mir mit den Worten: «Also auf Wiedersehen 
am 15. Juli in Ischl.» 



Mich aber und meine Familie traf das Schick- 
sal mit unerbittlicher Hand. Mein Bruder Stephan 
wurde am 12. Juli meuchlings ermordet. Es war 
ein furchtbarer Schlag und ich konnte unsere tief- 
gebeugte Mutter unmöglich verlassen. 



I48 1896. 

Meine gütige Kaiserin drückte in folgender 
Depesche ihre Teilnahme aus: 

«Erhalte soeben erschütternde Nachricht. 
Empfangen Sie meine wärmste Teilnahme. Ver- 
dolmetschen Sie sie Ihrer Mutter und Schwä- 
gerin. Natürlich verlängert Ihren Urlaub Elisa- 
beth.» 

Einige Tage darauf erhielt ich schriftlich 
einen mehrmonatlichen Urlaub. Im November 
mußte ich einige Tage in Wien verbringen und 
Ihre Majestät berief mich zu sich. Ergreifend war 
diese traurige Audienz im Garten zu Schönbrunn. 
Anfangs befragte sie mich ausschließlich über 
meine Mutter und als ich ihr sagte, in welch 
christlicher Ergebenheit diese ihr Schicksal trage, 
sprach sie: «Darauf ruht Gottes Segen. Hundert- 
mal unglücklicher ist, hundertmal mehr leidet, 
wer sich auflehnt.» 

Als ich mich dann vor ihr ausgeweint und 
ausgeklagt hatte, fand sie einzige Worte, um 
meine Seele nicht nur zu trösten, sondern auch 
zu erheben und zu stählen. Doch meine Seele ist 
eine demütige Seele. — Sie will hoch aufgerichtet 
die Last ihres Kummers tragen; ich beuge mein 
Haupt und suche Beruhigung im Willen Gottes. 



i8g6. 149 

Ich fand sie an diesem Tage nicht gut aussehend 
und das beunruhigte, ja beängstigte mich, obgleich 
ich ja ihre Zähigkeit kannte. 



i8 9 7. 

Aus Biarritz und später Cap Martin kamen 
mir Berichte zu, die Kaiserin befinde sich nicht 
wohl. 

In Biarritz besuchte sie Doktor Kerzl und 
konstatierte starke Anaemie in Begleitung hoch- 
gradiger Nervosität. 

In Cap Martin erschien bei ihr Professor 
Nothnagel und daß ihr Zustand kein beruhigen- 
der war, folgere ich auch daraus, daß sie nun in 
rascher Aufeinanderfolge den Besuch des Kaisers 
und dann der Erzherzogin Valerie erhielt. 

Und in diesem Zustande wurde sie auch 
durch andere Ereignisse niederdrückender, ent- 
mutigender Art ereilt. Gräfin Goeß, Ihrer Maje- 
stät Obersthofmeisterin, starb plötzlich, nach kur- 
zem Leiden. 

Ich sehe, fühle förmlich, wie der unerwartete 
Verlust dieser treuen Seele auf sie wirkte. 

Der Todesgedanke umkreist sie jetzt unaus- 
gesetzt, sie kann ihn nicht verscheuchen, sie be- 



i897- I 5 I 

schäftigt sich mit ihm. Sie ist eine so stolze Seele, 
daß sie dem Tode ins Antlitz zu blicken vermag, 
obgleich sie, ich weiß es genau, ihn fürchtet. 

Gott verzeihe mir, wenn ich mich und den 
bald erheiternden, bald beruhigenden Einfluß, den 
ich auf sie auszuüben glaubte, überschätzt habe, 
etwas aber flüsterte mir zu: «Du fehlst ihr, Du 
müßtest jetzt bei ihr sein!» 

Und gerade jetzt war ich zu Hause, wo die 
Zeit langsam, geräuschlos an uns vorbeistrich. 

Wir hatten uns beruhigt. 

Die Familie war fast immer beisammen. 
Unsere Augen suchten einander und aus jedem 
leidvollen Blicke leuchtete zugleich ein sanfter 
Schein, der von Seele zu Seele schwebte und wie 
Balsam tröstete. 



Mai 1897. 

Mein Urlaub war zu Ende. Ich kam in 
Schönbrunn an. Die Kaiserin befand sich in 
ihrem Lainzer Schlosse und der Kaiser und Erz- 
herzogin Valerie waren bei ihr. 



15- i8 9 7- 

Der 6. Mai war ein verhängnisvoller Tag, 
der die Welt in Entsetzen stürzte. Der Brand 
des Pariser Bazars traf die Kaiserin schwer: ihre 
Schwester, die Herzogin von Alencon, fand in 
den Flammen den Tod. Erst vor kurzem war 
die Kaiserin von den Ufern des Genfersees in 
etwas gestärkter Gesundheit zurückgekehrt, und 
siehe, das Fatum erhob sich aufs neue gegen sie, 
um sie niederzuwerfen. Und inzwischen erhielt 
sie die herzbrechenden Einzelheiten der entsetz- 
lichen Katastrophe. O, wie hat ihre gequälte 
Seele darunter gelitten. — Wie ertrug nur ihr 
geschwächter Körper die furchtbare Aufregung 
dieser Stunden, in denen man in Paris von Spital 
zu Spital den Leichnam ihrer Schwester suchte! 
Während diese Stunden träge dahinschlichen, 
mag wohl oft ein zitternder Hoffnungsstrahl in 
ihrer Seele aufgezuckt haben, um endlich mit 
jähem Aufflackern vor der furchtbaren Gewißheit 
zu verlöschen. — Die Herzogin verbrannte. «Du 
großer Gott!,» flehte ich, «blicke herab auf meine 
unglückliche Kaiserin!» 

Jeder meiner Gedanken flog ihr zu, suchte nur 
sie, ich fühlte, daß jeder Schlag des Geschickes 
die Bande stählte, die mich an sie knüpften. 



i8 9 7- l 5$ 

Wie hätte ich mich jetzt des Wiedersehens 
gefreut, wenn ich nicht in der Angst gelebt hätte, 
sie ganz niedergeschmettert zu finden. Und immer 
wieder fragte ich mich: Wird die Natur wohl den 
Balsam haben, die Wissenschaft die Macht be- 
sitzen, um im Zusammenwirken noch einmal 
diese aus hundert Wunden blutende Kranke zu 
erquicken ? 

Ihre Wunden waren furchtbar und sie 
wollte nicht, daß ihr Schmerz auch noch andere 
Zeugen habe als unseren guten Kaiser und ihre 
Tochter. 

In Penzing, von wo wir nach Kissingen 
reisen sollten, traf ich die Kaiserin unmittelbar 
vor unserer Abfahrt. Sie kam am Arme des Kai- 
sers. Sie war leidend und traurig, sah aber nicht 
gebrochen aus. Sie eilte mit herzbewegender 
Freundlichkeit auf mich zu, und ein bestricken- 
des, trauriges Lächeln umschwebte ihre Lippen, 
während sie zu mir sprach. 

Was lag nicht alles in diesem melancholi- 
schen Lächeln! 

Leib und Seele wurden mir warm davon. 



154 1897. 

In Kissingen nahm Professor Sotier die Kai- 
serin in Behandlung. Anfänglich fühlte sie sich 
etwas fremd, doch gewöhnte sie sich rasch, weil 
sie eine gute Wirkung zu verspüren meinte. 
Frühmorgens war sie schon am Brunnen, trank 
das Wasser und promenierte am Ufer der Saale, 
wohin sich nur selten ein Kurgast verirrte. 

Wir spazierten auch viel auf den zum Bade 
gehörigen, hundert Kilometer umfassenden, schön 
gepflegten Promenadewegen; immerhin weniger 
als die Kaiserin gewünscht hätte, weil die Kur 
großen Ausflügen Grenzen zog. Auch ihr Gemüt 
erheiterte sich. Sie kämpfte gegen die Traurig- 
keit und Gedrücktheit an und nahm es dankbar 
auf, wenn ich ihr darin zu Hilfe kam. 

Die letztverflossenen traurigen Ereignisse 
wurden so selten als möglich besprochen. Wir 
vermieden es, die schmerzenden Wunden zu er- 
regen; mochten sie doch, so weit es eben ging, 
verharschen, statt immer neu aufzubrechen. 

Wenn ich sie etwas heiterer sah, war ich 
glückselig. 

Die Königin von Hannover und Prin- 
zessin Mary dienten der Kaiserin zu einiger Zer- 
streuung. 



i897- J 55 

Beide liebe, gute Seelen. Die Prinzessin war 
eine ebenso begeisterte Musikfreundin wie ich 
und wir besuchten zusammen einige Konzerte. 



Nach vierwöchentlichem Aufenthalt in Kis- 
singen gingen wir nach Langenschwalbach. Hier 
mußte die Kaiserin den eisenhaltigen Brunnen 
trinken. 

Nach fast eintägiger Reise langten wir dort 
bei Regenwetter an. War auch der erste Ein- 
druck nicht eben günstig, so wandelte es sich bald 
zum Besseren, weil das Hotel und die Verpflegung 
tadellos waren, und das war jetzt die Hauptsache. 

Im übrigen war unsere Lebensweise die 
gleiche wie in Kissingen. 

Die Promenaden waren kurz bemessen und 
Ihre Majestät wurde entweder von mir oder von 
dem griechischen Vorleser Mr. Barker begleitet. 

In der zweiten Woche unseres Aufenthaltes 
entdeckten wir in dieser nicht besonders sympa- 
thischen Gegend eine herrliche Waldpartie, in der 
wir lange spazierten. 

Dieser Wald wird mir immer in angenehmer 
Erinnerung bleiben, weil mir hier die Kaiserin 



156 i8 9 7- 

zum ersten Male eingehender von ihren Mädchen- 
jahren sprach. 

Was muß sie für ein wunderbares Kind 
gewesen sein! Ihre Seele erging sich wie selbst- 
vergessen in jenen beglückten Zeiten, da sie noch 
ein junges, schönes und vor allem heiteres Kind 
gewesen — und da auch die Welt ganz so war 
wie sie. 

Wie leicht schwang sich ihre Erinnerung in 
einem Augenblick hinweg nach jenen zeitfernen,' 
lieblichen Gegenden, in denen sie sich einst glück- 
lich erging; aber der Weg zurück zur Gegenwart 
fiel dann desto schwerer. Es war als wankte sie 
zwischen Gräbern umher und als hafteten an 
jedem Schritt und Tritt Erinnerungen an einen 
Kummer, an einen Schicksalsschlag, einen un- 
ersetzlichen Verlust. 

Wir kamen unter anderem auf die Religion 
zu sprechen. Damals sagte sie mir: «Ich bin 
gläubig, und bin ich vielleicht noch nicht so reli- 
giös, wie Sie es gerne möchten, so findet dies, 
von anderem abgesehen, seinen Grand darin, 
daß meine erste religiöse Erziehung einem un- 
gewöhnlich einfachen, simplen Manne anver- 
traut war.» 



i8 9 7- *57 

Bei einer anderen Gelegenheit besuchten wir 
Rauenthal und daselbst Mutter Winter, die Be- 
sitzerin des Nassauer Hofes, die weit und breit 
ob ihres guten Humors und ihrer rückhaltslosen 
Redeweise berühmt war. 

Mutter Winter nahm uns freundlich auf, 
redete uns mit «Gnädige Frau» an und amüsierte 
uns während des Mittagsmahles mit ihren zu- 
treffenden Bemerkungen, so daß wir gar nichts 
an ihr auszusetzen hatten. 

In ihrem Äußern etwas derb, doch klug 
und voll gesunden drastischen Humors, machte 
sie es einem unmöglich, sich des Lachens zu 
erwehren. 

Mutter Winter brachte auch die Kaiserin 
zum Lachen. Dafür bin ich ihr noch heute gut. 
Nachmittags besichtigten wir die Umgebung, wo- 
bei sich die Kaiserin mit einem alten Manne ins 
Gespräch einließ und die Namen der im Umkreise 
liegenden Dörfer erfragte. 

Im weiteren Gespräche hatte es die Kaiserin 
bald heraus, daß der 74 jährige gute Mann einst 
Kunstreiter bei Renz gewesen war. Natürlich 
interessierte sie dies im höchsten Maße. Sie unter- 
zog den Alten einem eingehenden Verhör und er 



153 i8 9 7- 

mußte ihr erzählen, welche Kunststücke er einst 
zu machen verstanden. 

Wie erstaunte der Alte, zu hören, daß die 
Dame nicht nur alle seine Fachausdrücke kannte, 
sondern auch in die Geheimnisse seines Gewerbes 
eingeweiht war. Er wurde davon so begeistert, 
daß er uns sogar einige schöne Sprünge vor- 
führte. 

Wir schieden sehr herzlich von dem einstigen 
Kunstreiter und setzten von ihm voraus, daß er- 
uns nicht für Angehörige der Zirkuswelt hielt. 
Als er weggegangen, versicherte mir die Kaiserin, 
daß sie das, was der Alte produziert hatte, eben- 
sogut machen könne, «aber», setzte sie hinzu, 
«diese Elastizität im Alter von 74 Jahren ist doch 
beneidenswert!» 

Der Ausflug war genußreich und der Tag 
angenehm, weil ich die Kaiserin nach langer Zeit 
zum ersten Male wieder heiter sah. Ich muß nur 
erwähnen, daß unser Inkognito diesmal zuschan- 
den wurde; drei Tage später stellte sich Mutter 
Winter richtig mit einem mächtigen Gugelhupf 
bei der Kaiserin ein. 

Und wieder kam ein Schatten herangezogen, 
aber Gott sei Dank, er zog vorüber. 



i8 9 7- 159 

Der siebenjährige Sohn der Erzherzogin 
Valerie, Erzherzog Franz Karl, erkrankte und 
man besorgte, daß es Scharlach wäre. Die Kai- 
serin stand wirkliche Qualen aus, bis endlich die 
Freudenbotschaft kam, daß alle Gefahr geschwun- 
den sei. Wie wir da aufatmeten! 



Dann kam ein Brief vom Herzog Ferdinand 
von Alencon; die Kaiserin ließ ihn durch mich 
vorlesen. Aus jedem Worte sprach der tiefste 
Schmerz über den Verlust seiner Gattin und da- 
bei eine solche Ergebenheit in Gottes heiligen 
Willen, recht aus der Seele eines Mannes her- 
aus, der durch den Schmerz geläutert worden. 

«Ich bewundere diese Ergebung,» seufzte die 
Kaiserin. 



Die Kellerei der Mutter Winter ist be- 
rühmt. Gelegentlich unseres Besuches erwähnte 
die Kaiserin, daß sie mich und den Grafen zur 
Weinprobe senden würde. Eines schönen Tages 
sprach ich auch mit dem Grafen Bellegarde, 

Obersthofmeister Ihrer Majestät, einem sehr vor- 

11* 



i6o 1897. 

nehm aussehenden, 65jährigen, lieben, alten 
Herrn, bei Mutter Winter vor. Ich bemerkte so- 
gleich, daß Mutter Winter, sich der Anspielungen 
der Kaiserin erinnernd, uns für Eheleute hielt, 
und während sie uns ihren Wein zur Probe vor- 
setzte, amüsierte sie uns mit den kuriosesten Be- 
merkungen. Offenbar wollte sie den Stolz ihres 
Kellers glorifizieren, als sie, das frisch gefüllte 
Glas mir darreichend, sprach: «Das ist der Wein, 
von dem die Weiberln zutunlich werden.» 

Als ich dies der Kaiserin erzählte, lachte sie 
hell auf, und das dankte ich wieder Mutter W T inter. 



Dann setzte Ihre Majestät den Reiseplan für 
das nächste Jahr fest, indem sie ihn mit mir be- 
sprach. Sie entwarf ihre Pläne immer schon ein 
Jahr vorher, nahm an ihnen, wenn sie einmal 
feststanden, selten eine Änderung vor und gab 
sie nur den Beteiligten kund, denen aber die 
strengste Geheimhaltung aufgetragen war. 

Nun aber mußten wir schon an die Heim- 
reise denken. Mit Freuden betrachtete ich 
meine teuere Kaiserin, die jetzt an Leib und Seele 
erfrischt war. Nun würden wir doch, so Gott 



i8 97 . 



161 



will, eine geraume Zeit zu Hause verbringen 
können, und ich freute mich schon im vorhinein, 
wie der Kaiser, wenn wir morgen in Penzing aus- 
stiegen, mit uns zufrieden sein würde. 



'O v ") 



Bis zum 15. Juli hielt sich die Kaiserin in 
Lainz auf und übersiedelte an diesem Tage mit 
der ganzen Hofhaltung nach Ischl. Seine Maje- 
stät schloß sich uns an, er kam mit demselben 
Zuge aus Wien. Erzherzogin Valerie mit ihren 
größeren Kindern harrte der Eltern auf dem Bahn- 
hofe. Unter den lebhaften Ovationen der Ischler 
fuhren wir in die Villa. Leider war die Witterung 
während der ganzen Zeit unseres Aufenthaltes 
eine bitterböse. 

Das Leben in Ischl ist gemütlich, ungezwun- 
gen und ganz intimen Charakters. 

Am Diner nehmen der Kaiser, die erzher- 
zogliche Familie und sämtliche Herren und 
Damen des Gefolges teil. Die Stimmung ist heiter, 
das Gespräch lebhaft, abwechslungsvoll und jeder 
ist bestrebt, den Kaiser zu zerstreuen. 

In diesem Kreise gibt es keinen, auf den auch 
nur ein Schatten des höfischen Servilismus fallen 



IÖ2 1897. 

könnte; hier offenbart sich die Huldisuns, die 
volle Liebe für das gütige Familienoberhaupt, 
den mit Sorgen beladenen Herrscher, der nicht 
nur die erste Person der zwei großen Reiche, 
sondern auch deren erster Arbeiter ist. 

Nach dem Diner begibt sich der Kaiser auf 
den Balkon, wo die Herren ungezwungen rau- 
chen, bis sich gegen '/ 2 4 Uhr Seine Majestät ver- 
abschiedet und die ganze Gesellschaft sich zer- 
streut. 

Die Kaiserin nahm nur in seltenen Fällen an 
dem Diner teil. 

Dann kam Erzherzogin Gisela, doch brachte 
leider auch sie kein gutes Wetter mit. Der Regen 
fiel in Strömen. Die Kaiserin war darüber ver- 
stimmt; auch litt sie an Ischiasschmerzen und 
wurde mit jedem Tage ungeduldiger. 

Sie ist ein Wandervogel, in dem der Wan- 
dertrieb immer lebendig ist; ein kalter Wind- 
hauch genügt und es ist keines Bleibens mehr 
für sie. 

Den Wandervogel treibt der Selbsterhaltungs- 
trieb zum Abfluge. Auch in ihr mag dieser Trieb 
tätig gewesen sein. Sie lebte und starb für ihre 
Familie; unendlich schwer schied sie vom Kaiser, 



1897. l63 

und obschon sie, fern von ihm, in ewiger Angst 
um ihn lebte: sie mußte dennoch fort. 

Und sie verweilte an jedem Orte nur so 
lange, als er ihre Seele zu fesseln vermochte. War 
es damit vorbei, so erschauderte sie wie der Vogel 
beim Nahen des Winters und — zog weiter. — 



Ein Wetter, wie es nun in Ischl wütete, 
nennt man bei uns zu Lande das «jüngste Ge- 
richt». Am 3o. trat die Traun aus ihren Ufern 
und ein großer Teil der Stadt, selbst der kaiser- 
liche Garten, stand unter Wasser. Wir waren 
abgesperrt; jeder Verkehr mit der Außenwelt 
hatte aufgehört. 

Zum Glück ist die Traun nicht die Theiß 
und am dritten Tage trat sie bereits besänftigt in 
ihr Bett zurück. Immerhin hatte sie beträchtli- 
chen Schaden verursacht. 

Der Kaiser reiste auf den noch teilweise 
unterwaschenen Eisenbahndämmen nach Wien, 
von wo gleichfalls die Kunde von Überschwem- 
mungen zu uns drang. 

Die Kaiserin befand sich deshalb in unaus- 
sprechlicher Aufregung, die sich nicht eher legte, 



164 1897. 

als bis der Kaiser wieder wohlbehalten zurück- 
gekehrt war. 



Am 29. August verließen wir Ischl. Berze- 
viczy und ich bildeten die Begleitung der Kai- 
serin. Unser Ziel war diesmal der Karersee. 

In Bozen verbrachten wir einige Stunden in 
dem Hotel nahe beim Bahnhofe und setzten von 
da die Reise zu Wagen fort. 

Anfangs führte der Weg den Eggenbach 
entlang, wo die mächtigen Felswände stellenweise 
den Weg so zu versperren schienen, daß ich von 
ihren wilden Stirnen gleichsam das Verbot zu 
lesen vermeinte: Bis hierher und nicht weiter! 
Oder nur durch unseren Leib. 

Und so drangen wir denn durch ihren Leib, 
durch den uns ab und zu ein Tunnel führte; und 
so wütend auch der Eggenbach tobte, der neben 
unserem Wagen gleich einem kläffenden Hunde 
herlief, der das Haus vor Eindringlingen schützen 
will, drangen wir doch immer tiefer in cie Felsen- 
wildnis ein. Herrlich war dieser Weg! Endlich 
rückte die Felsenwelt auseinander, wir kamen in 
das erweiterte Eggental, wieder eine scharfe Wen- 



1897. 165 

dung und vor uns lag der schönste Anblick der 
Welt: die Dolomiten! rechts der Latemar, links 
der Rosengarten. 

In der dünnen blauen Luft schienen sie den 
Himmel zu berühren, und die tief unten aus ihren 
Spalten hervorleuchtenden Schneemassen er- 
höhten noch diese kühne Illusion. 

Die Kaiserin war hingerissen. Hatte sie 
schon der Eggenbach entzückt, so bezauberten 
sie vollends die Dolomiten, die in ihrer Riesen- 
haftigkeit den kleinen Karersee naiverweise als 
Spiegel zu benützen schienen. 

Nach 4'/ 2 Stunden Wagenfahrt gelangten wir 
auf das Plateau zum Hotel. 

So waren wir denn am Ziele. Wir richteten 
uns ein und begannen schon am nächsten Tage 
unsere gewohnte Lebensweise. Wir befanden 
uns in einer Höhe von 1700 Metern, in einer 
Luft, frei von jedem Erdenstaube, rein und 
stählern. 

Größere Ausflüge konnten wir nicht unter- 
nehmen, um so abwechslungsreicher waren un- 
sere kleinen Spaziergänge. Die schönsten Augen- 
blicke der hier verbrachten Tage genossen wir 
jedoch immer erst bei Einbruch der Abenddäm- 



i66 1897. 

merung. Es ist mir nicht möglich, die Wirkung 
zu schildern, die es auf die Seele der Kaiserin 
übte, wenn ihre Blicke an der «Roten Wand» des 
Rosengartens hingen, während der Dolomit all- 
mählich sich mit Rosenröte überzog und dann, 
wie von einem inneren Feuer erwärmt, zu glühen 
begann. 

Wenn die Stunde dieses Schauspieles nahte, 
begab sie sich auf den Hügel hinter dem Hotel, 
wo sie wie festgewurzelt, in stummer Bewunde- 
rung dieses herrlichen Naturschauspieles ver- 
weilte, bis es langsam verblaßt war. 

Die Zeit am Karersee verflog und um so 
verfrühter erschien uns dies, als damit Ende Au- 
gust auch der Sommer Abschied nahm. Die 
empfindliche Konstitution Ihrer Majestät empfand 
auch nur zu bald die jähe Abkühlung und wir 
mußten den schönen Ort verlassen. 

Ein teueres Andenken an den Karersee ist 
unter meinen Reliquien. Ein Sträußchen Alpen- 
blumen, die mich an die schönen Tage in der 
Nähe der Dolomiten erinnern. 

Die Kaiserin hat sie für mich gepflückt, 
auf Spaziergängen, wo ich sie nicht begleitete, 
Die Blumen sagten mir, daß sie meiner auch 



1897. l &7 

gedachte, wenn sie nicht mit mir war. Von 
ihnen erfuhr ich es, daß ich ein Plätzchen in ihrem 
Herzen hatte. 

Und dieses Bewußtsein bildet mein größtes 
Glück, auch heute noch, wo sie nicht mehr ist. 



Anfangs September ließen wir uns in Meran 
nieder. Wie ganz anders ist es hier als am Karer- 
see. Ein wahrhaftiges Idyll nach der etwas rauhen, 
aber herrlich beschwingten Ode. Demungeachtet 
ein prächtiger Aufenthalt; heiter, mild und zwei- 
fellos der Kaiserin zuträglicher. Auch ist mir hier 
der Aufenthalt um so lieber, als die Kaiserin nahe- 
zu ihre ganze Zeit ausschließlich mit mir verbringt. 

Barker, der griechische Vorleser, hat Urlaub 
erhalten und so ist jetzt auch sein Dienst mir zu- 
gefallen. Sie ist jetzt fast immer heiter, wie sollte 
ich also nicht noch heiterer sein? Nur eines kann 
ich bei ihr nicht erreichen. Ich möchte den Vor- 
leser ganz und gar ersetzen; das aber ist nicht nach 
ihrem Sinne. Sie gibt es durchaus nicht zu, daß 
ich ihr während der Spaziergänge vorlese, ob- 
gleich ich weiß, daß sie es schwer entbehrt, weil 
es eine ihrer Hauptunterhaltungen ist. 



i68 1897. 

«Das ist ein schwerer Dienst und paßt nicht 
für Sie,» sagte sie, und es gab kein Mittel, sie da- 
von abzubringen. Sie war an diese Vorlesungen 
so sehr gewöhnt, daß sie, müßig sitzend, kaum 
imstande war, ihre Gedanken auf das Vorgelesene 
zu konzentrieren. Sie gestattete mir nicht einmal 
ihr die Zeitungen vorzulesen, doch sah sie es gern, 
wenn ich sie früher durchblätterte und ihr dann 
über jedes wichtiger scheinende Moment, selbst 
Politisches, referierte. 

Über die Tagespolitik äußerte sie sich nicht, 
doch machte es ihr Vergnügen, wenn sie mich 
durch kleine Fragen zur Äußerung meiner Mei- 
nung über die verschiedensten Dinge bringen 
konnte. Bei solchen Gelegenheiten war ihre 
Art eine so spontane und Vertrauen erweckende, 
daß ich wirklich glaube, sie hätte auch den 
zugeknöpftesten Diplomaten zum Sprechen ge- 
bracht. 



Heute beauftragte mich die Kaiserin, die bei 
den Dolomiten am Karersee verlebten schönen 
Tage für Erzherzogin Valerie schwarz auf weiß 
zu schildern. 



i8q7- i6 9 

In Meran erhielt ich ziemlich häufig ähn- 
liche Aufträge, deren ich mich mit größter Freude 
entledigte. Ich mußte über jeden größeren Aus- 
flug Bericht erstatten. 

Unserem heutigen Ausfluge war nach län- 
gerer Umwölkung ein klarer Himmel gegönnt. 
Das Gebirge trat aus den Wolken hervor und 
Meran zeigte sich in seiner ganzen Schöne. Unter- 
wegs besichtigten wir, doch nur von außen, 
Schloß Tirol, dann schlugen wir uns in die Wein- 
berge; es war sehr unterhaltend. Wo es anging, 
pflückten wir die guten süßen, schwarzen Tiroler 
Trauben von den Stöcken. Und wie uns das 
schmeckte! Noch besser hätte es uns höchstens 
gemundet, wenn erstens die Stöcke nicht so voll 
beladen gewesen wären, so daß wir erst nach 
den Trauben hätten suchen müssen ; und dann, 
wenn wir nicht die Erlaubnis gehabt hätten, 
jeden beliebigen Weingarten zu dezimieren. Aber 
Ihre Majestät gebrauchte die Traubenkur, was 
den braven Meranern eine gute Weinlese auf- 
wog. 

Während unserer Wanderungen in den 
Weinbergen stießen wir einmal auf eine lebende 
Vogelscheuche. Kein Wunder, wenn beim An- 



i yo 1897. 

blick dieser komischen Gestalt die Vögel er- 
schreckt davonflogen. Von der Brust des in 
bunte Lumpen gehüllten, gemütlichen Patrons 
ragten zwei mächtige Wildschweinhauer hervor, 
sein Dreispitz war vollbespickt mit Hahnen- und 
Pfauenfedern und zwei struppige Fuchsschwänze 
hingen ihm rückwärts herab. Schwerlich hat 
man je zuvor eine pittoreskere Gestalt zwischen 
den traubenbehangenen Weinstöcken lauern ge- 
sehen. 

Die Kaiserin sprach die raffiniert kostümierte 
Tiroler Vogelscheuche an. Wir erfuhren, daß er 
der Saltner sei, und aus seinen natürlichen, aber 
untertänigen Reden entnahmen wir auch, daß er 
wußte, vor wem er stand. 



Gestern waren wir in Eggerhof, das 1 3oo Me- 
ter über dem Meere liegt. Bis Partschins fuhren 
wir mit dem Wagen, von da ging's zu Fuß bis 
zum Hotel und es währte fast drei Stunden, bis 
wir oben anlangten. 

Die Kaiserin war ausgezeichneter Laune, 
scherzte und lachte; und auf dem ganzen Wege 
trug sie förmlich die Kosten der Unterhaltung. 



i8 9 7- : 7I 

Eine Weile betrachteten wir von der Hotel- 
terrasse aus die Gegend, dann ging es wieder den 
Berg hinan zur Dolomitenaussicht. 

Wahrlich, es lohnte der Mühe. Sämtliche 
Dolomiten waren sichtbar. Neben Schiern, Mar- 
molata, Pala, Sella und den Gletscherspitzen des 
Ortler grüßten uns wie alte gute Bekannte aus 
der Ferne Latemar und Rosengarten. 

Tief unter uns lag Meran mit seinen durch 
das Tal geschlängelten Flüssen: Passer und Etsch. 



Die Ausflüge nach Lana und Nals wurden 
uns durch die Hitze verleidet, was ich auch der 
allzu eifrigen Sonne ein wenig übelnahm, während 
die Kaiserin es gar nicht zu empfinden schien. 
Ich habe nie bemerkt, daß sie während ihrer 
Wanderungen echauffiert gewesen wäre. 

In Nals kehrten wir in der ärmlichen Hütte 
eines alten Mütterchens ein und baten um Milch. 
Die kleine Alte führte uns allsogleich in ihre 
Kammer, wo die herrliche Gebirgsmilch in großen 
Schüsseln stand. Hierauf ermutigte sie uns freund- 
lich, so viel zu trinken, als wir nur wollten, und 
verließ uns, um, wie sie sagte, melken zu gehen. 



I 7- l8 97- 

Dieses große Vertrauen rührte die Kaiserin 
und als die Alte wieder zum Vorschein kam, gab 
sie ihr einen Dukaten, worauf wir das seinen Dank 
stammelnde Mütterchen rasch verließen. 



Am 22. September sprach der Deutsche 
Kaiser in der Ofner Burg seinen berühmten Toast 
auf die ungarische Nation. Nach Partschins fah- 
rend, berichtete ich darüber Ihrer Majestät und 
las auf ihren Wunsch den Toast und die damit zu- 
sammenhängenden Ereignisse aus der Zeitung vor. 
Die Kaiserin hörte tiefbewegt zu und als ich ge- 
endigt hatte, ließ sie mich sofort Papier und Blei zur 
Hand nehmen und diktierte folgende Depesche: 

«Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser! 

«Soeben las ich Eurer Majestät hinreißend 
schönen Toast. Die in demselben für unseren ge- 
liebten König und unser teueres Vaterland aus- 
gedrückten Gefühle tun einem ungarisch fühlen- 
den Herzen unendlich wohl. Elisabeth. » 

Auf diese Depesche langte noch am selben 
Abend die Antwort des Kaisers ein. 

Wie sehr die ungarische Nation der Kaiserin 
ans Herz gewachsen war und welch großen An- 



1897. 173 

teil sie an dessen guten und bösen Schicksalen 
nahm, das wußte ich von jeher und jetzt, durch 
diese bis zur Rührung gesteigerte Freude, mit 
der sie jene Nachricht empfing, wurde ich aufs 
neue darin bestärkt, daß die Nation sie mit 
Recht ihren Schutzengel nenne. Wie gerne wäre 
ich damals vor sie hingesunken, um ihre Hände 
zu küssen, die sie so oft schützend und segnend 
über meine Nation gehalten. 



Meran war auf die Kaiserin von guter Wir- 
kung. Wie sehr sie auch die Gletscherregionen be- 
geisterten, ihr Platz war in den milden Tälern; nur 
diese waren ihrer Gesundheit wahrhaft zuträglich. 

Am 28. September verließen wir Meran und 
waren schon am nächsten Morgen in Wallsee, 
im neuen Heim der Erzherzogin Valerie. Die 
erzherzogliche Familie war erst vor kurzem hier- 
her übersiedelt und es ist daher natürlich, daß die 
Kaiserin das herrliche Schloß und dessen Ein- 
richtung mit größtem Interesse und auf das ein- 
gehendste besichtigte. 

Wallsee übertraf alle unsere Erwartungen. 
Unser kurzer Aufenthalt war ein würdiger Be- 



174 i8 9 7- 

schluß dieser mit mancherlei angenehmen Er- 
innerungen verknüpften Reise, für deren prächti- 
gen Erfolg am besten die freudige Überraschung 
sprach, die Seine Majestät bekundete, als er im 
Ofner Bahnhofe meine teuere Kaiserin von mir 
übernahm. 

Sie war heiter, frisch und guter Dinge. 

Mit mütterlicher Wärme nahm sie Abschied 
von mir und sandte mich mit vielen herzlichen 
Aufträgen zu meiner Mutter. 



Völlig unerwartet und um so schmerzlicher 
überraschte es mich daher, als ich, von meinem 
Urlaube einrückend, nach Wien kam und mich 
bei der Kaiserin zum Dienstantritt meldete. Wie 
konnte sie innerhalb fünf Wochen so herabge- 
kommen sein? 

Ihr gutes Aussehen war dahin, ich fand sie 
müde und verstimmt. 

Daß angegriffene Nerven auf die nun einge- 
tretene feuchte Herbstluft empfindlich reagieren, 
habe ich schon an mir selbst erfahren, doch ihr jetzi- 
ges Aussehen war ganz der Art, als ob irgend- 
eine Krankheit sich in ihr vorbereitete. Dafür 



i897- J 75 

sprach auch ihre nervöse Unruhe. Unter Besorg- 
nissen traf ich meine Anstalten für die Winter- 
reise. 

Am 25. November fuhren wir mit dem 
Orient-Expreß nach Biarritz. Bis Amstetten be- 
gleiteten uns Erzherzogin Valerie und ihr Gemahl, 
Erzherzog Franz Salvator. In München verab- 
schiedete sich Erzherzogin Gisela von ihrer Mutter, 
in Paris erwartete uns Gräfin Trani auf dem 
Bahnhofe, wo wir zwei Stunden auf den An- 
schluß warten mußten. In der letzten halben 
Stunde erschien Präsident Faure mit Gefolge, um 
der Kaiserin seine Aufwartung zu machen. 

Spät am Abend kamen wir in Biarritz an. 
Ich schlief die ganze Nacht nicht. Das ewige 
Brausen der Wogen störte mich und ich dachte, 
es gäbe Sturm auf dem Ozean. Um so größer war 
meine Überraschung, als ich am nächsten Morgen 
hinausblickte und die See still und glatt fand. 



Die Kaiserin erwartete, daß die stählerne 

Seeluft sie aufs neue kräftigen werde, wenn sie 

ihre erschlaffenden Nerven dem Winde, der Kälte 

und dem feuchten Salzhauch aussetzte. 

12* 



176 i897- 

Ich aber sah und fühlte, daß gerade das Ge- 
genteil notwendig wäre und betete zum Himmel 
um ein bißchen Sonnenschein und Wärme. 

Denn mit dem Wetter hatten wir kein Glück. 
Ein kalter Regen rieselte unablässig herab und 
das Thermometer sank häufig recht tief unter 
Null. Wir fröstelten und froren; sie litt und ich 
war voll Sorge um sie. — Nein, dieser Ort war 
nichts für die Kaiserin! — Sie war schlaflos und 
nervös, fühlte schmerzhaftes, gichtisches Glieder- 
reißen, wollte aber trotzdem nichts von Ärzten 
wissen. Ich flehte sie umsonst an, nicht immer 
am Meeresufer zu promenieren, sie spazierte 
stundenlang und zuweilen im größten Sturme an 
dem Rocher de la Vierge, von wo sie gar oft ganz 
durchnäßt heimkehrte. Und doch, so schwer ich 
ihr auch mit meinen Besorgnissen beikommen 
konnte, sobald sie nur den geringsten Nutzen 
dessen sah, wovon ich sie überzeugen wollte, er- 
kannte sie dies sofort an. So war dies unter an- 
derem auch mit den Seebädern der Fall, von 
denen es mir nur mit Mühe gelang, sie abzu- 
bringen. 

Die Tage verstrichen wohl, aber lässig, 
während ich ihnen doch jetzt Flügel gewünscht 



1897. J 77 



hätte. Sie wurde immer leidender und ich konnte 
kaum mehr die sich täglich steigernde, quälende 
Unruhe ertragen. 



Die Kaiserin plante schon lange einen Aus- 
flug nach Lourdes und jetzt, da wir dem Gnaden- 
orte so nahe waren, machte ihr Zustand es un- 
möglich, dahin zu pilgern. 

Als sie sah, daß sie hierauf verzichten mußte, 
beauftragte sie mich, den Schauplatz der Wun- 
dertätigkeit der heiligen Jungfrau aufzusuchen und 
dort auch an ihrer Statt zu beten. 

Und ich fühlte, daß ich sehr inbrünstig für 
sie beten würde. 

Ich war dort und kehrte, an Glauben und 
Vertrauen gestärkt, zurück. 

Ich sah die Wunder des zum Himmel stre- 
benden, unerschütterlichen Glaubens; und wenn, 
wie man sagt, seine Macht in der Suggestion 
liegt, dann ist diese Eingebung himmlischen Ur- 
sprunges. 

Von Lourdes heimkehrend, überreichte ich 
der Kaiserin eine kleine geweihte Medaille zum 
Pfände dessen, daß ich dort für sie gebetet. Es 



1 7§ 1897. 

beglückte mich, zu sehen, daß sie diese an ihre 
silberne Uhr hängte. 



Ich dankte Gott, als wir endlich Biarritz ver- 
lassen sollten. Die Schmerzen beugten schließlich 
doch den Starrsinn der Kaiserin. Sie konsultierte 
sogar den Arzt. Er empfahl ein milderes Klima. 

Wäre jetzt nur schon die «Miramare» da, 
dann brächte sie uns, dem Plane entsprechend, 
bald nach den Canarischen Inseln. Dieser Plan 
kam jedoch nicht zur Verwirklichung, weil sich die 
Kaiserin nunmehr, ihrer unerträglichen Schmer- 
zen wegen, zu einer Massagekur entschloß. 

Am 18. Dezember reisten wir nach Paris. 
Im Hotel Deminici waren wir ausgezeichnet unter- 
gebracht, doch die Kaiserin litt auch weiter sehr. 
Von einem Arzte wollte sie auch hier nichts hören 
und berief den berühmten Masseur Metzger zu 
sich. Sie verbot, dem Kaiser oder ihrer Tochter 
über ihren Zustand zu berichten, und als ich ent- 
gegnete, daß dies eine Gewissenspflicht väre, ant- 
wortete sie: 

«Ich will es nicht! Wozu soll ich ihnen Leid 
bereiten? Es ist genug, wenn ich leide. — Einen 



1897. 1 79 

großen Schmerz werden sie ja ohnehin noch er- 
leiden müssen, wenn ich sterbe. — Nein!» fügte 
sie bitter hinzu, «eines will ich nicht: den Kaiser 
überleben. — Jeden Schicksalsschlag habe ich er- 
tragen, doch dies will ich nicht, dies könnt' ich 
nicht ertragen! — Auch will ich nicht, daß sie 
bei meinem Tode anwesend seien; ich will allein 
sterben!» 

In diesen qualvollen Tagen kehrte sie immer 
wieder auf dieses peinliche Thema zurück und 
ich bot vergebens alles auf, den Todesgedanken 
von ihr zu bannen. Wie ein flügellahmer, kranker 
Vogel quälte sie sich durch den Tag, kaum einer 
Bewegung fähig. Müde, gebrochen, tiefe Trauer 
in ihren Blicken, saß sie in ihrem Armstuhle und 
es war noch gut, daß sie, wenn ihre Schmerzen 
nachließen, ein wenig einschlummerte. 

Ich war der Verzweiflung nahe und schon 
auf dem Punkte, gegen ihren Willen und ihr 
Verbot zu handeln. Nach dem in Angst und 
Bangen verlebten Heiligen Abend brachte der 
Weihnachtstag einige Erleichterung. Ihre Schmer- 
zen wurden gelinder, sie atmete ein wenig auf 
und mit einem leidvollen Lächeln auf den Lippen 
begleitete sie mein Beginnen, ihr Zimmer in einen 



i8o 1897. 

Blumengarten zu verwandeln, mit jenen Blumen, 
welche ihre Getreuen und Freunde als Zeichen 
der Huldigung ihr gesandt hatten. 

Am folgenden Tage erschien ich bei der 
spanischen Exkönigin Isabella, um ihr den Dank 
der Kaiserin für eine solche Blumensendung zu 
verdolmetschen. Hierauf versuchte die Kaiserin 
in Gesellschaft der Gräfin Trani Wagenfahrten zu 
machen, ohne jedoch dabei eine Erquickung zu 
finden. 

Mein einziger Trost in diesen qualvollen 
Tagen war das Bewußtsein, daß nicht nur Gräfin 
Trani, sondern auch ihre andere Schwester, die 
Königin von Neapel, in Paris weilten und alles 
daran setzten, die hohe Frau, soweit dies möglich 
war, zu zerstreuen. 

Bei dieser Gelegenheit lernte ich die Königin 
von Neapel näher kennen. Von dieser schlank- 
gewachsenen, dunkeläugigen, schönen Frau, die 
gleichfalls sehr an unsere Kaiserin erinnerte, hatte 
die Welt schon längst vergessen, daß sie zu den 
Heldenfrauen zählte. Bei der Erstürmung Gaetas 
hatte sie ihr Leben mehr als einmal den feind- 
lichen Kugeln ausgesetzt. 



Januar 189S. 

Unser Pariser Aufenthalt nahm ein uner- 
wartetes Ende. Sehr zu meiner Freude, weil ich 
ohnedies nicht viel Gutes davon erwartete. 

Metzger erklärte, er übernehme die Behand- 
lung der Kaiserin nur in dem Falle, wenn Ihre 
Majestät mindestens ein halbes Jahr in Paris ver- 
bleibe. Dazu konnte sich die Kaiserin zum Glück 
nicht entschließen und so reisten wir am 28. nach 
Marseille, wo uns schon unser schwimmendes 
Heim, die liebe «Miramare», erwartete. 

Eingeschifft, blieben wir drei Tage im Hafen 
liegen. Ihre Majestät fühlte sich abermals schlech- 
ter und wagte sich nicht in die unruhige See. 

Endlich beruhigten sich die Wogen, am 
vierten Tage lichteten wir die Anker und er- 
reichten glücklich San Remo. Die längst ersehn- 
ten warmen, lachenden Sonnenstrahlen empfingen 
uns am italienischen Ufer. 

Doch auch noch ein anderes; der glückliche 
Zufall: wir fanden Professor Nothnagel da. 



l82 1898. 

Wie eine Fügung Gottes war dies und Zent- 
nerlast fiel mir vom Herzen. 

Er nahm die Kaiserin sofort in Behandlung 
und erkannte das Leiden als eine partielle Nerven- 
entzündung. 

Die Krankheit, obschon sehr schmerzlich, 
war derzeit nicht gefährlich, man mußte nur ver- 
hindern, daß sie weitere Fortschritte mache. 

Ich dankte Gott und konnte nach langer Zeit 
wieder schlafen und die angegriffenen Nerven 
beruhigten sich. 

San Remo tat der Kaiserin gut, sie erholte 
sich sichtlich und wir konnten uns auch schon 
kleinere Spaziergänge erlauben. 

Während des Gehens stützte sie sich oft auf 
meinen Arm und wenn sie zuweilen für Augen- 
blicke eine Schwäche überfiel, stärkte ich sie 
mit etwas Kognakbonbons. Sie war jetzt so 
gefügig wie ein liebes, krankes Kind; und wenn 
sie mich mit dankbarem Lächeln anblickte, dachte 
ich mir oft: O könnte ich ihr meine ganze 
Seele hingeben und meine wiedererlangten Kräfte 
dazu. 

Es diente mir zur großen Beruhigung, daß 
wir nun schon offen von ihrem Zustande sprechen 



1898. 183 

konnten und ich wöchentlich einmal dem Kaiser 
Bericht erstatten durfte. 



Die Kaiserin beschäftigte in letzter Zeit ein 
Gedanke, der mich höchlichst überraschte und 
demgegenüber ich mir die Freiheit nahm, mit 
aller Kraft dahin zu wirken, dessen Realisierung 
zu vereiteln. Sie wollte in San Remo eine Villa 
kaufen. 

Achilleion, diese schöne Märchenwelt, war 
ihr bereits zur Last; es war ihr entfremdet. 

Der Hauch der Vergänglichkeit umgibt nun 
schon sein glänzendes Dach und mit der Kaiserin 
zog die Seele von dannen. Heute ist es nichts als 
ein leeres, weißes Haus am griechischen Meeres- 
ufer. Was wäre erst das Geschick einer Villa in 
San Remo, wenn wir diese Enttäuschung erleben 
konnten. 

Der Wandervogel baut kein Nest unterwegs. 
Wozu auch? 

Endlich gelang es mir, die Kaiserin von 
ihrer Absicht abzubringen. «Es wäre nur eine 
Fessel mehr für Eure Majestät,» dies war mein 
wirksamstes Argument. 



184 i8g8. 

«Sie haben recht,» sagte sie, «lassen wir es 
also.» 

Später beklagte sie sich scherzweise bei der 
Grälin Trani: «Ich hätte sehr gerne die , Villa 
Rosa' angekauft, aber diese Irma erlaubt es 
nicht!» 

Trotz ihres gebesserten Zustandes hatte Ihre 
Majestät häufig schlechte Nächte. Sie klagte oft, 
wie qualvoll sie das Morgengrauen erwarte. 

Ich bat sie, sie möchte mir doch erlauben, 
bei ihr zu bleiben, wenigstens im Nebenzimmer, 
um doch ihr Wort oder ihren Seufzer hören zu 
können. 

Mit Ergriffenheit und staunend blickte sie 
mich an. 

«Das ist noch nie geschehen, wie wäre dies 
möglich?» fragte sie. — «Geradeso, Majestät,» ent- 
gegnete ich, «wie ich früher am Bette meiner 
Mutter zahllose Nächte gewacht habe.» 

Ihre Augen füllten sich mit Tränen, aber 
mein Anerbieten nahm sie doch nicht an. 

Während unseres hiesigen Aufenihaltes er- 
hielt ich die Nachricht von der Verlobung meines 
Bruders Alexander mit der Baronesse Pauline 
Vecsey. 



1898. 185 

Ihre Majestät sagte hierauf in ihrer gütigen 
Weise: 

«Schreiben Sie Ihrer Mutter, daß ich mich 
mit ihr freue; Pauline ist ein selten liebes Ge- 
schöpf, die mir Valerie nicht genug zu loben ver- 
mochte.» Paula hatte nämlich ein halbes Jahr 
lang Dienst bei der Erzherzogin gemacht. 

Die Kräfte der Kaiserin nahmen nun sicht- 
lich zu. Sie vertrug schon größere Spaziergänge, 
doch mochte es noch lange währen, bis von 
ihrem Antlitz die Spuren der qualvollen Krank- 
heit geschwunden sein würden. 

Unser erster größerer Spaziergang führte uns 
nach San Bartolomeo. 

Wie ich sie so neben mir elastischen Schrittes 
dahinschreiten sah und an die noch gar nicht so 
weit hinter uns liegenden Leidenstage in Biarritz 
und Paris zurückdachte, mußte ich es wahrlich 
für ein Wunder Gottes halten, daß sie in so kur- 
zer Zeit wieder auf den Beinen war. 

Auf einem dieser Spaziergänge begegneten 
wir einer Herde Schafe und Ziegen, die zusammen 
weideten. Als die Kaiserin sie sah, begehrte sie 
nach deren Milch. Wir verständigten uns rasch 
mit dem Hirten und bald war der silberne Becher 



i86 1898. 

der Kaiserin, den ich auf jeden Spaziergang mit- 
nahm, voll der köstlichen Milch, die Ihre Ma- 
jestät mit Hochgenuß zu sich nahm. 



März. 

Ich sah durchaus nicht ein, warum wir San 
Remo verlassen und am Genfer See Aufenthalt 
nehmen sollten. 

Angesichts des Zustandes der Kaiserin hielt 
ich diese Übersiedlung für verfrüht. Ob wir es 
nur nicht hinterher bereuen würden! Doch der 
«Reiseplan» ordnete es so an und da war nichts 
zu machen. 

Gegen diesen «Reiseplan», der uns mehr 
denn einmal Ungelegenheiten verursachte, weil 
er der Kaiserin nicht immer zuträglich war, wollte 
ich gerne einen Angriff richten mit ähnlicher 
Taktik, die es mir ermöglicht hatte, den Villen- 
kauf zu vereiteln; doch sah ich hierzj die Zeit 
noch nicht gekommen und dachte mir — vielleicht 
später einmal . . . wenn Heiterkeit und Gesund- 
heit wiedergekehrt sind. 



1898. 187 

Unterwegs stiegen wir in Turin aus und 
machten kleinere Ausflüge in die Umgebung. 

Wir gingen auf die Superga, um den schnee- 
bedeckten Monte Rosa und die herrliche Alpen- 
kette zu sehen. Imposant stand der Riese da. 
Einen tiefen Eindruck auf die Kaiserin machte 
das gewaltig schöne Mausoleum des Hauses Sa- 
voyen, das mit seiner lichten Halle von den ge- 
wöhnten düster-frostigen Grabgewölben eigen- 
tümlich absticht. 

«Diese ist nicht so finster wie die unsere in 
Wien. Hier dringt der Sonnenstrahl ein und der 
lachende Himmel. Hier wird man nicht er- 
griffen von den Schauern des Todes.» So sprach 
Ihre Majestät, während wir die Aufschriften der 
Denkmäler lasen. 

In Turin ließ mich die Kaiserin zwei sehr 
schöne, künstlerisch ausgeführte Blumenvasen 
für ihre Sammlung kaufen. «Jetzt wählen Sie 
noch eine,» sprach sie, nachdem die anderen ge- 
kauft waren. «So, als würden Sie sie für Valerie 
wählen. Und jetzt,» fuhr sie fort, als ich ihr die 
Vase zeigte, «wenn es Ihnen Freude bereitet, be- 
halten Sie sie von mir als Andenken.» 



i88 



Was ich befürchtete, traf ein. Der «Reise- 
plan» brachte uns wirklich ins Ungemach — in 
den Winter. In Territet fanden wir Schnee und 
kalte Zimmer. 

Ihre Majestät war sichtlich enttäuscht und 
niedergeschlagen und ich lebte wieder in Angst 
und Sorge. 

Zwei Wochen lang sahen wir die Sonne 
nicht und als sie wieder hervorbrach, konnten 
wir ihrer auch nicht froh werden, weil wir beim 
Anblicke der in Schnee starrenden Berge noch 
mehr froren. 

Trotzdem befanden wir uns ziemlich wohl, 
machten größere und kleinere Spaziergänge und 
mehrfach Ausflüge nach Caux. 

Die Nervenschmerzen der Kaiserin, die ich 
am meisten fürchtete, kehrten nicht wieder, doch 
ermüdete sie rascher und atmete namentlich 
beim Bergsteigen merklich schwerer. 

Mit ihrem stählernen Organismus und ihrer 
zähen Natur, sagte ich mir, könnte die Kaiserin 
hundert Jahre alt werden, wenn sie ein wärmeres 
Klima aufsuchte, sich mehr Ruhe gönnte und sich 
regelmäßiger nährte. — Das war es aber eben, 
was kaum zu erhoffen war. 



i8g8. 189 

Der «Reiseplan» erlitt diesmal dennoch eine 
Niederlage. Er hatte seinen Meister gefunden: das 
Wetter. 

Wir reisten ab. 

Neun Tage vor der festgesetzten Zeit kamen 
wir in Kissingen an und fühlten sofort die Wohl- 
tat der unplanmäßigen Ankunft. Wir fanden 
sonniges, warmes Wetter und die Welt erschien 
uns gleich in freundlicherem Lichte. 

Die Kaiserin begann ihre Kur; nunmehr ins 
normale Fahrwasser gelangt, beruhigte ich mich 
und erhoffte das Beste von dem rasch nahenden, 
Leib und Seele erquickenden Frühling. 

Wahrlich, der würde auch an mir so man- 
ches zu reparieren finden. So sehr mich dies 
ärgerte, auch ich geriet in die Gewalt des Arztes. 

Die Aufregungen der letzten Monate schie- 
nen es mir angetan zu haben. Doch ich ver- 
traute auf Dr. Sotier, der ein großer Meister war 
und selbst der Kaiserin imponierte. 

Berzeviczy reiste nach Wien und wurde 
von dem Obersthofmeister Grafen Bellegarde ab- 
gelöst. 

Am 25. April langte Seine Majestät der Kai- 
ser zum Besuche der Kaiserin in Kissingen ein. 

i3 



I90 i8g8. 

Ich und Graf Bellegarde erwarteten ihn im Bahn- 
hofe, wo ich Seine Majestät auf das noch immer 
leidende Aussehen der Kaiserin vorbereitete, da- 
mit sein Befremden darüber die Kaiserin nicht 
unangenehm berühre. 

Später beim Diner betonte Seine Majestät, 
daß diese Vorbereitung sehr zweckmäßig gewesen. 
Leider verbrachte der Kaiser nur acht Tage in 
Kissingen, doch gerade in diesen acht Tagen 
schien sich auch unser Geschick zum Besseren 
zu wenden. Die Kaiserin war ruhig und heiter 
und gebrauchte gewissenhaft die Kur. Der Kaiser 
begleitete sie jeden Morgen zum Badehaus, dann 
arbeitete er, machte später kleinere Spaziergänge 
mit der Kaiserin und verbrachte die Abende 
mit ihr. 

In Begleitung des Kaisers kamen Fürst Liech- 
tenstein, Graf Paar und Dr. Kerzl. Alles heitere, 
charmante Herren. Es war also natürlich, daß 
auch wir die Zeit sehr angenehm verbrachten. 

Diese acht Tage verstrichen nur zu rasch 
und bleiben mir in freundlichster Erinnerung. Als 
der Kaiser abreiste, begleitete ihn auch Graf Belle- 
garde, der jetzt von einem Flügeladjutanten des 
Kaisers vertreten wurde. Da dieser jedoch im 



1898. igi 

Dienste unerfahren war, übernahm ich die Be- 
fehle Ihrer Majestät und veranlaßte zugleich 
deren Vollzug. Ich fühlte die Verantwortung, doch 
trug ich mit Stolz ihre Last. 

Am 9. Mai langten Erzherzogin Valerie und 
Erzherzog Franz Salvator in Kissingen an. Der 
Erzherzog konnte nur einen Tag bleiben, die 
acht Tage jedoch, die die Erzherzogin mit ihrer 
Mutter verlebte, dienten der Kaiserin sichtlich zur 
Erholung. Dieser Besuch bot mir auch eine an- 
genehme Gelegenheit, meine Bekanntschaft mit 
der Erzherzogin zu vertiefen. Unsere gemein- 
samen Spaziergänge waren hiezu sehr förderlich. 

In vieler Beziehung ist ihr Charakter dem 
der Kaiserin entgegengesetzt, und daß sie dennoch 
in deren Herzen neben dem Kaiser die erste Stelle 
einnimmt, ist so vielsagend, daß man zu ihrem 
bescheidenen, zurückhaltenden Wesen förmlich 
mit Verehrung emporblicken muß. Sie ist eine 
kluge, gebildete und überlegende Seele. Sie hat 
sich in der Welt einen bescheidenen Platz zuge- 
messen, diesen aber so segensreich gestaltet, 
daß schon ihr Anblick tröstend und erhebend 
wirkt. Es ist wohltuend, zu sehen, daß es solche 
Wesen, solche tröstliche Oasen in dieser wüsten 

i3* 



ig2 1898. 

Welt gibt. Ihre Seele ist die reine Taubenseele, 
warmherzig, uneigennützig, eines erhabenen 
Schwunges fähig, doch verliert sie sich niemals 
in der Unendlichkeit, weil ihrem Fluge Grenzen 
gesetzt sind durch Mutterpflichten. 

Welch ein anderes und gegenteiliges Bild 
entwirft meine Phantasie, wenn ich an ihre Mutter 
denke! 

Ich sehe einen traurigen stolzen Schwan auf 
dunklen Gewässern sich wiegen. Er meidet das 
Ufer und überläßt sich den fortrollenden Wogen. 
Sein schneeweißes Gefieder erglänzt hie und da 
in der Ferne, hinaustreibend ins Unendliche, auf 
dunkler Welle, die eine Stumme, eine Schmerzen- 
reiche mit sich nimmt. 



Wir machten verschiedene kleinere Aus- 
flüge mit der Erzherzogin. Unter anderem waren 
wir in Klaushof, wo wir mit der Kaiserin einen 
guten, heiteren Tag verlebten. 

Am nächsten Tage reiste die Erzherzogin ab, 
und als die Kur Ihrer Majestät beendet w T ar, bra- 
chen auch wir unsere Zelte ab und übersiedelten 
von Kissingen zur Nachkur nach Brückenau. 



i8g8. 193 

Die ausgedehnten Buchenwälder dieses stillen 
Talkessels prangten im saftigsten Grün. Der Ort 
selbst ist klein und anspruchslos, doch recht nett 
gehalten. Die um diese Zeit hier herrschende 
Stille und Ruhe, im Vereine mit der uns umge- 
benden, frisch emporkeimenden Vegetation, übte 
eine sehr gute Wirkung auf die Kaiserin. Wir 
führten in Brückenau ein Leben voll stiller Inner- 
lichkeit. Im sprießenden Walde spazierend, emp- 
fanden wir sehr bald die belebende Kraft des 
Frühlings. Es wurde großer Wert auf die Diners 
gelegt. Auch saßen wir oft zwei bis drei Stun- 
den im Freien am gedeckten Tische, von allem 
Möglichen plaudernd und unseren Seelen freien 
Flug gewährend. 

Gelegentlich kam die Rede darauf, welchen 
Einfluß der Hofdienst auf die Menschen übe. 
Wir fanden, daß er in Wirklichkeit auf die meisten 
Herren und Damen einigermaßen ungünstig 
wirke. Und da wendete sich die Kaiserin mit der 
plötzlichen Frage an mich: «Sagen Sie nur, Irma, 
sind Sie an meiner Seite von Herzen zufrieden?» 

«Euere Majestät wissen, daß ich es bin,» 
antwortete ich, und der Frage im voraus begeg- 
nend, die, wie ich wußte, jetzt kommen würde. 



194 1898. 

fuhr ich fort: «Doch ich bestrebe mich, auch hier 
so zu leben, meine gegenwärtige Lage so aufzu- 
fassen, daß sich mein Herz, wenn ich gehen 
werde, nicht schmerzlich nach solchen Gütern 
sehnen müsse, die ich jetzt durch die Gnade 
Euerer Majestät genieße.» 

«Das ist nicht leicht,» sagte nach einigem 
Nachdenken die Kaiserin, «doch Ihnen wird auch 
dies gelingen.» 

Wir lasen dieser Tage ein Buch von Maria 
Corelli, über das ich mir eine Bemerkung der 
Kaiserin aufzeichnete. 

«Diese Schriftstellerin,» erzählte sie, «die sich 
für überaus religiös hält, sagt an einer Stelle, daß 
sie niemals bete, weil sie alles besitze, was zum 
Glücke notwendig sei, sie daher nicht wüßte, was 
sie sich von Gott erflehen sollte. Entweder ist 
diese Schriftstellerin eine ganz egoistische Seele 
oder eine Person, die eines ungewohnten, bizarren 
Ausspruches wegen sich nicht scheut, mit sich 
in Widerspruch zu geraten. Wenn ich nur so viel 
besäße, was das Unglück ausschlöße, würde ich 
jeden Tag, jede Stunde beten und mir nichts wei- 
ter erbitten, sondern nur Dankgebete zum Himmel 
senden ! » 



iSgS. 195 

Die Kaiserin war keine eifrige Kirchen- 
gängerin, doch konnte sie, wie sie sagte, voll In- 
brunst beten, wo die Menschen sie nicht störten, 
im Walde und am Meere. 

Sehr interessierte sie meine gute, viel ge- 
prüfte Mutter, die so herbe Schicksalsschläge er- 
litten hatte. Immer wieder brachte sie das Ge- 
spräch auf sie, fragte mich eingehend über sie 
aus, und bei solcher Gelegenheit sah ich gleich- 
sam ihr Bestreben, sich aus meinen Mitteilungen 
ein äußeres und inneres Bild von ihr zu vergegen- 
wärtigen. Sie verlangte ihre Photographie zu 
sehen und war überrascht von ihrer silberhaari- 
gen Schönheit und ungebrochenen Haltung. Auf 
mich machte es den Eindruck, als fühlte sich ihre 
Seele unwillkürlich hingezogen zu jener anderen 
Seele, die im schweren Kampfe des Lebens sich 
nicht schwächer erwiesen hatte als sie. 

Es war wie ein trauriges, aber edles Rivali- 
sieren, das sie fühlen mochte, das ihre Widerstands- 
kraftherausforderte und ihr Selbstvertrauen stählte. 

Einmal, als wir von vergangenen Zeiten 
sprachen, fragte ich die Kaiserin, wie es gekom- 
men, daß sie mit ihrer edlen Leidenschaft, mit 
dem Reiten, brach. 



19^ 1898. 

«Plötzlich und ohne jeden Grund hatte ich 
den Mut verloren und ich, die ich noch gestern 
jeder Gefahr spottete, erblickte heute eine solche 
in jedem Busche und konnte mich von ihrem 
Schreckbilde nicht mehr befreien. ' Dies der 
Grund, warum ich auch Valerie niemals erlaubte, 
ein Pferd zu besteigen; ich wäre nicht fähig ge- 
wesen, die ewige Unruhe zu ertragen.» 

In Brückenau schien die einstige Gesundheit 
der Kaiserin wiederzukehren und auch ihr Aus- 
sehen besserte sich sichtlich. 

Für den 12. Juni war unsere Abreise be- 
stimmt, mit welchem Tage diese lange und an 
vielen Heimsuchungen reiche Reise ein Ende 
nahm. 

Die Kaiserin war zwar weder in Kraft noch 
in Gesundheit dieselbe, die sie vor nur noch we- 
nigen Jahren gewesen. Auch ich fühlte die Scharte, 
welche meine einst unverwüstlich scheinende 
Gesundheit erlitten. Doch, wie das von der 
Krankheit genesene Kind im Geiste sich seine 
neuen Spiele ausmalt, mit gleicher Freude und 
Sorglosigkeit plante die hohe Frau die neuen 
Reisen für die nächste Zukunft, welche gewiß 
viel besser gelingen würden als diese letzte. 



i8g8. 197 

Ihre Majestät begab sich dann nach Lainz 
zum Kaiser, während ich, ihrem bestimmten 
Wunsche entsprechend, zur Hochzeit meines 
Bruders Alexander nach Hause eilte. 



Dieser einmonatliche Urlaub verfloß rascher 
und angenehmer als alle bisherigen. 

In unser stilles Haus waren wieder Klänge 
der Freude eingezogen. 

Gleichwie unsere alten Säle sich von den 
hereinströmenden Sonnenstrahlen erhellten, so 
wurde unsere Zukunft heller und freundlicher 
durch den Glanz des Glückes, das vom Antlitze 
eines jungen Paares widerstrahlte. 

Wie viel Kreuzwege wir auch gehen, wie viel 
Hoffnungen wir auch begraben mögen, es gibt eine 
Auferstehung, solange in unseren Herzen das Reis 
der neuen Hoffnungen zu sprießen imstande ist. 

Vollkommen erfrischt und in bester Kraft 
rückte ich am 12. Juli 1898 in Ischl zum Dienst- 
antritte ein. 

Der erste Eindruck mußte mich wieder ver- 
stimmen. Wenn dort im heimatlichen Tale, das 
ich soeben verlassen, nach langer Umwölkung die 



I98 i8gS. 

Sonne so schön hervorbrach, warum hat sie 
nicht auch einige Strahlen übrig für diese herrliche 
Kuppe, die ich so gerne hätte im heiteren Glänze 
erstrahlen sehen. 



Ich fand die Kaiserin schlecht aussehend und 
niedergeschlagen. Sie klagte, daß die Ärzte sie 
schlecht behandelten und sie nach dem fürchter- 
lichen Nauheim schickten. Was sollte sie tun? 
Sie mußte gehorchen, weil man bei ihr eine Herz- 
schwäche festgestellt hatte. Ich konnte kaum 
meine Betroffenheit verbergen, als ich dies ver- 
nahm. Dann aber verscheuchte ich die bösen 
Gedanken. Es werde bloß eine vorübergehende 
Erscheinung sein, verursacht durch die unruhigen 
Nerven, welche die absolute Ruhe schwer ver- 
trugen. Nur nicht kleinmütig sein, Gott werde 
schon helfen! Während unseres Gespräches kam 
der Kaiser herein und bemerkte scherzend, daß 
mir der Urlaub gut getan, denn ich hätte zuge- 
nommen. «Na, na,» wendete die Kaiserin ein, 
«sage das der Irma nicht, denn das ist ja beinahe 
eine Beleidigung.» Bei Hofe war natürlich der 
Ehrgeiz jeder Dame, schlank zu sein. 



i8gS. 199 

Am 15. Juli bot der Ischler Bahnhof ein 
glänzendes und ungewohnt belebtes Bild. Für 
diesen Vormittag.war die Abreise der Kaiserin be- 
stimmt und die Ischler Bevölkerung, ob arm ob 
reich, strömte schon seit den frühen Morgenstunden 
hinaus, um Abschied zu nehmen von der schei- 
denden Kaiserin. Auch viele Badegäste waren er- 
schienen von allenEndender Welt, umsie zu sehen. 

In dem abgeschlossenen Teile des Perrons 
waren außer dem kaiserlichen Paare die Erz- 
herzoginnen Gisela und Valerie, die Erzherzoge, 
die Hofwürdenträger in voller Zahl und die Be- 
hörden anwesend. Wir waren schon lange vor 
der Abfahrt draußen und während der Kaiser 
sich mit dem einen oder anderen der Herren in 
ein Gespräch einließ, ging die Kaiserin mit ihren 
Töchtern auf dem Perron auf und nieder. In 
jeden Abschied, und wäre er nur von heute auf 
morgen, mischt sich ein trauriger Akkord, ein um- 
florter Ton. Von heut' auf morgen. — 

Wer weiß, was von heute auf morgen ge- 
schieht? 

Das in der Menschenbrust stets wache Be- 
wußtsein der Endlichkeit ist es, das bei solchen 
Gelegenheiten sich angstvoll regt. 



200 iSgS. 

War es wohl dieses Gefühl, das jetzt die 
Brust der Kaiserin durchzuckte? 

Sie verabschiedete sich vom Kaiser und ich 
sah, wie ihre Augen sich mit Tränen füllten. 
Zum ersten Male hatte ich ihr Auge naß werden 
sehen, als sie, auf dem Throne sitzend, die Hul- 
digung der Ungarn entgegennahm, zum zweiten 
und letzten Male hier an diesem Orte. — Wie 
gnädig ist doch die Vorsehung, die jener ängstlich 
sich regenden, umflorten Stimme nicht das ver- 
ständliche Wort leiht und ihren Aufschrei in der 
Seele ersterben läßt. 

Von den Bergen wehte ein frischer Wind 
herab und erquickte die schwüle Julihitze. Die 
vom blauen Himmel heruntersengenden Sonnen- 
strahlen spielten auf dem bewegten, bunten Bilde, 
das sich unserem Blicke darbot und an dem wir 
mit einem Seufzer vorübereilten auf dem geräusch- 
los entrollenden Zuge. 

In München stiegen wir im Hotel Continen- 
tal ab, wo bald darauf Gräfin Trani und Herzog 
Karl Theodor die Kaiserin besuchten. Der Herzog 
brachte auch seine Töchter mit. Drei frisch er- 
schlossene, reizende Rosen, die anzublicken eine 
Freude war. Die älteste Prinzessin begleitete ihr 



189S. 20I 

Bräutigam Graf Törring, um der Kaiserin für ihr 
Hochzeitsgeschenk den Dank abzustatten. Als 
sie sich dann mit Gräfin Trani entfernt hatten, 
ging ich mit der Kaiserin nach der Stadt. Dieser 
Spaziergang wird mir ewig unvergeßlich bleiben. 
Er war ganz verschieden von der Art, in der 
wir sonst eine Stadt zu durchstreifen pflegten. 
Der Zweck war ein anderer, das Tempo ein an- 
deres und eine andere auch die Stimmung. 

Langsam dahinschreitend, jeden Augenblick 
innehaltend, gingen wir durch die Stadt; wir 
wollten nichts Neues, nichts Überraschendes sehen; 
dieser Besuch galt ganz der Vergangenheit, den 
Erinnerungen. Wir blieben bald vor einem alter- 
tümlichen Palaste, bald vor einem alten Gebäude 
stehen, bei einer Baumgruppe, deren Aste sich 
seither ausgebreitet hatten, bei einem Blumen- 
beete, das schon damals geblüht. Die Kaiserin 
hatte für jedes ein freundliches Wort. Sie lobte 
dies und jenes, sagte, wie gut es sich erhalte, sie 
wußte von jedem etwas zu erzählen, etwas Liebes 
aus alten, guten Zeiten. Weißt Du noch? — Er- 
innerst Du Dich? — Damals waren wir jung! . . . 
Damals war alles besser, schöner! — Und end- 
lich, wie dies schon unter alten Bekannten üblich, 



202 iSg8. 

lobte sie so lange die entschwundenen Zeiten, bis 
sich in die Rede immer häufiger die Seufzer 
mengten und die Freude des Wiedersehens in 
einer leisen Klage wider die eilende Zeit ausklang. 

Dann gingen wir vor das Palais, in dem die 
Kaiserin ihre Kinder- und Mädchenjahre verlebt 
hatte. An diesem schönen, guten alten Hause, 
obschon sein Geschick inzwischen eine große 
Wandlung erfahren, hatte sich nichts verändert, 
nur waren seine Räume von anderen bewohnt, 
von ganz anderen. Jetzt wies sie auf zwei Fen- 
ster hin, vor denen w T ir stehen blieben. 

«Das sind die Fenster meines Mädchenzim- 
mers^ Welch eine Feenwelt mochte einst da 
drinnen gewoben haben! — Die beiden verhäng- 
ten Fenster blickten wie zwei umflorte Augen 
auf uns herab. Vielleicht klagten auch sie wie 
jenes schöne, traurige Augenpaar, das jetzt an 
ihnen hing. 

Wir sind ausgestorben, sprachen die trauri- 
gen Blicke. Und wie wir so hin und her durch 
die bevölkerte Stadt wanderten, die Gegenwart 
vergessend, in die Vergangenheit zurücksinnend, 
erschien mir die Kaiserin wie jemand, der in den 
ersten Seiten seines eigenen Tagebuches blättert. 



i8g8. 203 

Bloß in den ersten; in den übrigen, selbst den 
glänzendsten, ist zu viel des Wehs. 

Du mein Gott, wie hätte ich damals ahnen 
können, daß dies schöne, traurige Buch so bald 
beendet sein würde, und daß die, die es nieder- 
schrieb, schon auf der letzten Seite hielt! 

«Wie anders war ich damals!» Mit diesem 
Seufzer nahm die Kaiserin Abschied von ihren 
Erinnerungen und wir verließen dann rasch die 
Umgebung des Palais. 

Ich sah ihr an, daß sie sich nun den melan- 
cholischen Erinnerungen der Vergangenheit ent- 
reißen wollte und als wir einige Straßen durch- 
schritten hatten, wußte ich nach der Richtung, 
welchem Ziele sie zustrebte. 

«Ich verlasse niemals München, ohne hier 
einzukehren,» sprach sie, als wir zum Hof bräu- 
haus gelangten. 

«Treten wir also ein und benehmen wir uns 
fein bürgerlich.» Hineingelangt, verlangten wir 
zwei Krügel, worauf der Schenk mir zwei bunt- 
gemusterte, mit Deckeln versehene Steingefäße in 
die Hand gab, die je einen Liter faßten. 

«Spülen Sie sie aus,» wies mich die Kaiserin 
an. Ich schwenkte die Krügel aus, der Schenk 



204 iSgS. 

füllte sie mit Bier und dann nahm sie sowohl wie 
ieh das schaumüberflossene Gefäß in die Hand. 

«Fangen Sie nur an,» ermutigte sie mich, ihr 
Krügel an die Lippen führend. 

Doch all mein Bemühen war vergeblich, 
mein Krügel wollte nicht leer werden, obschon 
ich mehrfache Anläufe dazu nahm. Als sie sah, 
daß ich dem bitteren Tranke nicht beikommen 
konnte, sagte sie lachend: «Mein Lieblingsgetränk 
ist diese braune Flüssigkeit auch nicht, doch es 
gehört schon zu meinen Traditionen, in München 
dem bayrischen Biere die Ehre meines Besuches 
anzutun. » 

Unser Gespräch wurde plötzlich gestört ; je- 
mand begrüßte die Kaiserin mit großer Reverenz. 
Man erkannte sie und wir suchten rasch hinaus- 
zukommen. 



Nauheim ist ein staubiges, warmes Nest und 
mit Ausnahme eines sehr schönen Parkes besitzt 
weder die Stadt noch deren Umgebung etwas An- 
ziehendes. 

Die fünf Wochen, die wir hier verbringen 
mußten, versprachen uns nicht viel Vergnügen, 



i8g8. 205 

doch was tut's? Wenn es nur der Kaiserin nützte, 
wollte ich den Ort beim Abschiede segnen. Eines 
war gewiß, daß wir hier alles vorgefunden hatten, 
was der Kaiserin unangenehm und zuwider war: 
große Hitze, furchtbaren Staub, ein über die 
Maßen neugieriges Publikum und — einen stren- 
gen Arzt. Kann es da Wunder nehmen, wenn 
sie anfänglich ihren hiesigen Aufenthalt für uner- 
träglich hielt? Ihre Kur aber hielt sie, wohl oder 
übel, pünktlich ein. Sie gebrauchte- artesische 
Bäder, machte zweimal täglich Muskelübungen, 
und zwar mit großer Präzision, damit diese die 
matte Herztätigkeit anregten. Streng bemessene 
Diät, wenig Bewegung, lange Ruhepausen, dies 
alles war sehr geboten, doch auch gerade genug, 
daß die Kaiserin sich wie gefesselt fühlen mußte. 
So unangenehm ihr dies Leben auch war, 
war es doch das richtige, denn nach Ablauf von 
kaum zwei Wochen trat in ihrem Zustande und 
Allgemeinbefinden eine große Besserung ein. 
Sie fühlte das und versöhnte sich schlecht und 
recht mit Nauheim, zählte aber dennoch die Tage, 
und wenn diese langsam verflossen, tröstete sie 
sich mit dem lieben Caux, an das sie mit Freuden 
dachte, und konnte es kaum erwarten, dahin zu 

14 



200 1898. 

gelangen. Doch fand sie in Wirklichkeit den hiesi- 
gen Zwang erst erträglich, als ihr der «macht- 
haberische» Arzt kleinere Ausflüge gestattete. 

Zu den reizendsten Eindrücken von Nau- 
heim gehört die Erinnerung an ein junges Mäd- 
chen. , 

Wir gingen einmal nach Winterstein, das im 
Gegensatze zu Nauheim eine schöne und maleri- 
sche Lage hat. Um zum Aussichtsturme zu ge- 
langen, bedurften wir jedoch eines Führers, des- 
halb kehrten wir beim Winterstemer Förster ein. 
Hier aber fanden wir nicht nur einen Führer, son- 
dern auch eine prächtige Jause. Es gab frische 
Butter und sauere Milch. 

Der Förster gab uns sein junges Töchterchen 
mit, der die herzliche Dienstwilligkeit förmlich 
aus den Augen lachte und deren Wesen sich 
während des Spazierganges in immer lieblicherer 
Weise offenbarte. Auf Schritt und Tritt verriet 
sie die Freude darüber, etwas unbekannt Schönes 
zeigen zu können, und während sie mit Lebhaftig- 
keit dies und jenes erklärte, was unsere Aufmerk- 
samkeit fesselte, belebte sie die ihr wohl vertraute 
Gegend mit einer wunderbar naiven Poesie, mit 
kleinen persönlichen Momenten, die ihr jeden 



1898. 207 

einzelnen Fleck ausschmückten. Berg, Tal, Wald, 
Bach, Baum, Sträucher und Blumen, sie alle leb- 
ten in ihrer Phantasie ihr eigenes, persönliches 
Leben, und sie lebte und fühlte mit ihnen, als 
wären sie ihre Dorfgenossen, von denen jeder ihr 
gut bekannt oder verwandt sei. Sie machte nicht 
viel Aufhebens von ihnen, doch liebte sie sie 
von Herzen und in ihr lebte das Gefühl der Zu- 
sammengehörigkeit mit ihnen. 

Und ich fühlte, daß in diesem eigentümlichen 
Verhältnis mehr Wahrheit, Unmittelbarkeit und 
Wärme lag als in unserer Naturanbetung, die dem 
Geiste nach heidnisch ist, ohne die dazugehörige 
Naivität. 

Das Mädchen schritt neben der Kaiserin da- 
hin, die an der kleinen Redseligen ein seltenes 
Wohlgefallen fand und sie fortwährend mit Fra- 
gen ermutigte. 

Später begann die Kleine uns auszufragen; 
sie fragte, was und wer wir wären und wo zu 
Hause. 

Wir wären Ungarn, sagte ihr die Kaiserin, 

und da bemerkte ich, daß sie nicht recht wußte, 

in welchem Teile der Welt sie uns zu placieren 

habe ; um so mehr imponierte es ihr, als die Kai- 

14* 



208 1898. 

serin erzählte, sie hätte einen Bruder, der ein be- 
rühmter Augenarzt sei und den Menschen viel 
Gutes erweise. Es währte zwei Stunden, bis wir 
ins Försterhaus zurückkehrten, wo wir von dem 
lieben, reizenden Geschöpfe Abschied nahmen. 
Als ich ihr am nächsten Tage im Auftrage der 
Kaiserin ein Geschenk überbrachte und sie erfuhr, 
wen sie geführt hatte, war sie betroffen und fragte 
mich ängstlich, ob sie nicht etwas Unrechtes ge- 
sprochen habe, was Ihre Majestät beleidigt haben 
könnte. Denn sie habe gesprochen, w T ie es ihr eben 
vom Herzen kam und wie hätte sie ahnen sollen, 
daß diese liebe, jugendlich aussehende Dame die 
Kaiserin von Österreich wäre, die sie sich viel 
älter vorgestellt hätte. 



Ihre Majestät hatte mittlerweile auch meh- 
rere hohe Besuche : das großherzogliche Paar von 
Hessen, dann die Kaiserin Friedrich, und nun er- 
wartete sie den Deutschen Kaiser mit seiner Ge- 
mahlin. 

Ganz Nauheim war auf den Beinen, als 
nachmittags 4 Uhr des Kaisers herrliche Grau- 
schimmel vor der Villa Kracht hielten. 



1898. 2 °9 

Die Kaiserin erwartete ihre Gäste inner- 
halb des eisernen Gittertores und empfing sie mit 
außerordentlicher Herzlichkeit. Die Vorstellungen 
fanden statt, der Kaiser wechselte einige freund- 
liche Worte mit mir, worauf Ihre Majestäten 
sich in eine Gartenlaube zurückzogen, während 
wir mit dem Gefolge an einer schattigen Stelle 
des Gartens konversierten. 

Der Besuch währte eine halbe Stunde. Als 
wir die hohen Gäste hinausgeleiteten, machte der 
Kaiser Ihre Majestät aufmerksam, daß nicht nur 
die beiden Pferde ungarischer Rasse, sondern 
auch der Kutscher ein Ungar wäre, den er eigens 
nach Nauheim gebracht hätte, damit sich sein 
Herz am Anblicke seiner Königin erfreue. 



Professor Wiederhofer kam im Auftrage des 
Kaisers hier an, um sich über den Zustand der 
Kaiserin Gewißheit zu verschaffen. 

Ich war hoch erfreut, denn er war sehr zu- 
frieden mit dem Ergebnis dieser fünf Wochen. 
Die Kaiserin hatte ihre gute Farbe wiederge- 
wonnen, ihr Herz funktionierte regelmäßig und 



2IO 1898. 

Wiederhofer behauptete, sie sei schon lange nicht 
so wohl gewesen wie jetzt. 

Ihre Majestät war glücklich, Nauheim ver- 
lassen zu können und auch ich, was sollte ich es 
leugnen, verließ es nunmehr nach erfüllter Pflicht 
gerne. Doch waren wir auch noch so froh, die- 
sem Orte den Rücken zu kehren, so mußten wir 
doch Nauheims in Dankbarkeit gedenken, weil 
es sich unter allen unseren Aufenthalts- und Kur- 
orten zwar am wenigsten angenehm, doch der 
Kaiserin am nützlichsten erwiesen hatte. Nun 
heckte Ihre Majestät den Plan aus, durch das 
Pförtchen zu schlüpfen. Die langweiligen Reise- 
vorbereitungen und den überflüssigen Abschied 
vermeidend, wollte sie eine Fahrt nach Homburg 
machen, um von dort nicht wiederzukehren. Das 
Gefolge würden wir in Frankfurt treffen. Unter- 
wegs erwähnten wir wohl, daß wir ja jetzt zweifel- 
los ein wenig undankbar wären, allein das hin- 
derte uns nicht, die Flucht hat uns doch sehr ge- 
fallen. 

Es war dies ein reizend naiver Zug im Wesen 
der Kaiserin, daß sie, dem furchtsamen Kinde 
gleich, das der Arzt mit bitterer Arznei geheilt 
hat, vor dem «Gestrengen» listigerweise zu ent- 



211 



weichen sucht, selbst nachdem sie ohnehin schon 
aus seinen Händen befreit worden. 

In Homburg stiegen wir im Hotel du Parc 
ab und da das Regenwetter einer längeren Pro- 
menade ungünstig war, begaben wir uns nach 
einigen Einkäufen ins Hotel, wo die Kaiserin dies- 
mal das Diner auf ihrem Zimmer servieren ließ. 
Ihre Majestät bestellte eine Poularde. Der Kellner 
war befremdet und sah sie mit erstaunten, großen 
Augen an. Eine ganze Poularde? Das werde 
wohl zu viel sein; auch sei es sehr teuer und zwei 
Damen könnten es gar nicht verzehren! Alle 
Einwendungen waren vergeblich, der sparsame 
Deutsche wollte von einer so entsetzlichen Ver- 
schwendung gar nicht hören und servierte wirk- 
lich das Geflügel in Portionen. Zum Schlüsse 
mußten wir ihm Recht geben, weil die Poularde 
nicht eben tadellos war. 



In Frankfurt angekommen, ging es geraden- 
wegs zum Konditor und von da in den Palmen- 
garten, wo eben die Militärmusik spielte. Auf 
einem abseits gelegenen Parkwege promenierend, 
lauschten wir der Musik. Ein Tonstück folgte 



2 12 



i8g8. 



dem anderen, da erklang plötzlich ein Lieblings- 
lied aus der Jugendzeit der Kaiserin: «Wenn die 
Schwalben heimwärts zieh'n.» Unter den erster- 
benden Tönen dieser Melodie, die mir noch lange 
nachklang, entfernten wir uns aus dem Parke. 

Auf dem Heimwege kam uns ein Bretzen- 
mann entgegen. Die Kaiserin blieb stehen und 
nahm einige Bretzen von der Stange herab. 
«Woran denken Sie jetzt?» fragte mich Ihre Ma- 
jestät. «Daran, daß wir die Bretzen verzehren 
werden.» «Nur so, ohne alles? O nein, das wäre 
zu trocken, ich denke an Bier,» sagte sie, «gehen 
wir also und trinken wir ein Glas. » 

Wir traten hierauf in den Löwenbräu. Wäh- 
rend wir da saßen, verlangte die Kaiserin vom 
Kellner Ansichtskarten. Er brachte einen großen 
Pack, begann aber, bevor er sie uns vorlegte, 
einige auszuwählen. 

«Sehen Sie doch, Irma,» bemerkte die Kai- 
serin, «das ist ein anständiger Mensch, er entfernt 
jetzt diejenigen Ansichtskarten, die uns verletzen 
könnten.» 

Ich nahm zwei Karten und die Kaiserin dik- 
tierte mir in die Feder; die eine an Erzherzogin 
Valerie, die andere an Erzherzogin Gisela. 



2l3 



Unsere Durchreise wurde irgendwie bekannt 
und als wir im Bahnhofe ankamen, harrte schon 
eine große Menge Neugieriger auf die Kaiserin. 
Unbekümmert mischten wir uns unter die An- 
wesenden und hörten, daß Ihre Majestät den Ge- 
genstand des Gespräches bildete; man behauptete, 
sie würde hier den Zug besteigen. 

Die Gestalt der Kaiserin war von einem 
weiten, schwarzen Mantel verhüllt, der sie un- 
kenntlich machte. 

Sie lächelte befriedigt beim Anblicke der 
regen, erwartungsvollen Bewegung. Auch der 
Stationsvorstand harrte an der Tür des Hofwarte- 
salons in feierlichster Haltung der Kaiserin. Als 
der Zug hereinrollte und Berzeviczy ausstieg, ent- 
stand eine allgemeine Bewegung, weil man dachte, 
nun müßte die Kaiserin sofort erscheinen, und da 
bemerkte es niemand, daß inzwischen die Dame 
mit dem schwarzen Mantel vom Perron plötzlich 
den Waggon bestieg. 

Der Stationsvorstand stürzte auf Berzeviczy 
zu und meldete, Ihre Majestät sei noch nicht an- 
gekommen; er wurde ganz bestürzt, als er hörte, 
daß der Zug abfahren könne, weil die Kaiserin 
schon eingestiegen sei. 



2 14 l8 9S- 

Die Kaiserin war an diesem Tage froh und 
heiter gewesen. Sie fühlte in sich die wieder- 
erstandene Lebenskraft wachsen, die über ihre 
Krankheit den Sieg davongetragen hatte, und ihre 
physische Gesundheit war von solcher Wirkung 
auf ihre Seele, als wäre in ein trauriges Heim 
ein langentbehrter, junger, lieber Freund wieder 
eingekehrt und brächte mit seinem Frohsinne 
Heiterkeit und Leben in die lautlosen Räume. 

Auch kann ich mir vorstellen, daß der ge- 
fangene Vogel in höherem Maße die Wonnen 
seiner Befreiung fühlt, wenn er aus der offen ver- 
gessenen Tür des Käfigs entwischen kann, als 
wenn man ihm nach Vorbereitungen und Zere- 
monien gnädigst die Tür öffnet. 

Die Kaiserin wußte Nauheim hinter sich und 
mit dem beglückenden Gefühle der Befreiung und 
wie von einer unwiderstehlichen Anziehungs- 
kraft ergriffen, eilte sie nach der Schweiz. 



Die Kaiserin liebte Caux über alles und sie 
war jetzt glücklich, längere Zeit hier verweilen zu 
können. Ich erblickte in Caux den glücklichen 
Nebenbuhler Corfus und betrachtete es deshalb 



1898. 215 

mit etwas scheelen Augen. Nein, so schön es auch 
sein mochte, nie konnte es das Achilleion ersetzen, 
das dort verlassen an den Gestaden des blauen, 
lächelnden griechischen Meeres stand! — Warum 
mußten wir es auch verlassen? Ich hätte diese 
Lostrennung als Untreue bezeichnen müssen, 
wenn ich nicht gehofft hätte, daß wir früher oder 
später doch wieder zu ihm zurückkehren würden. 
Wie hätte ich auch jetzt an das Wort des Dichters 
denken sollen: «Die Stunde kommt, die Stunde 
kommt, wo Du an Gräbern stehst und klagst.» 

Am 3o. August kamen wir in Caux an und 
schon am nächsten Tage setzte die Kaiserin den 
Plan für unsere Ausflüge fest. Auf jeden zweiten 
Tag fiel ein Ausflug. 

Die Reihenfolge war: Bex-les-bains, Rochers 
de Nay, Evian, Genf und Pregny, wo Ihre Maje- 
stät den Garten und die herrlichen Glashäuser 
der Baronin Julie Rothschild zu besichtigen 
wünschte. 



Unserem Ausfluge nach Bex-les-Bains schien 
das Wetter nicht günstig; dichter Nebel bedeckte 
die Gegend, was anfänglich verstimmend wirkte. 



2l6 1898. 

Doch kaum entstiegen wir dem Einspänner 
vor dem Hotel des Salines, da war es, als ob un- 
sichtbare Hände die Wolken urplötzlich geteilt 
und zerrissen hätten, der Nebel begann zu schwin- 
den und nach einigen Minuten standen der Dent 
du Midi und die Aiguille de Trient vor unseren ent- 
zückten Blicken. Diese zwei gigantischen Patri- 
archen der Felsenwelt badeten dort, wo ihre be- 
schneiten Häupter in die höheren Regionen ragten, 
im reinen Ätherblau, während an den niederer ge- 
legenen Kuppen und Gipfeln der Kampf zwischen 
den blitzenden Sonnenstrahlen und wallenden 
Nebeln noch wogte. Während die abgerissenen 
Teile kopfüber an den Graten herabstürzten, 
lagerten die an den Felsenspitzen hangen geblie- 
benen Nebelschleier wirr durcheinander, wie zer- 
tretene Opfer des Kampfplatzes, und verkündeten 
den Sieg der Sonne. 

Lange und andachtsvoll betrachteten wir 
dieses hinreißende Schauspiel. Ganz unter seinem 
Eindrucke stehend, gab Ihre Majestät der Absicht 
Ausdruck, hier längeren Aufenthalt zu nehmen, 
doch bemerkte ich, daß sie diese Absicht schon 
während des Diners aufgab, weil die Zubereitung 
der Speisen das Hotel nicht empfahl. Man ser- 



i8g8. 2 I 7 

vierte zähes Fleisch und die Kaiserin wunderte 
sich über mich, da ich es mit gutem Appetit ver- 
zehrte. 

Ich klärte sie auf, daß dies der Kopfweh- 
hunger sei, es schmecke einem da alles und nach 
dem Essen schwinde auch der Kopfschmerz. 

«Nun, ich verlange nicht nach einem solchen 
Appetit, denn da würde ich gar bald zunehmen. 
Kopfschmerz ist an und für sich schon des Übels 
genug. » 

Nachmittags stiegen wir zu der Terrasse de la 
foret hinauf, wo sich das Gebirgspanorama in 
vollster Pracht entfaltete. 

Promenierend besprachen wir den Genfer 
Ausflug. Ich erwähnte der Kaiserin, daß Berze- 
viczy von diesem Plane mit Besorgnis erfüllt sei. 

«Warum?» 

«Weil es in Genf viel Gesindel gäbe und er 
deshalb lieber sähe, wenn Euere Majestät wo 
immer hin gingen, nur nicht nach Genf.» 

«Sagen Sie Berzeviczy, seine Besorgnisse 
seien einfach lächerlich. Was könnte mir Genf 
schaden?» 

Wir nahmen noch bei Bouffat einen Eis- 
kaffee und eilten von dort zum Zuge. 



2 I 8 i8g8. 

In Caux angekommen, sahen wir die Sonne 
im Niedergehen. Sie stand wohl noch hoch am 
Himmel, verwundete sich aber im Sinken an 
einem gen Himmel ragenden Felsen und verblu- 
tete jählings. Ich dachte daran, um wie viel 
schöner und sanfter die Sonne im ungarischen 
Tieflande untergeht. 

Auch unsere Ausflüge nach Rochers de Nay 
und Evian waren sehr gut gelungen. Jener fand 
am 3., dieser am 5. September bei prachtvollstem 
Wetter statt. 

Rochers de Nay mit seinem großartigen Pan- 
orama bietet in seiner Art einen einzig schönen 
Anblick, w T ährend Evian, das in dieser Beziehung 
w T eit hinter unseren Erwartungen zurückblieb, 
uns durch die bürgerliche Gemütlichkeit der Hin- 
und Rückfahrt einen reizend angenehmen Tag 
verschaffte. 

Bis Territet brachte uns die Bahn, dort be- 
stiegen wir das Schiff. Obwohl es von Reisen- 
den überfüllt war, blieb Ihre Majestät unerkannt. 
Dies bot ihr manche Unterhaltung, ohne daß sie 
dabei im geringsten geniert war. 

Nichts störte unsere angenehme Schiffahrt, 
selbst der Hitze hielten wir wacker stand. 



i8g8. 2 19 

Auf dem Verdecke auf und nieder gehend, 
betrachteten wir die Gegend und das bewegte 
Leben auf unserer schwimmenden Nußschale. 
Wir beobachteten die Menschen im allgemeinen 
und einzelne wurden, wenn auch wohlwollend, 
dennoch kritisiert. 

In Ouchy hielt das Schiff ungefähr 25 Minu- 
ten; hier stiegen wir aus, ließen uns im Schatten 
auf eine Bank nieder und löschten unseren Durst 
mit frischem Obste. 

Inzwischen machte die Kaiserin mehr als 
eine interessante Beobachtung. Sie studierte die 
Menschen und Seelen, indem sie aus deren Be- 
wegungen, Sprechweise und Gesichtszügen Rück- 
schlüsse auf den Charakter machte. 

Es sprach für ihren stark entwickelten Schön- 
heitssinn, daß sie auch von einer partiellen Schön- 
heit sofort gefesselt wurde und sie auch dann be- 
wundern konnte, wenn am Ganzen nichts zu 
bewundern war. 

«Betrachten Sie diesen Kopf,» machte sie 
mich unter anderem auf einen Mann aufmerksam, 
der, den Rücken uns zugewendet, auf einer Bank 
saß. «Welch edler, schön geformter Kopf, welch 
vollkommene Harmonie in den schön angefügten 



2 20 iS.iS. 

Ohren, und wie hebt sich das Ganze stolz und frei 
aus den Schultern heraus, auf dem trotz seiner 
Kräftigkeit schlanken Halse. Das gäbe ein präch- 
tiges Modell zu einer klassischen Statue.» 

Als ich dann neugierig wurde, den schönen 
Kopf auch von Angesicht zu Angesicht zu sehen, 
sagte sie abratend: «Nein, das tun Sie nicht, das 
würde Sie verwirren, denn das Gesicht ist nichts 
weniger als schön. Le revers de la medaille.» 

Auf dem Heimwege von Evian besprachen 
wir unsere weiteren beabsichtigten Ausflüge. 
Namentlich sprachen wir viel von Pregny. 

«Baronin Rothschild,» sagte mir Ihre Maje- 
stät, «bot mir ihre Jacht an, damit ich unterwegs 
nicht aussteigen müsse; doch schreiben Sie ihr, 
bitte, daß ich ihre Freundlichkeit nicht annehmen 
kann, weil ich mich in Genf aufzuhalten gedenke, 
daher mit dem gewöhnlichen Passagierdampfer 
reise.» 

In Wirklichkeit stand die Sache so, daß die 
Kaiserin in Verlegenheit war, die Jacht anzu- 
nehmen, weil der SchifTsbemannung die Annahme 
von Geschenken untersagt war. 

Hier auf diesem Schiffe war es, daß sie mir 
befahl, nach Genf an das Hotel Beau Rivage zu 



i8g8. 221 

schreiben und Logis zu bestellen. Es würden 
außer uns drei Frauen und ein Lakai Wohnung 
nehmen. 

Am 7. September war Haarwaschung und 
so blieben wir zu Hause. Auf dem Balkon des 
Hotels auf und nieder schreitend , brachte ich 
Ihrer Majestät aufs neue und jetzt schon in be- 
stimmter Form Berzeviczys Bitte vor, nicht nach 
Genf zu gehen, weil er für die Kaiserin Befürch- 
tungen hege; wenn sie aber trotzdem von ihrem 
Plane nicht abstehen wolle, möge sie doch einen 
Herrn aus dem Gefolge mitnehmen. 

«Ich sehe schon, daß der stets besorgte Ber- 
zeviczy für mein Leben fürchtet, aber was könnte 
mir denn in Genf zustoßen? Nun gut,» sagte sie 
nach kurzem Nachdenken, «ich weiß, daß Berze- 
viczy auch eine gewisse Verantwortung trägt; 
sagen Sie ihm also, daß ich ihm zuliebe, aber 
auch nur ihm zuliebe, Sekretär Kromar mit mir 
nehme, obschon ich nicht weiß, was es mir 
nützen könnte, wenn er, während ich spazieren 
gehe, im Hotel ruht.» 

So oft Berzeviczy seinen Besorgnissen Aus- 
druck gab, erbebte meine Seele wie das in der 
Herbstsonne erwärmte Laub, wenn es, von einem 

15 



2 22 lS 9 S. 

kalten Lufthauche plötzlich getroffen, raschelnd 
erzittert. 

Doch dauerte dies nicht länger als einen 
Augenblick. Angesichts der Heiterkeit und des 
Vertrauens der Kaiserin hatte die Sorge keinen 
Raum. Wer denkt in solcher Zeit an Frost und 
Reif, wenn in der Luft eine so seelenberuhigende 
Milde liegt, der Herbsthimmel so heiter und klar 
ist und wir nach einer langen Reihe schwerer 
Tage mit solcher Freude durch Berg und Tal 
schweifen wie zwei heitere Wanderer? 

Den Schatten, den Berzeviczys Besorgnisse 
mir in die Seele flößten, verscheuchte die Kai- 
serin und ich ging sorglos an ihrer Seite dahin, 
während sie raschen Schrittes ihrem Schicksale 
entgegeneilte. 



Der 8. September war ein Marientag. Die 
Kaiserin begrüßte in einem Telegramme die Erz- 
herzogin an ihrem Namenstage und es war etwas 
beunruhigend, daß die Antwort am Abend noch 
nicht da war. 

Am selben Abend bat mich Baronin Roth- 
schild ans Telephon, um nochmals ihre Jacht an- 



223 



zubieten, die ich aufs neue dankend ablehnen 
mußte. Bei dieser Gelegenheit gab ich ihr auch 
einige verlangte Aufklärungen bezüglich des 
Tisches. Schließlich machte ich sie aufmerksam, 
daß sie alles vermeiden müsse, was das Inkognito 
der Kaiserin stören könnte. 

Am 9. September, morgens 8 Uhr, begaben 
wir uns bei herrlichem, herzerquickendem Herbst- 
wetter nach Pregny. 

Diesmal begleitete uns ein Lakai, der die 
Paletots und eine Handtasche nachtrug. 

In Territet betraten wir um 9 Uhr das Schiff, 
dessen weiße Rippen im Sonnenscheine blendend 
leuchteten. Die blauen Wellen des Genfer Sees 
brachen sich, sanft plätschernd, an dem Körper 
des Schiffes und wiegten uns in eine Stimmung, 
die aus dem Lächeln des Himmels, aus der Hei- 
terkeit der Erde und dem Rauschen der über 
die Tiefen spielend dahinrollenden Wogen ge- 
webt war. 

Noch nie hatte ich die Kaiserin in so ruhiger 
Seelenstimmung gesehen. 

Dieser schönheits volle, melancholische Herbst 
ließ sie alle seine Wohltaten empfinden. Er wiegte 
und sang ihre Seele ein, daß ihr jeder Kummer 

15* 



224 i89 s - 

und alle Bitternisse entschwanden. Sie wurde 
förmlich weich und fand vielleicht in diesem 
Augenblicke das Leben anziehend. Dafür sprach, 
daß sie ohne jedes Apropos die Rede auf ihren 
Nauheimer strengen Ordinarius Dr. Schott brachte 
und sich seiner in Dankbarkeit erinnerte. 

«Noch eine solche Kur und Sie werden 
sehen, ich kann mich auf die größten Seereisen 
begeben, dann wollen wir nach den Kanarischen 
Inseln und noch einmal das verlassene Achil- 
leion aufsuchen.» 

Sie erging sich mit ihren Plänen bis in die 
fernste Zukunft. 

Dann sagte sie wieder, wie schön es wäre, 
wenn Seine Majestät der Kaiser sie jetzt besuchen 
würde. 

«Ich schrieb ihm darüber; ich weiß, Caux 
würde ihm sehr gefallen, namentlich der Dent du 
Midi, den er zu solcher Jahreszeit noch gar nicht 
gesehen — doch leider kann er sich derzeit kaum 
von Wien entfernen, weil er, wie er schreibt, un- 
gemein beschäftigt ist.» 

Wir spazierten auf dem Verdeck auf und 
nieder, bald plaudernd, bald wieder wortlos, den 
Blick auf die Gegend gerichtet, als eine plötzlich 



i8 9 S. 2 25 

entstehende lärmende Szene unsere ganze Auf- 
merksamkeit nach einem Punkte des Verdeckes 
zog. Ein kleiner, etwa 5 Jahre alter Knabe, den 
die Natur freigebig mit Energie und Willenskraft 
bedacht hatte, kündigte nach kurzem Hin- und 
Herdiplomatisieren seiner Mutter den Krieg an. 
Unter furchtbarem Strampfen und Kampfgeschrei 
bereitete sich der kleine Held zur Attacke vor, 
während die Mutter in ihrer großen Verlegenheit 
sich nicht zu helfen wußte. 

«Wenn das nur Valerie sehen könnte,» 
sprach bedauernd Ihre Majestät, «welche Freude 
würde sie an diesem kleinen Spitzbuben haben.» 

Dann aber mußte sie, damit die Mutter nicht 
den Kürzeren ziehe, rasch intervenieren, was ihr 
mit ein paar freundlichen Worten und etwas 
schönem Obst so vollkommen gelang, daß der 
kleine Tiger nicht nur lammfromm wurde, son- 
dern auch vor dem Aussteigen zur Kaiserin kam 
und sich manierlich empfahl. 

Punkt 1 2 Uhr erklang die SchifTsglocke. Wir 
w T aren in Genf. 

Das Ufer betretend, harrte unser eine liebe 
Freude, die verspätete Depesche der Erzherzogin 
Valerie, die uns Sekretär Kromar entgegenbrachte. 



226 



Die Kaiserin übernahm sie und nun bestiegen 
wir um so vergnügter den Wagen, der uns in 
raschem Trabe durch die herrliche Landschaft 
gegen Pregny führte. 

Wir kamen an. Baronin Julie Rothschild 
empfing die Kaiserin am Eingange der Villa. Eine 
sympathische Dame mittleren Alters, mit lebhaf- 
tem Geiste, der sich in ihren Zügen spiegelte und 
überaus distinguiertem Wesen. Bevor wir noch 
zur Villa kamen, sah ich darauf die Standarte des 
Hauses Habsburg wehen. Nach der Vorstellung 
machte ich die Baronin leise auf das Inkognito 
der Kaiserin aufmerksam, worauf sie die Standarte 
allsogleich einziehen ließ. Nun führte die Haus- 
frau Ihre Majestät hinauf in den Speisesaal, wo 
für drei Personen gedeckt war. Als wir uns um 
den Tisch niedergelassen hatten, erklangen von 
einem verborgenen Orchester liebliche italienische 
Weisen. Es war, als würde die leise Musik von den 
Sonnenstrahlen hereingetragen. Sie vibrierte durch 
den Saal, die heitere Konversation nicht beeinträch- 
tigend, vielmehr ihr als liebe Begleitung dienend. 

Das herrliche Dejeuner erwies sich ebenbür- 
tig dem mit Altwiener Porzellan und Kristall- 



gläsern gedeckten Tische. 



i8g8. 22 7 

Pregny hatte nicht nur befriedigt, es hatte 
die Erwartungen der Kaiserin übertroffen. Die 
ungesuchte Art des Empfanges, die temperament- 
volle Heiterkeit der Hausfrau und das ganze Ar- 
rangement versetzten die Kaiserin in die beste 
Stimmung. 

Anfangs beengte sie die fortwährend um den 
Tisch bemühte, reich gekleidete Dienerschaft, 
doch setzte sie sich bald darüber hinweg. 

Am Schlüsse des Dejeuners nahm Ihre Ma- 
jestät — was eine Seltenheit bei ihr war — ein 
Gläschen Champagner und stieß mit der Haus- 
frau an; dann überreichte sie mir ihr Menü mit 
der Bitte, es dem Kaiser, das meine aber Gräfin 
Trani zu schicken. 

«Ich bitte Sie aber, vergessen Sie nicht, diese 
Gerichte zu unterstreichen und das Eis zweimal, 
und schreiben Sie meiner Schwester, daß von 
diesem, wenn auch sie hier gewesen, kein Tröpf- 
chen übrig geblieben wäre.» 

Nach dem Dejeuner besichtigten wir die 
Villa, deren schöne Einrichtung und Kunstschätze 
das höchste Interesse erregen mußten. An anti- 
ken Möbeln, Gobelins und Porzellan war hier 
eine so reiche Sammlung anzutreffen, wie man 



2 28 i8g8. 

sie nur selten sieht. Doch auch der Garten ent- 
zückte uns nicht weniger. Mit Bewunderung 
standen wir vor den mächtigen, schönen Bäumen, 
herrlichen Gesträuchen und den vielfachen Selten- 
heiten der Gartenkunst, und dabei diese Pflege! 
Und dieser Rasen! Es ist nicht jener tiefgrüne 
schwere Samt, vielmehr hellgrüne, grasfarbene 
Seide. Ich glaubte es wogen zu sehen, wenn der 
Wind durch den Garten strich. Mit Recht be- 
rühmt und von den schablonenhaft eingerichteten 
Glashäusern in vielem verschieden sind jene von 
Pregny. Nach Ländern und Zonen gruppiert, 
deren Eigentümlichkeiten mit großer Sorgfalt her- 
zaubernd, leben hier zwischen den Glaswänden 
Bäume, Sträucher und Blumen, gleichsam im 
eigenen Familienkreise, und eben deshalb sieht 
man hier eine so üppige Vegetation, eine so blen- 
dende Farbenpracht, wie ich sie wohl kaum noch 
gesehen hatte. — Beim Anblick all dieser Herr- 
lichkeiten gab die Kaiserin ihrer vollsten Aner- 
kennung Ausdruck, welche sich gewißermaßen 
zum Entzücken steigerte, als wir zu den wunder- 
baren, in Farbe und Form unerreichten Orchideen 
kamen. Namentlich war es eine Schar weißer 
Blüten, vor der sie wie gebannt dastand. Immer 



iSg8. 229 

wieder kehrte sie zu ihnen zurück und betrachtete 
sie stumm mit fragendem Blick, als hätte sie in 
diesem Augenblicke etwas Wunderbares erfahren, 
dessen Lösung sie von den weißen Blumen er- 
wartete. 

Gerade jetzt vollzog sich diese Begegnung. 
Ein Begegnung, wie mir schien, von größter Be- 
deutung. Wie denn auch in unseren Seelen eine 
stille Ahnung lebt, daß sich eine solche einst voll- 
ziehen muß. 

Was mochten ihr wohl die Orchideen gesagt 
haben? 



Am Ende des Gartens, an einem stilvollen 
kleinen Schweizerhause, erwartete uns das 
Coupe der Baronin, das uns binnen fünf Minuten 
nach Bellevue brachte. 

Dies ist der Privathafen der Baronin, eigent- 
lich auch ein Garten, in dessen Mitte eine schön 
eingerichtete Villa steht. Hier im Hafen, stets 
reisebereit, lag die Jacht. Nachdem wir uns in 
der Villa umgesehen hatten, brachte die Baronin 
ihr Gastbuch herbei und legte es mit ehrfurchts- 
voller Bitte vor die Kaiserin hin. Ihre Majestät 



2öO 1898. 

ergriff die Feder und schrieb, gleichsam im Fluge, 
auf das weiße Blatt ihren Namen: «Elisabeth.» 

Hierauf reichte sie mir das Buch. Ich öff- 
nete es und erblickte auf dem aufgeschlagenen 
weißen Blatte den mit starken Zügen geschriebe- 
nen Namen «Rudolph». 

Die Baronin blickte mich an, weil sie be- 
merkte, daß diese unerwartete Begegnung mich 
erschütterte. 

Sie nahm das Buch, schlug es rasch zu und 
legte es an seinen Platz. 

Es war 5 Uhr, als wir von der Baronin 
Abschied nahmen und den Wagen bestiegen. 

Die angenehmen Eindrücke des Tages wirk- 
ten sehr lebhaft in der Seele der Kaiserin fort. 
Immer wieder kam sie darauf zurück. Schließ- 
lich beauftragte sie mich, sobald ich Zeit dazu 
fände, Seiner Majestät in einem ausführlichen 
Briefe über das Gesehene zu berichten. Auf dem 
Heimwege floß die Konversation munter fort. 
«Ich bedauere es beinahe,» bemerkte Ihre Maje- 
stät, «daß ich die Bitte der Baronin, mich photo- 
graphieren zu lassen, nicht erfüllte. Doch schon 
seit dreißig Jahren habe ich mich vor keinen 
Apparat gesetzt und ich halte dafür, daß man, 



i8 9 8. 23 1 

wenn man Prinzipien besitzt, die häufig nur ein 
Schutzwall für die eigenen Schwächen sind, sie 
auch zu befolgen hat.» 

Die Kaiserin verstand es, heiter und scherz- 
haft zu sein; sie hatte glänzende Stunden, doch 
schon lange keinen so hellen, wolkenlosen Tag 
wie diesen 9. September. 

Trotzdem schlug zum Schlüsse, ich weiß 
selbst nicht wie, unser meist heiteres Gesprächs- 
thema in ein sehr ernstes um: die Religion. Viel- 
leicht wohl, weil bei mir jeder Weg dahin ausläuft. 

«Ich bin gläubig,» sagte unter anderem die 
Kaiserin, «wenn auch vielleicht nicht so gläubig 
wie Sie, doch ich kenne meine Natur, es ist gar 
nicht ausgeschlossen, daß Sie mich noch extrem 
religiös sehen werden.» 

Ein Thema, von dem die Gedanken gar 
leicht in den Bereich des Todes gelangen. 

Ich bekräftigte, daß ich schon seit meiner 
Kindheit mich mit ihm beschäftige, mit uner- 
schütterlichem Vertrauen ihm entgegensehe und 
ihn nicht fürchte. 

«Ich aber fürchte ihn,» sprach die Kaiserin, 
«obschon ich ihn oft ersehne, doch dieser Über- 
gang, diese Ungewißheit macht mich zittern, und 



20 2 iSgS. 

besonders der furchtbare Kampf, den man be- 
stehen muß. ehe man dahin gelangt.» 

Ich wollte dieses trübe Thema abschließen 
und sagte mit dem unerschütterlichen Vertrauen 
der Gläubigen nichts weiter als: «Jenseits ist 
Friede und Glückseligkeit.» 

«Woher wissen Sie das? Von dort ist ja 
noch kein Wanderer zurückgekehrt!» 

Während der darauffolgenden Pause be- 
mühte ich mich vergebens; mir fiel kein einziger 
heiterer Stoff ein. Aber da waren wir ja auch 
schon am Ziele der Fahrt. 



In Genf angekommen, stiegen wir im Hotel 
Beau Rivage ab. Wir beschlossen, nach einer 
Stunde der Ruhe die Stadt zu besichtigen. 
Gesagt, getan. Die Kaiserin war frisch und heiter 
wie nach einer gut durchschlafenen Nacht und 
wir machten uns auf den Weg. 

Wir gingen über die Montblancbrücke und 
hielten oft stille, um das herrliche Bild, das die 
Stadt und ihre Umgebung boten, zu betrachten. 
Dann wandte sich die Kaiserin im Tone vollster 
Entrüstung zu mir: 



1898. 233 

«Ich verstehe Sie wirklich nicht, Irma, warum 
Sie diese Stadt nicht mögen; sie ist ja so schön, 
wie kann sie Ihnen also unsympathisch sein? Ich 
liebe Genf sehr.» 

Die Straßen waren sehr belebt, so daß man 
im Gedränge nur langsam vorwärts kommen 
konnte. Unser Ziel war vor allem ein berühmter 
Konditor auf dem Boulevard du Theätre, den 
wir, da wir nicht sonderlich orientiert waren, 
nur nach einigem Suchen rinden konnten. Es 
war schon ziemlich spät, der Konditor hatte aber 
noch drei Portionen Eis, mit dem wir uns an ein 
vor dem Laden stehendes rundes Tischchen 
setzten und hier den schönen lauen Abend ge- 
nossen. 

Geraume Zeit saßen wir hier, bis es endlich 
Zeit zum Heimgehen wurde. 

Die Gassen waren nur spärlich beleuchtet, 
weil die Elektrizität versagt hatte. Dem Kai der 
Rhone entlang gingen wir zu Dimier, wo die 
Kaiserin ein herrliches Tischchen für Erzher- 
zogin Valerie für Weihnachten kaufte ; da sie ihr 
Inkognito nicht verraten wollte, verfügte sie, daß 
das Tischchen nicht in ihre Wohnung geschickt 
werde, sondern beauftragte mich, das Nötige zu 



2v?4 1898. 

veranlassen, wenn ich am nächsten Tage wieder- 
kommen würde. 

Ihre Majestät bemerkte, daß das Personal 
unsere ungarische Konversation mit auffallender 
Neugierde anhörte, und ließ mich das eine Fräu- 
lein fragen, für welche Sprache sie die unsere 
hielte. Dieses antwortete nach einigem Zögern: 
«Ich glaube dänisch.» 

«Also so häßlich klingt ihr unsere Sprache,» 
sagte die Kaiserin indigniert, «jetzt sagen Sie ihr 
erst recht nicht, in welcher Sprache wir gespro- 
chen haben.» 

Wir verließen den Laden und eilten weiter, 
der Rhone entlang. Ich weiß nicht, wie es geschah, 
doch wir verfehlten die Brücke und gingen irre. 

Es war finster und da wir dort unschlüssig 
im Gewirre einer fremden Stadt standen, ergriff 
mich panischer Schrecken. 

Die Kaiserin aber orientierte sich rasch und 
wußte schon nach einer Minute, wohin wir uns 
zu wenden hätten. Raschen Schrittes gingen wir 
zurück und gelangten glücklich zur Montblanc- 
brücke. Die Kaiserin verlangsamte den Schritt 
und, nunmehr ruhig spazierend, kehrten wir ins 
Hotel zurück. Es war gegen 10 Uhr. 



i8 9 8. 235 

Die Kaiserin bestellte ihr Frühstück und be- 
gab sich mit dem Eindrucke eines angenehm 
verbrachten Tages zur Ruhe. 

Ich schrieb noch einen Brief. Während des 
Schreibens blickte ich durch das offene Fenster 
auf die Bergriesen, die in der Dunkelheit näher 
zu kommen schienen, wohl um den zu ihren 
Füßen im Mondscheine schlummernden, herr- 
lichen See besser überwachen zu können. Nur 
der Montblanc, die Leibwache, war nicht sicht- 
bar, was ich ihm verübelte. 

Nachdem ich die Erlebnisse des Tages aufs 
genaueste meiner Mutter niedergeschrieben hatte, 
schlief ich unter den Klängen einer aus der 
Ferne hereinklingenden Musik ein. 

Ich hatte eine unruhige Nacht und ver- 
brachte sie mehr wachend als schlafend. End- 
lich schreckte ich aus meinem späten Schlummer 
auf, wie von jemandem mit gellender Stimme 
angerufen; mein erster Blick fiel auf den Mont- 
blanc, dessen schneebedecktes Haupt grell im 
Morgenrot glühte. 

Wir schrieben den 10. September, es war 
mein Beichttag. Ich eilte zur Kirche, obwohl 
es mich große Überwindung kostete, jetzt meiner 



236 iSgS. 

andächtigen Pflicht zu genügen, weil ich unge- 
wohnt müde und nervös war. Nach der heiligen 
Kommunion kam ich, an Leib und Seele gekräf- 
tigt, zurück. Es erfüllte mich mit Befriedigung, 
meine Schwäche besiegt zu haben. 

Mit dem Schlage 9 Uhr meldete ich mich 
bei der Kaiserin. 

Sie ließ sich eben frisieren. 

Aus ihrer guten Laune und dem frischen 
Aussehen schloß ich, daß sie eine bessere Nacht 
gehabt hatte als ich, doch bald begann sie zu 
klagen. 

«Müde bin ich nicht, doch habe ich kaum 
geschlafen. Eine Weile hörte ich den italieni- 
schen Sängern zu, später störte mich der Leucht- 
turm mit seinen beständig wechselnden Farben 
und ich konnte mich nicht entschließen, aufzu- 
stehen und die Fenster zu schließen. Es mochte 
gegen 2 Uhr gewesen sein, als ich einschlief, da 
aber, was mir noch niemals geschah, schrak ich 
entsetzt auf, weil der hochstehende Mond mit 
seinem grellen Scheine in mein Gesicht leuchtete, 
während mein Bett und das ganze Zimmer in 
einer mystischen Beleuchtung schwamm. Weiter 
vermochte ich auch nicht mehr einzuschlafen.» 



1898. 237 

Als ich erwähnte, welch einen herrlichen 
Anblick der Montblanc im Morgenrote bot, be- 
dauerte sie, daß sie dies nicht gesehen hatte. 

«Schade, daß ich daran nicht gedacht habe, 
ich war ja eben wach; doch dem Montblanc zu- 
liebe bleibe ich nicht länger hier.» 

Unser Gespräch fand im Toilettezimmer 
statt und als sie bemerkte, daß mein Blick durch 
die offene Tür beständig in den Salon glitt, der 
voll der herrlichen weißen Astern war, blickte 
auch sie nach den Blumen hinein und sagte mit 
einem leichten Seufzer: «Nicht wahr, sie sind 
schön? Doch ich liebe sie nicht. Sie erinnern 
mich an den Herbst, an den Winter und an alles 
Vergängliche.» 

Nachdem sie mir noch einige -kleine Auf- 
träge für die Stadt gegeben hatte, fragte ich Ihre 
Majestät, ob es dabei bliebe, daß sie mit dem 
Schiffe nach Caux zurückkehren würde? «Ja- 
wohl, um 1 Uhr 40 Minuten fahren wir. Das 
Personal kann mit dem 12 Uhr-Zuge reisen, denn 
ich liebe die großen Aufzüge nicht. Mit einem 
Worte: Es bleibt alles, wie es bestimmt war.» 

Hierauf verließ ich sie. Rasch besorgte ich 

meine Aufträge in der Stadt und war etwas vor 

16 



2 38 1898. 

10 Uhr wieder im Beau Rivage. Hier traf ich 
meine Anordnungen für die Abreise und als ich 
alles getan wußte, meldete ich mich bei der Kai- 
serin. 

Um 1 1 Uhr verließen wir mit Ihrer Majestät 
das Hotel und gingen nach der Rue Bonnivard, 
in den Laden Bäckers, wo die Kaiserin das Or- 
chestrion der Adelina Patti zu hören wünschte. 
Bäcker setzte sofort das orgelartige Instrument 
in Bewegung, das die Musik eines ganzen Or- 
chesters in möglichster Treue wiederzugeben 
suchte. Aida, Carmen, Rigoletto, dann Tann- 
häuser kamen an die Reihe. Diese letztere war 
die Lieblingsoper der Kaiserin. «Ich liebe sie 
mehr als Lohengrin, es liegt in ihrer Musik etwas 
Mystisch -Fatalistisches wie im Geschicke ihres 
Helden.» 

Hier ereignete sich ein unangenehmer Zwi- 
schenfall, von dem aber die Kaiserin keine Kennt- 
nis hatte. Eine elegante Dame trat in den Laden, 
der wir, wie es schien, sofort auffielen und die 
dann die Kaiserin fortwährend fixierte. Ein der- 
artiges Interesse konnte die Kaiserin überaus auf- 
regen und es war gut, daß sie diesmal, mit anderen 
Dingen beschäftigt, nichts davon merkte. Nach 



1898. 239 

einiger Zeit trat die Dame auf mich zu, stellte 
sich als belgische Gräfin X. vor und ersuchte 
mich, ich möge sie der Kaiserin vorstellen, deren 
Schwestern sie gut kenne. «Ich bedauere, doch 
bin ich hiezu nicht ermächtigt, Gräfin,» ant- 
wortete ich kurz, worauf die Dame sich verletzt 
entfernte. 

Wir kauften jetzt noch ein gewaltiges Ari- 
ston mit 24 dazugehörigen Piecen für die Kinder 
in Wallsee. Die Kaiserin nannte selbst die Stücke, 
die sie zu haben wünschte. «Das gibt eine so 
hübsche Musik,» lobte Ihre Majestät, «daß sich 
auch Franz und Valerie daran erfreuen werden.» 

Als Ihre Majestät sich zum Gehen anschickte, 
legte Bäcker sein Gastbuch vor uns hin. Ich sah 
die Kaiserin fragend an und sie sagte lächelnd : 
«Schreiben Sie nur Erzsebet Kirälyne (Königin 
Elisabeth), das versteht er ohnedies nicht und 
bis es ihm jemand erklärt, bin ich schon über 
alle Berge.» 

Wir spazierten dann sehr langsam den Quai 

du Mont Blanc entlang. Ihre Majestät erging 

sich mit Genuß im Sonnenschein, ergötzte sich 

an dem bunt wogenden Leben der Straßen, mich 

aber übermannte die Unruhe und ich machte sie 

16* 



24O 1898. 

aufmerksam, daß es Zeit wäre, ins Hotel zurück- 
zukehren und sich zur Reise vorzubereiten. 

Im Beau Rivage angelangt, zog sich Ihre 
Majestät auf ihr Zimmer zurück, um sich anzu- 
kleiden. Mir schien es, als weilte sie zu lange 
darin und ich wurde deshalb von einer unbe- 
greiflichen Nervosität ergriffen. 

Wenn wir uns verspäteten, blieben wir hier 
ganz allein zurück, weil das Personal, mit Aus- 
nahme eines Lakaien, bereits abgereist war. Ich 
konnte es nicht erwarten, bis sie herauskam, 
begab mich daher zu ihr hinein und bat um die 
Erlaubnis, den Lakai vorauszuschicken, da ja 
der Schiffskapitän nicht wußte, daß sie reisen 
würde, damit er das Schiff, falls es vor unserer 
Ankunft abfahren wollte, zurückhalte. Dies ge- 
schah. Inzwischen trank die Kaiserin mit sicht- 
barem Genüsse ein Glas Milch. «Majestät,» 
mahnte ich, «es ist 1 Uhr 3o Minuten, gehen 
wir, wir verspäten uns!» — Sie aber schwenkte 
jetzt mit vollster Seelenruhe das Glas aus, aus 
dem sie getrunken hatte und reichte es mir dann 
mit einem unendlich lieben Lächeln: «Na, na, 
Irma, erst kosten Sie diese herrliche Milch.» Das 
Glas zitterte in meiner Hand und eine nervöse 



iSg8. 241 

Angst bemächtigte sich meiner, während ich 
daraus trank. Es zu leeren war ich unfähig. 

«Vielleicht bekommt es Ihnen schlecht,» 
fragte die Kaiserin, während sie mich verwun- 
dert anblickte. «Nicht doch, Majestät,» ent- 
gegnete ich, «ich bin nur beunruhigt, ich fürchte, 
die Zeit reicht nicht» Endlich war sie bereit. 

Nun blickte sie sich lebhaft im Zimmer um 
und wir gingen. 

Ich erinnere mich zweier Gestalten, die sich 
vor dem Ausgange tief verbeugten. Es dürften 
der Hotelier und der Portier gewesen sein. Es 
war genau 1 Uhr 35 Minuten, als wir zum Tore 
hinaustraten. 

Allmächtiger Gott! Daß die darauffolgenden 
fünf Minuten nicht ausgeschaltet werden konn- 
ten aus dem Strome Deiner Zeit! — Wir schritten 
dem Seeufer entlang. Unter meinen Sohlen 
brannte der Boden. Wir gingen eben an dem 
«Braunschweiger»-Denkmal vorüber, als die Kai- 
serin, heiter wie ein sorgloses Kind, das es nicht 
für sich behalten kann, wenn ihm etwas auffällt, 
auf zwei Bäume hinwies: «Sehen Sie, Irma, 
die Kastanien blühen. Auch in Schönbrunn gibt 
es solche zweimal blühende und der Kaiser 



242 i8gS. 

schreibt mir, daß auch sie in voller Blüte ste- 
hen.» 

«Majestät, "das SchifTsignal!» sagte ich und 
zählte unwillkürlich die auf das Läuten folgenden 
dumpfen Schläge . . . eins . . . zwei . . . 

In diesem Momente erblicke ich in ziem- 
licher Entfernung einen Menschen, der, wie von 
jemandem gejagt, hinter einem Baume am Weg- 
rande hervorspringt und zum nächststehenden 
anderen läuft, von da zu dem eisernen Geländer 
am See hinübersetzt, sodann abermals zu einem 
Baume und so, kreuz und quer über das Trottoir 
huschend, sich uns naht. «Daß der uns auch 
noch aufhalten muß!» denke ich unwillkürlich, 
ihm mit den Blicken folgend, als er aufs neue 
das Geländer erreicht, und von da wegspringend, 
schräge auf uns losstürmt. 

Unwillkürlich tat ich einen Schritt vorwärts, 
wodurch ich die Kaiserin vor ihm deckte, allein 
der Mann stellt sich nun wie einer, der arg 
strauchelt, dringt vor und fährt im selben Augen- 
blicke mit der Faust gegen die Kaiserin. 

Als ob der Blitz sie getroffen hätte, sank 
die Kaiserin lautlos zurück und ich, meiner 
Sinne nicht mächtig, beugte mich mit einem 



i8g8. 243 

einzigen verzweiflungsvollen Aufschrei über sie 
hin. — 

Vater im Himmel! Wenn ich dereinst vor 
Dir stehe, um Dir Rechenschaft zu geben von 
meiner Seele, dann wirst Du eingedenk sein 
dieses entsetzlichen Augenblickes. — 

Alle Qualen des Todes durchzuckten mich 
und statt meiner gelähmten Lippen schrie meine 
niedergeschmetterte Seele zum Erlöserum Barm- 
herzigkeit. 

Und dann war mir, als tue sich vor mir der 
Himmel auf. 

Die Kaiserin schlug die Augen auf und sah 
um sich. Ihre Blicke verrieten, daß sie bei 
vollem Bewußtsein war, dann erhob sie sich, 
von mir gestützt, langsam vom Boden. 

Ein Kutscher half mir, der Himmel segne 
ihn dafür! 

Wie ein Wunder erschien es mir, als sie 
jetzt gerade aufgerichtet vor mir stand. Ihre 
Augen glänzten, ihr Gesicht war gerötet, ihre 
herrlichen Haarflechten hingen, vom Falle ge- 
lockert, wie ein lose gewundener Kranz um ihr 
Haupt, sie war unaussprechlich schön und ho- 
heitsvoll. 



-44 iSg8. 

Mit erstickter Stimme, da die Freude den 
Schrecken überwand, fragte ich sie: «Was fühlen 
Majestät? Ist Ihnen nichts geschehen?» 

«Nein,» antwortete sie lächelnd, «es ist mir 
nichts geschehen.» 

Daß in jener gottverfluchten Hand sich ein 
Dolch befunden, ahnten in diesem Augenblicke 
weder sie noch ich. 

Inzwischen waren von allen Seiten Leute 
herbeigeströmt, die sich über den brutalen An- 
griff entsetzten und mit Teilnahme die Kaiserin 
fragten, ob sie keinen Schaden genommen. 

Und sie, mit der herzlichsten Freundlich- 
keit, dankte jedem in seiner eigenen Sprache, 
deutsch, französisch, englisch, für die Teilnahme, 
bestätigte, daß ihr nichts fehle, und gestattete mit 
herzlicher Bereitwilligkeit, daß der Kutscher ihr 
bestaubtes Seidenkleid abbürste. 

Währenddessen war auch der Portier des 
Beau Rivage zur Stelle gelangt, er hatte vom 
Tore aus die schreckliche Szene mitangesehen 
und bat dringendst, ins Hotel zurückzukehren. 

«Warum?» fragte die Kaiserin, während sie 
ihr Haar in Ordnung zu bringen versuchte, «es ist 
ja nichts geschehen, eilen wir lieber aufs Schiff.» 



i8 9 8. 245 

Sie setzte unterdessen, obschon es ihr nicht 
recht gelungen war, ihr Haar in Ordnung zu 
bringen, den Hut auf, nahm Fächer und Schirm, 
grüßte freundlich das Publikum und wir gingen. 

« Sagen Sie, was wollte denn eigentlich dieser 
Mensch?» fragte sie unterwegs. 

«Welcher Mensch, Majestät, der Portier des 
Hotels?» 

«Nein, jener andere, jener furchtbare 
Mensch!» 

«Ich weiß es nicht, Majestät, aber er ist ge- 
wiß ein verworfener Bösewicht.» 

«Vielleicht wollte er mir die Uhr wegneh- 
men,» sagte sie nach einer Weile. 

Frisch und elastisch schritt sie neben mir 
her, ihre Haltung schien ungebrochen und sie 
lehnte meinen Arm ab. Nach einer Weile wen- 
dete sie sich zu mir. «Nicht wahr, jetzt bin ich 
blaß?» «Ein wenig,» antwortete ich, «vielleicht 
vom Schrecken.» — Mittlerweile kam uns der 
Portier mit der Neuigkeit nachgeeilt, daß man 
den Missetäter ergriffen habe. 

«Was sagt er?» fragte die Kaiserin. 

Als ich antwortete und sie ansah, bemerkte 
ich, daß ihre Züge sich schmerzlich veränderten. 



246 1898. 

Erschrocken bat ich sie, sie möchte mir die 
Wahrheit sagen, was sie fühlte und ob sie keine 
Schmerzen hatte, und während sie scheinbar 
leicht ihren Weg fortsetzte, hing ich mit tödlicher 
Besorgnis an jedem ihrer Schritte. 

«Ich glaube, die Brust schmerzt mich ein 
wenig,» sagte sie, «doch bin ich dessen nicht 
sicher.» 

Wir gelangten in den Hafen. Auf der Schiffs- 
brücke ging sie noch leichten Schrittes vor mir 
her, doch kaum hatte sie das Schiff betreten, als 
ihr plötzlich schwindelte. «Jetzt Ihren Arm,» 
stammelte sie mit erstickender Stimme. 

Ich umfing sie, konnte sie aber nicht halten 
und, ihren Kopf an meine Brust pressend, sank 
ich ins Knie. — «Einen Arzt! Einen Arzt! 
Wasser!» schrie ich dem zu Hilfe eilenden Lakai 
entgegen. 

Die Kaiserin lag totenbleich mit geschlosse- 
nen Augen in meinen Armen. 

Der Lakai und andere stürzten mit Wasser 
herbei. 

Als ich ihr Antlitz und Schläfe besprengte, 
öffneten sich ihre Augenlider und mit Entsetzen 
erblickte ich hinter ihnen den Tod. 



i8g8. 247 

Ich habe ihn schon oft gesehen und jetzt er- 
kannte ich ihn in den verglasten Augen. 

Diese furchtbare Last, die mich unter die 
Erde drücken wollte, ist seine Last; diese Kälte, 
die mein Herz erstarren macht, sie ist seine Kälte. 

Ich dachte an Herzschlag. 

Ein Herr machte mich aufmerksam, daß 
wir uns in der Nähe der Maschine befänden und 
es besser wäre, die Dame aufs Verdeck zu brin- 
gen, wo sie rascher zu sich kommen würde. 

Mit Hilfe zweier Herren trugen wir sie also 
aufs Verdeck und legten sie auf eine Bank. 

«Einen Arzt! Einen Arzt! Ist kein Arzt auf 
dem Schiffe?» rief ich den Umstehenden zu, 
worauf ein Herr hervortrat und mir die Hilfe 
seiner Gattin anbot, die halb und halb Arztin 
sei und sich auf die Krankenpflege verstehe. 

Madame Dardelle ließ Wasser und Eau de 
Cologne bringen und machte sich sogleich an 
die Wiederbelebung der Kaiserin. Sie ordnete an; 
ich schnitt ihre Miederschnüre auf, während eine 
barmherzige Schwester ihre Stirne mit Eau de 
Cologne rieb. 

Inzwischen war das Schiff abgefahren, aber 
trotz seiner Bewegung nahm ich wahr, wie die 



-4$ i8g8. 

Kaiserin bemüht war, sich zu erheben, damit ich 
das Mieder unter ihr hervorziehen könnte. Dann 
schob ich ein in Äther getauchtes Stückchen 
Zucker zwischen ihre Zähne und ein Hoffnunes- 
strahl durchzuckte mich, als ich hörte, daß sie 
ein- oder zweimal darauf biß. 

Auf dem in Bewegung befindlichen Schiffe 
wehte kühle Seeluft und trug dazu bei, daß die 
unter den peinlichsten Zweifeln unternommenen 
Belebungsversuche Erfolg hatten. 

Die Kaiserin öffnete langsam ihre Augen 
und lag einige Minuten mit umherirrenden 
Blicken da, als wollte sie sich orientieren, wo sie 
sei und was mit ihr geschehen war. Dann er- 
hob sie sich langsam und setzte sich auf. Wir 
halfen ihr dabei und sie hauchte, gegen die 
fremde Dame gewendet: «Merci.» 

Eine Seele, die an jener Grenzscheide steht, 
wo das Reich der Glückseligkeit an das der Ver- 
dammnis stößt, und die harrt, welches Tor sich 
ihr nun öffnen würde, sie mag die Empfindungen 
haben, die mich in diesem Augenblicke erfüllten. 

Ein ermutigender Lichtstrahl fiel aus der 
Höhe auf mich herab, allein meine Seele fühlte 
schon den eisigen Hauch der schwarzen Wogen 



i8g8. 249 

und ahnte das Nahen der großen unendlichen 
Nacht. Obgleich die Kaiserin sich aus eigener Kraft 
sitzend erhielt, sah sie doch sehr gebrochen aus. 

Ihre Augen waren verschleiert und unsicher 
schwankend strich ihr trauriger Blick umher. 

Die Passagiere des Schiffes, die uns bisher 
umstanden hatten, zogen sich zurück und nur 
wir vier blieben um die Kaiserin: Madame Dar- 
delle, die Klosterfrau, ich und der treue Lakai, 
dem ich meine Aufträge ungarisch geben konnte. 

Vor der Kaiserin kniend, beobachtete ich 
mit Spannung ihre Züge und flehte zum Himmel 
um Barmherzigkeit. 

Ihre Blicke suchten den Himmel, dann 
blieben sie an dem Dent du Midi haften und, von 
da langsam herabgleitend, ruhten sie auf mir, 
um sich für ewig meiner Seele einzuprägen. 

«Was ist denn jetzt mit mir geschehen?» 

Das waren ihre letzten Worte, dann sank 
sie bewußtlos zurück. 

Ich wußte, daß sie dem Tode nahe war. — 
Rasch schnitt ich die um meinen Hals hängende 
Medaille der Marienkongregation ab, legte sie 
auf ihr Herz und flehte zur heiligen Jungfrau, 
ihre Seele zur großen Reise vorzubereiten. 



2 50 1898. 

Consolatrix afflictorum! — Inzwischen labte 
.Madame Dardelle sie mit Äther. 

Die Kaiserin trug ein kleines schwarzes 
Seidenfigaro, das ich, um ihr auch diese Erleich- 
terung zu verschaffen, über der Brust öffnen 
wollte. Als ich die Bänder auseinanderriß, be- 
merkte ich auf dem darunter befindlichen Batist- 
hemde in der Nähe des Herzens einen dunklen 
Fleck in der Größe eines Silberguldens. Was 
war das ? Im nächsten Augenblicke stand die 
lähmende Wahrheit klar vor mir. Das Hemd 
beiseite schiebend, entdeckte ich in der Herz- 
gegend eine kleine, dreieckige Wunde, an der ein 
Tropfen gestockten Blutes klebte. — 

Luccheni hat die Kaiserin erdolcht. 

Und angesichts der grausen Wirklichkeit er- 
hob ich meine Seele zu unserem Herrn Jesus 
Christus, zu unserem Erlöser, der für uns den 
Martertod erlitten, und erflehte nichts anderes 
von ihm, als das eine, daß ich die Kraft haben 
sollte, mein Kreuz zu tragen. 

Ich mußte handeln. 

Ich ließ den Schiffskapitän zu mir bitten. 
«Mein Herr,» sagte ich zu ihm, «auf Ihrem 
Schiffe liegt tödlich verwundet die Kaiserin Elisa- 



1898. 251 

beth von Österreich, Königin von Ungarn. Man 
darf sie nicht ohne ärztlichen und kirchlichen 
Beistand sterben lassen, bitte kehren Sie sofort 
um.» Der Kapitän gehorchte stumm und nahm 
die Richtung gegen Genf. 

Jetzt schrieb ich zwei Depeschen an Berze- 
viczy und an Kromar, diese übernahm Herr 
Dardelle, um sie, wenn wir das Ufer erreichten, 
sofort aufzugeben. 

Die Kaiserin war in Agonie. 

Ich kniete vor die Bank hin, auf der sie lag, 
und betete. 

«Es ist zu Ende,» hörte ich von allen Seiten. 

Wir fuhren in den Hafen ein, legten die Kai- 
serin auf ein improvisiertes Tragbett, welches 
sechs Männer hoben. 

Bevor wir uns in Bewegung setzten, breitete 
ich ihren großen schwarzen Mantel über sie. Die 
Agonie war sanft, ohne jedesZeichen des Kampfes, 
doch in diesem Augenblicke wandte sie unruhig 
den Kopf zur Seite. 

Wir schritten ihr zu Häupten, auf der einen 
Seite ich, auf der anderen ein Herr, der den 
weißen Schirm der Kaiserin ausgebreitet über 
ihr Haupt hielt. 



~5 2 1898. 

Hinter uns drein und um uns her erregte 
Menschenmassen, die das Schiff zurückkehren 
gesehen und Böses ahnend, sich zusammen- 
scharten. 

Herzzerreißend war diese traurige Rück- 
kehr dorthin, von wo die Kaiserin vor kaum 
einer Stunde heiteren Gemütes ausgegangen war. 

In ihr Zimmer gelangt, legten wir sie aufs 
Bett. Doktor Golay war schon zur Stelle, bald 
daraufkam der zweite Arzt. Außer diesen waren 
ich, Frau Mayer, die Gattin des Hoteliers und eine 
im Hotel weilende englische Pflegerin zugegen. 

Ich zeigte Doktor Golay die Wunde. Er 
konnte mit seiner Sonde nicht mehr eindringen, 
weil die Wundöffnung sich nach der Entfernung 
des Mieders von ihrer ursprünglichen Stelle ver- 
schoben hatte. «Es ist gar keine Hoffnung,» 
sprach der Arzt nach einer Weile. 

Ich wußte das ohnedies, aber als ich es jetzt 
so trocken und sachlich aussprechen hörte, über- 
lief es mich eisig, und mechanisch, mit klappern- 
den Zähnen, sprach ich es nach: 

«Gar keine Hoffnung!» 

Und doch bat ich die Arzte flehentlich, Be- 
lebungsversuche zu machen. Es w r ar alles ver- 



i8g8. 253 

gebens. Sie lebte noch, doch atmete sie kaum 
mehr. 

Jetzt kam der Priester und gab die General- 
absolution. War da noch Leben in ihr? Oder 
hatte sich ihre erhabene Seele zum Himmel 
emporgeschwungen, ohne den Segen abzu- 
warten, sicher, daß an der Himmelspforte 
der Segen dessen sie erwartete, der unser aller 
Herr ist? 

Um 2 Uhr 40 Minuten sprach der Arzt das 
furchtbare Wort aus. Die schönste, edelste 
Seele, die am schwersten geprüfte von allen, 
hatte die Erde verlassen und ihr Entschwinden 
bezeichnete man mit dem einzigen kurzen Worte: 
Tot! — 

Ich hatte das Gefühl, als müßte jetzt, bis in 
die weitesten Fernen hörbar, ein Schmerzens- 
schrei die Luft erfüllen und alle guten Menschen 
laut w^einen und klagen, wie meine Seele weinte 
und wehklagte um meine Kaiserin. 

Jesus, mein Erlöser, sei mit mir in dieser 
schweren Stunde! Ich darf nicht zusammen- 
brechen. Ich darf jetzt nicht daran denken, wie 
gut es wäre zu sterben, ihr nachzufolgen und 
sie zu begleiten auch in den Tod. — 

17 



254 i8 9 8. 

Ich darf nicht sündigen! 

Sie blickt zurück und sieht, daß ihre gläu- 
bige Irma unter der Last des Schmerzes wankend 
zusammenbricht. Heilige Jungfrau, steh-' mir bei, 
daß ich nicht sündige! 

Dann dachte ich an den Kaiser. In diesen 
furchtbaren Augenblicken tauchte fort und fort 
seine gütige Gestalt vor mir auf. 

Wie viel Leid trägt er schon in seinem Her- 
zen verschlossen. Wie überbietet jetzt das Schick- 
sal alles bisherige Schwere mit diesem Entsetz- 
lichsten! 

Und ich sehe den sorgenbeladenen, greisen 
Kaiser, wie er unter dem unerbittlichen Schlage 
das Haupt beugt, wie er, das Herz überströmend 
von bitterem Weh, hiirwankt zu seinem Bet- 
schemel und betet. — Dann sehe ich ihn sich er- 
heben und — einen Gottesacker in der Seele — 
weiterschreiten auf dem schweren Pfade der 
Pflicht. — 

Nein! Ich darf nicht zusammenbrechen! Ich 
darf nicht sündigen ! 

Jetzt fiel mir ein, daß die Kunde auf Um- 
wegen zum Kaiser gelangen könnte. Das durfte 
nicht geschehen. Ich raffte meine ganze Kraft 



i8 9 8. 255 

zusammen und es gelang mir, die Depesche auf- 
zusetzen. 

Ich adressierte an den Grafen Paar: 

«Ihre Majestät die Kaiserin wurde schwer 
verwundet, bitte dies Seiner Majestät dem Kai- 
ser schonungsvoll zu melden.» 

Kaum war die Depesche abgegangen, mel- 
dete sich der österreichisch-ungarische Konsul 
und bot seine Dienste an. 

Ich sagte ihm die Einzelheiten des Unglücks- 
falles und ersuchte ihn, dies dem Minister des 
Äußeren mitzuteilen. Dies geschah in einem 
Nebenzimmer. 

Als ich zur Kaiserin zurückkehrte, öffnete 
man ihr eben die Schlagader am linken Arme. 
Es kam kein Tropfen Blut. Hierauf entfernten 
sich die Arzte. 

Ich stellte mich der Kaiserin zu Häupten. 
Ihr Antlitz strahlte im blendenden Weiß des 
himmlischen Friedens. Der furchtbare Über- 
gang, vor dem sie gezittert, war kurz und 
wirr gewesen wie ein Morgentraum, aus dem 
sie bloß erwachte, um sich schon vom Früh- 
rot der himmlischen Seligkeit umstrahlt zu 

sehen. 

17* 



256 i8g8. 

Die Erdenfesseln waren von ihr gefallen 
und die Tochter des Himmels schwebte nun- 
mehr in freiem Fluge vor dem Throne des Herrn, 
um aus seiner Hand den Lohn ihrer Leiden zu 
empfangen. 

Und dieser förmlich ätherische Leib, der 
treue Leidensgefährte der Seele, fühlte die glück- 
liche Erlösung seiner besseren Hälfte und ging 
nun ruhig der Auflösung entgegen. 

Kein Nerv zuckte mehr in ihr ! Nur ein Blick 
unter halbgeöffneten Lidern, himmelwärts ge- 
richtet und gebrochen, und ein sanftes Lächeln 
des Mundes erinnern noch an das Leben. 
Damit hatte sie die selig entschwindende Seele 
geleitet, damit von ihr Abschied genommen für 
immer. 

Jetzt machte ich das Zeichen des Kreuzes 
über sie und drückte ihr die Augen zu. 

Dann schlang ich meinen Rosenkranz zwi- 
schen ihre Finger und legte ihre beiden Hände, 
zum Gebete gefaltet, auf ihre Brust. 

Mit Hilfe der Wärterin ordneten wir nach 
Möglichkeit das Sterbegemach. 

Auf einen Tisch neben ihr stellte ich ein 
Kruzifix zwischen vier brennende Kerzen. 



i8 9 8. 257 

Und die Herbstastern brachten wir aus dem 
Salon herein. Mochten sie sie immerhin um- 
blühen, da sie sie jetzt nicht mehr an die Ver- 
gänglichkeit erinnern konnten. 

Als das alles getan war, setzte ich die zweite 
Depesche an den Grafen Paar auf: 

«Ihre Majestät die Kaiserin ist entschlum- 
mert.» 

Und jetzt, wenn ich auch zusammenbreche, 
Du vergibst es mir, o mein Heiland, der Du, bis 
Du Golgatha erreichtest, dreimal zusammen- 
brachst unter dem Kreuze — so betete ich auf 
meinen Knien an dem Totenbette. 

Jetzt kam die Behörde, um mich zu 
vernehmen. Mir schwindelte, ich wankte wie 
vom Schlage gerührt. Allein dies mußte ge- 
schehen. 

Der Totenbeschauer waltete rasch seines 
Amtes, worauf die Amtspersonen sich um einen 
Tisch im Salon niederließen, während ich ihnen 
gegenüber auf einem Stuhle Platz nahm. 

Nachdem sie unter den üblichen Formali- 
täten die auf meine Herkunft bezüglichen Daten 
aufgenommen hatten, sprach der Präsident zu 
mir gewendet: «Gräfin, Sie wissen wohl, daß, 



2*8 



was Sie hier aussagen, unter Eid gesprochen ist.» 
— «Das weiß ich.» 

Dann mußte ich den vollen Namen und 
alle Würden der Kaiserin in die Feder diktieren 
und hierauf bis in die kleinsten Details die Um- 
stände der Ermordung berichten. Das war eine 
unaussprechlich qualvolle Kraftprobe für mich. 
Als sie fertig waren, dankte mir der Präsident 
für meine traurige Zeugenschaft und ersuchte 
mich, bei Hofe dringende Schritte wegen der 
teilweisen Obduktion zu machen, da das Gesetz 
hierauf Gewicht lege. Daß von einer gänzlichen 
Obduktion keine Rede sein könne, erklärte ich 
schon im vorhinein. 

Nachdem die Behörde sich entfernt hatte, 
ließ mich Berzeviczy ans Telephon rufen. Er 
sprach aus Territet. Den armen Berzeviczy 
hatte die Sorge nicht ruhen lassen und er hatte 
sich von Caux nach Territet begeben, um seine 
rückkehrende Kaiserin früher sehen zu können. 
Welche Qualen mochte der jetzt ausstehen! Und 
dabei noch müßig bleiben zu müssen, weil der 
Zug nach Genf erst am Abend ging. — 

«Der besorgte Berzeviczy», wie oft hatte 
ihn die Kaiserin so genannt, da er gegen den 



1898. 2 59 

Genfer Aufenthalt wiederholt Einsprache er- 
hoben hatte. 

Und nun war alles zu spät. Seine Besorg- 
nisse waren durch die Ereignisse in der furcht- 
barsten Weise gerechtfertigt. 

Mein Gespräch mit ihm verlief in abgerisse- 
nen Fragen und Antworten, bis er schließlich 
alles wußte. Ich fühlte durch den Draht den 
Sturm, der jetzt in der Brust dieses treuen 
Mannes wüten mußte. 

Ich hatte ihm gerade den Wortlaut meiner 
an Paar gerichteten Depesche mitgeteilt, als er 
mit einem plötzlichen «Es ist gut» unser Gespräch 
abbrach. 

Der arme Berzeviczy war, wie ich später 
erfuhr, während dieses Telephongespräches von 
einem Schwindel befallen worden. Nun sandte 
ich Depesche auf Depesche ab, an die Kinder 
der Kaiserin, die Geschwister und die nächste 
hohe Verwandtschaft. 

Mittlerweile erschien eine neuerliche Kom- 
mission im Trauerhause. 

Sie untersuchten den Leichnam und nahmen 
ein Protokoll auf. 



2ÖO !8g8. 

Dann kam die katholische Geistlichkeit mit 
dem Bischof von Fribourg an der Spitze; dann 
Klosterfrauen, um an der Leiche der Kaiserin zu 
beten. 

Endlich entfernten sich auch diese und ich 
blieb allein. 

Ich setzte mich neben meine teuere Kaiserin 
hin. Die traurigsten Stunden meines Lebens 
zogen an mir vorüber in dieser Kirchhofstille. 
Dies war unser letztes Zusammensein zu zweien. 
Aber wie unüberbrückbar war der Gegensatz 
zwischen meiner aufgewühlten Seele und ihrer 
friedlichen Ruhe. 

In ihren schweren Stunden hatte ihre rin- 
gende Seele oft Beruhigung gefunden in meiner 
Heiterkeit und Ruhe, und jetzt lag ich zu Boden 
geschmettert vor ihr und meine Augen schwam- 
men in Tränen und hafteten verzweifelt an ihrem 
bleichen Antlitz und flehten sie an, mir den Weg 
zu zeigen, der mich zur Ergebung in Gottes 
heiligen Willen führen möchte. 

Und die kämpfende Seele besaß Kraft genug, 
die dem Erdball entschwebte Seele zurückzu- 
beschwören auf ein letztes tröstliches Wort. 
Grabesstille herrschte um mich. Von den Bergen 



2ÖI 



senkte sich jetzt der Abend hernieder. Wie 
meine Seele mit der Verzweiflung rang, so 
kämpfte das Tageslicht mit dem Schatten. Die 
Kerzenflammen flackerten in trübem Glänze, er- 
warteten ungeduldig die Finsternis. 

Eine Stumpfheit bemächtigte sich meiner. 
Als ließe meine gequälte Seele, für Augenblicke 
ermüdet, ihre Schwingen sinken. Mit leerem 
Blick schaute ich in die Flammen, die mit 
nervösem Geflacker die Bahre beleuchteten. 
In den ausgeweinten Augen fühlte ich einen 
stechenden Schmerz und schloß unwillkürlich 
die Lider. 

In diesem Augenblicke ging es wie ein 
Beben durch mein ganzes Wesen. Mir schien, 
als würde ich plötzlich beim Namen gerufen. 

Ich hörte eine Stimme — das in meiner 
Seele erklingende Echo eines aus Fernen kom- 
menden süßen Wortes: «Jenseits ist Friede und 
Glückseligkeit.» — Ich riß mich empor; der 
Halbschlummer wich aus meinen Augen und 
ich stand vor meiner teueren Kaiserin, wie so 
oft, dienstbereit das Wort von ihren Lippen er- 
wartend. 

Doch ihre Lippen waren geschlossen. 



262 i8 9 8. 

Nur meine Seele hatte den Widerhall ihrer 
Worte in der Grabesruhe des Sterbegemaches 
zurückgegeben. 

Und doch mußte diese Stimme als Offen- 
barung, als Bestätigung von oben gekommen 
sein. 

Jetzt mochte ihre Seele die heiligen Regio- 
nen der Erleuchtung erreicht haben. Über ihr 
Antlitz ergoß sich ein sieghafter Glanz, in ihrem 
Lächeln sah ich überirdische Glückseligkeit. Ich 
neigte mich über sie und küßte ihre gesegneten 
Hände. Du meine teuere, engelgleiche Kaiserin 
blicktest herab auf mich und sandtest mir aus 
der Höhe das Trosteswort zurück, mit dem ich 
einst Dich getröstet hatte. Du erhebst Deine 
treue Irma aus dem Staube, aus der Nacht der 
Verzweiflung und richtest ihre Blicke empor zur 
ewigen Gnadenquelle. 

Sei tausendmal gesegnet dafür! 

Dein Sieg über die Leiden ist vollkommen 
mit Deinem letzten Opfer, über das hinaus Friede 
und Glückseligkeit ist. — 



1898. 263 

Abends 8 Uhr kamen Berzeviczy und das 
Personale an, bald darauf Graf Kuefstein, unser 
Gesandter in Bern. 

Um 10 Uhr betteten wir die Leiche der Kai- 
serin in einen provisorischen Sarg, bei welcher 
Gelegenheit ich die Medaille der Mutter Gottes, 
die ich ihr im Beginne ihrer Agonie um den 
Hals gehangen, herabnahm, um sie dem Kaiser 
übergeben zu können. 

Bis nach Mitternacht wachte ich mit Ber- 
zeviczy und Kuefstein an der Bahre, dann ging 
ich auf mein Zimmer und versuchte zu ruhen. 
Ruhe — Friede! Wann werden die mir wieder- 
kehren!? 

Am ii. September, nachmittags 2 Uhr, ging 
die partielle Obduktion vor sich, da die Erlaub- 
nis dazu aus Wien erst gegen Mittag eingetroffen 
war. 

Ich mußte bei diesem traurigen Akte zu- 
gegen sein. Man schnitt den Brustkorb auf, um 
die Richtung der Wunde festzustellen: Die vierte 
Rippe war durchbrochen, Lunge und Herz durch- 
bohrt. 

Und ich sah es in der Hand des Arztes, dieses 
Herz voll Liebe und voll Qual, durch das der 



264 i8g8. 

Dolch gegangen war, durch und durch, wie wir 
das Herz der Mater dolorosa im Bilde sehen. 

Und das mußte ich überleben! 

«Ich möchte dieser Welt entschwinden wie 
der Vogel, der auffliegt und im Äther verschwin- 
det, oder wie der aufsteigende Rauch, der hier 
vor unseren Augen blaut und im nächsten Augen- 
blicke nicht mehr ist.» 

Diese Worte hatte sie einst zu mir gesagt 
und sie kamen mir jetzt ins Gedächtnis. Dieses 
Aufseufzen einer poetischen Seele, die ein poeti- 
sches Ende, ein leichtes Entschwinden erfleht. 
Währendes damals in jenen Worten, die sie einen 
Tag vor ihrem Tode bei Baronin Rothschild 
sprach, wie ein wundersames Vorgefühl lag, 
gleich einer Prophezeiung : «Je voudrais que mon 
äme s'envolasse vers le ciel par une toute petite 
ouverture du coeur.» 

Diesen einen Wunsch hat ihr der Himmel 
erfüllt. 

Sie verblutete sich nach innen; Schmerzen 
hatte sie keine und ohne den Tod zu ahnen, be- 
trat sie die Schwelle der Ewigkeit. 

Ich sah auch die Einbalsamierung bis zu 
Ende an. Ich war oft nahe am Zusammen- 



i8g8. 265 

brechen, doch ein Blick auf ihr friedliches, 
schönes Antlitz gab mich mir selbst zurück. Nur 
weiter! In Gottes Namen! 

Am nächsten Tage, den 12. September mor- 
gens, leistete ich meiner gütigen Kaiserin den 
letzten Dienst. Ich legte ihr das «schöne» Kleid 
an, aus schwarzer Seide, das sie am Tage des 
Attentates getragen. 

Sie hatte das ihr schönes Kleid genannt. 
Die Taille, die wir in jener entsetzlichen Stunde 
von ihr herabgeschnitten, ersetzten wir durch 
eine schwarze Spitzenbluse. Nachdem ich sie so 
angekleidet, legte ich sie mit Hilfe des Dr. Golay 
in den Sarg, in dem ihr Leib in alle Ewigkeit 
ruhen wird. 

Wie ich sie so ansah, schien mir, als sähe 
ich den erhabenen Genius der Trauer — hinge- 
streckt — vor mir. 

Ihre herrlich schlanke Gestalt schien noch 
gewachsen zu sein, ihre alabasterweiße Stirne 
war mit den aufgesteckten Zöpfen des reichen 
Haares wie mit einer dunkel schimmernden 
Krone geschmückt, in den gefalteten Händen 
lag ein kleines Kruzifix aus Perlmutter und 
ein Rosenkranz, und auf ihrer Brust ein großer 



266 



Strauß weißer Orchideen, die das durchstochene 
Herz der schneeweißen Frau beschatteten. 

So waren die weißen Blumen doch zu ihr 
gekommen! 

Jetzt wußte ich auch, was die Orchideen 
ihr gesagt hatten. 

Und nun, nachdem ich sie so schön aus- 
gestattet, beugte ich mich über sie, in un- 
ermeßlichem Schmerze, um sie noch tausend- 
mal zu segnen und sie endlich doch ziehen zu 
lassen. 

Bis hierher habe ich sie geleitet — fürderhin 
werde ich meine teuere Kaiserin nicht mehr be- 
gleiten. 

Der Sarg hat sie aus meinen Händen über- 
nommen. Meine traurige Rolle war zu Ende. — 



Was nachher kam, geschah unter der Trauer 
aller Staaten und der Teilnahme der ganzen 
Menschheit. 

Ich konnte mich nur mehr hinter ihrem Sarge 
einherschleppen. So treibt der klagende Herbst- 
wind das vom Baume gefallene, verwaiste Blatt 
vor sich her. — 



i8 9 8. 267 

Während der entsetzlichen Tage, die nun 
folgten, kämpfte ich den Paroxysmus des 
Schmerzes durch, doch durfte ich mich seiner 
Übermacht nicht beugen. Ich hatte Pflichten. 
Ich mußte mein Schluchzen niederkämpfen, von 
meinen wankenden Knien mußte ich mich er- 
heben, um mit Überlegung handeln zu können. 

Der Schmerz bemächtigte sich meiner wie 
ein zurückgedrängtes Fieber und wühlte monate- 
lang in mir, als führte er mich Schritt für Schritt 
der Vernichtung entgegen. Vergebens suchte ich 
Heilung. Da entschloß ich mich zu einer Pilger- 
fahrt, um für meine Seele, ehe sie auf die letzte 
große Reise ginge, den Frieden zu finden. 

Und dort auf geheiligter Erde kam eine 
wunderbare Linderung über mich. Als ich mich 
zu Füßen des heiligen Vaters ausgeweint, sänf- 
tigte sich der verheerende Schmerz zu stiller 
Trauer, und als ich seinen Segen empfangen 
hatte, fühlte ich mich dem Leben zurückge- 
geben. 

Ich bin mit meinen traurigen Erinnerungen 
zu Ende. Nur jener großen Güte muß ich noch 
mit huldigendem Danke gedenken, deren mich 
mein erhabener Herr und Kaiser teilhaftig machte, 



268 



als er seihst von dem verhängnisvollen Schlage 
niedergeschmettert war. 

Der mit dem Trauergefolge in Genf an- 
gekommene Obersthofmeister Graf Bellegarde 
brachte mir des Kaisers gütige Botschaft: «Über- 
geben Sie meinen Gruß der Gräfin Sztäray ; sagen 
Sie ihr, sie habe sich in ihrer furchtbaren Lage 
voll Würde benommen.» 

Diese gnädigen Worte wirkten erhebend auf 
mich. 

Ich fühlte, daß Seine Majestät keinen Augen- 
blick daran zweifelte, daß ich selig gestorben 
wäre, wenn ich jenen Dolchstoß hätte von der 
Kaiserin abwehren und selber empfangen können. 

An der Stelle, wo man in der Burgkapelle 
die Kaiserin aufgebahrt hatte, begegnete ich dem 
Kaiser zum ersten Male. Ein Schwindel ergriff 
mich, als er auf mich zutrat. 

«Ich danke Ihnen für alles, was Sie für ,sie* 
getan haben.» Mehr hörte ich nicht von seinen 
Worten und als er meine Hand küßte, glaubte 
ich vor ihm niedersinken zu müssen. 

Darauf ersuchte er mich, am nächsten Tage 
zu ihm nach Schönbrunn zu kommen, weil er mit 
mir sehr viel von der Kaiserin sprechen wolle. 



i8g8. 269 

Herzergreifend war diese meine traurige 
Audienz. Als ich ihm die silberne Uhr samt den 
kleinen Berloques der Kaiserin übergab und die 
Medaille der heiligen Jungfrau, die sie in ihrer 
Todesstunde am Herzen getragen, durchwogte 
ein großer Sturm die Seele des Kaisers. Schwere 
Tränen rollten über seine Wangen herab, wäh- 
rend ich alle Einzelheiten der furchtbaren Ka- 
tastrophe erzählte. Außer mir hatten diese 
Tränen keine anderen Zeugen als die wenigen 
Orchideen, die ich vom Herzen der Kaiserin weg 
dem Kaiser überbracht hatte. Nachdem ich alles 
erzählt, schwieg der Kaiser einige Augenblicke. 
Dann richtete er die Frage an mich: «Haben Sie 
etwas von ihrem Haare abgeschnitten?» «Nein, 
Majestät,» entgegnete ich, «ich brachte das nicht 
über mich, weil ich wußte, wie sehr sie auf ihr 
Haar hielt.» — «Sie hatten recht, Sie taten gut 
daran. » 

Die lange Audienz war zu Ende. Als ich 
ging, küßte mir der Kaiser wieder die Hand, Ich 
muß dies festhalten. - - Seine großen Tugenden, 
seine glänzenden Eigenschaften und seine Weis- 
heit wird die Geschichte aufzeichnen, die der 
Nachwelt von einem großen Herrscher erzählen 



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wird. Diese kleinen Tatsachen aber, diese beiden 
Handküsse, mögen von dem großen, edlen 
Herzen des Menschen sprechen. 

Noch am nämlichen Tage kam meine Mut- 
ter an. 

Die edle Seele ließ ihren Blick über mich 
gleiten wie der Landwirt über sein Herzenskind, 
seinen Weinberg, der in der verflossenen Nacht 
von einem Hagelsturme heimgesucht worden. 



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DB Sztaray, Irma, grofno 

°° Aus den letzten Jahren 

der Kaiserin Elisabeth